Frauenfußball

Ein Interview und die Folgen

Die erste Arbeit, die ich von Frank Castorf sah, begann damit, dass Hamlet aus einem Schrank kam und sich in den Fuß schoss. Und die ersten Zuschauer erhoben sich und verließen das Auditorium. Ob sie diese drei Minuten Theater jemals vergessen werden?

Schon immer hat Castorf fast besessen provoziert, nicht nur durch die Länge seiner Inszenierungen. Das Publikum an der Volksbühne musste immer wieder über Stöckchen springen und dabei zusehen, wie das Theater riesige Fettnäpfe durchpflügt, die es sich selber hingebaut hat. Und hat es geliebt.

Auf die Frage der Interviewerin Christine Dössel, warum er als Volksbühnenintendant so wenig Regisseurinnen engagiert habe, antwortet Castorf jetzt in der Süddeutschen Zeitung: „Wir haben eine Frauen-Fußballweltmeisterschaft und eine Männer-Fußballweltmeisterschaft und in der Qualität der Spiele unterscheidet sich das schon sehr.“ Das ist in erster Linie zutreffend, in zweiter höflich (Damen vor Herren) und in Verbindung mit der Frage ein flacher Witz oder eben eine Provokation im alten Castorf-Stil. Es kann ja niemand ernsthaft glauben, dass der ständig theatralisch durch die Geistesgeschichte pflügende Altmeister sich dieses Brett, mit dem er hier genüsslich wackelt, nicht selber vor den Kopf genagelt hat.

Niemand? Aber wir sind doch in Deutschland. Wenn hier die Grenzen der Political Correctness nur berührt werden, gründet sich fast automatisch irgendwo eine neue Einheit der Achtsamkeits-Polizei, in diesem Fall vertreten durch die Dramaturgin Felizitas Stilleke, die eine Lieblingswaffe der Rechtschaffenen, einen Offenen Brief initiiert hat, supported von 631 Künstlerinnen und -lern. Darin zieht sie zu Felde gegen den „white male privileged ‚Gedanken- und Assoziationsstrudel‘“ und vermisst den Punk. In dem übrigens Offene Briefe eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben. In diesem hier wird zusätzlich die „Differenz zwischen Männer- und Frauenfußball“ offen in Frage gestellt. Das ist natürlich eine Frage der Sichtweise. Konnte man vor Jahren noch sagen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern stets frisch frisiert und geschminkt im Nationaltrikot vor die Kameras treten, haben die Herren der Schöpfung in dieser Hinsicht absolut gleichgezogen. Und selbst die Aussage, der Herrenfußball sei doch erheblich schneller, kraftvoller und dynamischer, relativiert sich, wenn man sieht, wie der eine oder andere deutsche Mittelfeldspieler bei der WM nach Ballverlust in, wenn es hochkommt, apathischen Trab verfallen ist.

Frank Castorf mag übrigens Christiano Ronaldo besonders gern. „Weil er außerhalb der Welt existiert. Er lässt das auch jeden spüren. Also wird er gehasst. Und deshalb ist Ronaldo großartig, autonom, ein Wunder.“ Das geht wiederum mir extrem auf den Allerwertesten, dieses Mann-Künstler-Ding, wo man ein Gott wird, wenn man nur sein Ego genug überzüchtet und sich lange genug für einen hält. Das ist mir persönlich bei Frauen – und das finde ich super!  – noch nicht begegnet, was vielleicht aber mit daran schuld ist, dass sie nicht so oft in Führungspositionen vorstoßen wie die Kerle. Aber vermutlich ist auch das nur  –  Provokation. Reingefallen.

In dem Interview ging es übrigens eigentlich um Castorfs Inszenierung von Molieres „Don Juan“. Über den Titelhelden sagt er: „Unter Männern wäre der ein Weib. (...) Der ist ein Intellektueller. Ein Tänzer. Ein Zyniker.“ Kein bodenständiger Muskelmann also, sondern eine innere Superheldin. Das ist nun wieder ein so rührend altmodisches Geschlechterbild, dass man den betagten Theaterguru-Zausel dafür am liebsten knuddeln würde. Was ihm übrigens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit viel unangenehmer wäre als 100 Offene Briefe.