Die Freiheit der Andersdenkenden

Uwe Eric Laufenbergs „Parsifal“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen ist bei der professionellen Kritik auf wenig Gegenliebe gestoßen. Das hat den Regisseur offenbar so geärgert, dass er nun auf nachtkritik.de mit einer ausgreifenden Polemik antwortet, die dem Zustand insbesondere der deutschen Theaterkritik ein denkbar schlechtes Zeugnis ausstellt Unter der schönen, allerdings etwas windschiefen Überschrift „Antwort an die Schnellvernichter“ (schief, weil die „Schnellvernichter“ erkennbar weder auf Antwort noch auf schnelle Vernichtung aus waren – sie haben halt zur Inszenierung gesagt, was sie zu sagen hatten) attestiert Laufenberg großen Teilen des Feuilletons „Voreingenommenheit“: Sie hätten sich in ein geschlossenes System begeben, das „die unvoreingenommene Betrachtung eines Theater- oder Opernabends“ nicht mehr zulasse. Hat er Recht?

„Macher“ wie er, so argumentiert Laufenberg, könnten sich über genau beschreibende Besprechungen in der New York Times oder im Londoner Telegraph freuen. Die deutschen Feuilletonisten dagegen würden von den internationalen Kollegen belächelt, weil sie so sorgsam das einhegten, was man außerhalb Deutschlands als „German trash“ bezeichne. „Das eigentliche Stück darf nur Anlass sein, nicht eigentlich vorkommen.“ Dieses geschlossene System des „German Trash“ akzeptiere ausschließlich die „Überschreibung, die, wenn möglich, vollständige Übermalung“ des eigentlichen Gegenstandes. Es sei ein Gefängnis. „Mein größtes Bedürfnis ist, daraus auszubrechen.“

Nun ist es ja nicht erstaunlich, dass ein Regisseur seine Inszenierung anders beurteilt als die Kritiker. Im Gegenteil: Es ist geradezu das Signum unabhängiger Kritik und damit der Grund für die Arbeitsteilung zwischen Künstler und Kritiker. Sonst könnte man die Kunstbetrachtung gleich den Künstlern überlassen, denn die, so lautet ein schönes Argument, werden ja wohl am besten wissen, was sie gemacht haben. In der Tat: Sie wissen es viel zu gut. Das nennt man dann gelegentlich auch Betriebsblindheit. Und sie haben sogar ein legitimes professionelles Recht auf produktive Betriebsblindheit – solange sie diese nicht, wie Laufenberg, zum Maßstab erheben. Kunst hat immer etwas mit Entschiedenheit, Authentizität, mit Subjektivität, ja auch mit Radikalität zu tun. Und also auch mit Voreingenommenheit. Genau deshalb aber braucht es den unabhängigen Kritiker. Mit dem aber steht Laufenberg offenbar auf Kriegsfuß. Schon seine Formulierung, dass die Kritiker ihre Freiheit „einseitig“ benutzten, ist ja verräterisch. Wer anderen Vorschriften über Nutzung ihrer Freiheit macht, schränkt diese ein. Es gibt den schönen Satz, dass Freiheit sich vor allem als Freiheit der anders Denkenden bewährt. Die Freiheit der übereinstimmenden Meinung dagegen ist wohlfeil.

Laufenberg argumentiert, dass das geschlossene System, in das sich das Feuilleton begeben hätte, dazu führe, dass auf der Bühne „nicht das Gezeigte an sich wahrgenommen“, sondern nur noch überprüft werde, ob das Gesehene ebenfalls ein geschlossenes System anzubieten hat. Aber was wäre denn „das Gezeigte an sich“, das der Kritiker gefälligst wahrzunehmen hätte? Er ist vielleicht besonders erfahren, geschult, gebildet. Aber gerade darum ist er auch „einseitig“. Und er kann, wie jeder andere „normale“ Zuschauer auch, gar nicht anders, als „das Gezeigte“ vor dem Hintergrund seiner früheren Erfahrungen zu entschlüsseln. Und wenn das Gesehene diesen widerspricht, sucht er natürlich nach dem „System“, das dahintersteckt – nach der inneren Kohärenz des Kunstwerkes. Er will es ja verstehen. Der Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer nannte das den „Vorgriff der Vollkommenheit“. Und Laufenberg hat ja Recht: Genau hier liegt für den Kritiker die Gefahr einer Déformation professionnelle, weil natürlich die Verführung, sich ein Raster zu zimmern, nach dem man dann reflexhaft urteilen kann, gerade für denjenigen groß ist, der dauernd urteilen muss. Deshalb sollte ein professioneller Kritiker über Techniken verfügen, seine Eindrücke ein Stück weit zu objektivieren. Wenn Laufenberg aber diesen ganzen Verstehensprozess unter den Maßstab eines „Gezeigten an sich“ stellt, liegt er vollkommen schief. Kunst ist geradezu konstitutiv definiert dadurch, dass ihre Wahrnehmung immer schon („a priori“, wie das in der Erkenntnistheorie heißt, denn es geht gar nicht anders) subjektiv gefärbt ist – so dass ich mich als Zuschauer rechtens der Illusion hingeben darf, dass ein Kunstwerk mich ganz persönlich anspricht und betrifft. Wenn nun ein Künstler wie Laufenberg vor diesem Hintergrund ausgerechnet vom Kunstkritiker erwartet, dass er ein „Gezeigtes an sich“ wahrnimmt und ausschließlich dieses „weiterdenkt und kritisiert“, unterstellt er der Kunst eine Wahrheit an sich, die offenbar nur der Schöpfer, Laufenberg selbst, kennt. Dieses Kunstverständnis ist antiquiert. Indem Laufenberg mit diesem Argument den Kritikern Voreingenommenheit unterstellt, liefert er ein Beispiel für seine eigene Voreingenommenheit.

Was also bleibt am Ende? Am Ende bleibt die Einsicht, dass in Bezug auf die Kunst weder der Künstler noch der Kritiker unvoreingenommen sein kann. Und dass auf beiden Seiten, beim künstlerischen Schaffen wie beim künstlerischen Verstehen, gerade die Voreingenommenheit (Gadamer sprach von Vorurteilen) sogar ein produktives Moment ist. Gerade deshalb aber sollte auch der Künstler, wie die Gesellschaft überhaupt, dem Kritiker seine Unabhängigkeit und Freiheit zugestehen. Doch Laufenbergs ganze Argumentation verrät ein gestörtes Verhältnis zur Freiheit der Kritik. Deshalb muss man ihm deutlich widersprechen.

Detlef Brandenburg