Doch Kunst?! Zur Besetzung der Berliner Volksbühne

Was sich schon seit längerer Zeit gerüchteweise ankündigte, ist nun geschehen: Eine Gruppe von Aktivisten hat am Freitag die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besetzt, sie soll „für die Dauer der Inszenierung“ (geplant sind drei Monate) kollektiv verwaltet werden.

Wenn das Kollektiv regiert, vermischen sich eben auch gern mal die Ziele: Man ist gegen Gentrifizierung und eine von neoliberalen Interessen geleitete Stadtentwicklung, für Feminismus und Gleichstellung, man ist nicht gegen Dercon "persönlich", hofft aber andererseits, einige Schauspieler aus dem ehemaligen Castorf-Ensemble für Aufführungen zu gewinnen... Wer sich, wie ich, nur aus der Ferne, sprich: anhand der Flut von Medienberichten und der Internetseite der Aktivisten ein Bild machen kann, hat den Eindruck, dass es den Besetzern zumindest in den ersten 24 Stunden vor allem darum ging, sich selbst zu feiern. Das Programm – einsehbar auf einer eigenen Website – wirkt ironischerweise ähnlich interdisziplinär und schauspiel-entfernt wie das von Dercon, angekündigt werden Kurzfilme, Parties, Konzerte, Diskussionen und Kinderschminken. Mag ja sein, dass es mal an der Zeit war für eine Protestaktion gegen die Gentrifizierung – als solche versteht sich das Ganze ja unter anderem auch. Und mag sein, dass Dercon am Rosa-Luxemburg-Platz ein Vakuum hinterlassen hat. Aber ein öffentlich getragenes Theater zu besetzen und damit die Freiheit der Kunst derart für sich zu beanspruchen, dass man sie anderen (in diesem Fall dem Intendanten Chris Dercon und seinem Team) nicht zugesteht, ist aus meiner Sicht einfach nur anmaßend.

Für Dercon wird es durch diese Vorgänge jedenfalls noch schwerer als sowieso schon – Hausfriedensbruch hin oder her. In einer neuen Verhandlungsrunde möchte er nun auf die Besetzer zugehen, wie am gestrigen Dienstagabend der Senat in einer Pressemitteilung ankündigte. Eine Deeskalation wäre wünschenswert. Die Besetzer ins Boot zu holen, um diese "theatrale Performance" ein Stück weit zu einer Volksbühnen-Angelegenheit zu machen, dürfte die klügste Strategie für die Leitung des Hauses sein. Denn sollte es Dercon nur unter Polizeischutz bzw. nach behördlicher Räumung möglich sein, das Haus weiter zu leiten, wäre das ein enormer, womöglich irreparabler Image-Schaden.

Bettina Weber