Bert Neumann, geboren 1960, gestorben 2015. © Foto: DRAMA
Menschen

Zum Tod von Bert Neumann

Berlin. Bert Neumann, der mit seiner Ästhetik die Berliner Volksbühne prägte und durch seine eigenwillig unheilen Bühnenbildner zahlreiche bedeutende Inszenierungen anderer Regisseure ermöglichte, ist völlig überraschend im Alter von 54 Jahren gestorben. Wir bringen einen Nachruf auf den wohl wichtigsten Bühnenbildner seiner Generation.
Meldung vom 31.07.2015

Wann wäre die Nachricht vom Tod eines Menschen, an dessen künstlerischem Wirken man über Jahrzehnte Anteil genommen hat, nicht traurig? Und was heißt es dann, dass einem der plötzliche Tod von Bert Neumann so nahegeht? Ist es vielleicht das Gefühl, dass man ihn, der 54 Jahre alt wurde, noch als absolut gegenwärtig wahrgenommen hat? Dass man auf ihn gerechnet hat, dass man gehofft hat auf weitere Bühnenwelten, die in ihrer unheilen Disparatheit die Menschen so nackt und bloß ausgestellt und die geordnete Welt des gespielten Dramas so gnadenlos ins Offene, Ungewisse aufgebrochen haben? Das war ja das Großartige an seinen Bildern, die nie Bilder waren, sondern immer Herausforderungen, kunstvoll gestaltete Leerstellen, die der Regisseur zu füllen hatte, jenseits aller Konvention.

Wenn Neumann für Castorf arbeitete, dann wurde diese produktive Destruktion längst nicht mit solcher Deutlichkeit sichtbar wie bei anderen. Das lag daran, dass Castorf und Neumann in wahrhaft kongenialer Eintracht (oft genug wohl auch in kongenialer Zwietracht) ans Werk gingen. Aber bei Jossi Wieler oder Peter Konwitschny beispielsweise haben diese Bühnen erst ihr ganzes forderndes, produktiv dekonstruktives Potential entfaltet und dadurch Inszenierungen von einer überwältigenden Kraft ermöglicht. Namentlich mit diesen beiden Regisseuren transportierte Neumann die Ästhetik der Dekonstruktion auch in die Oper und wurde  damit erneut zum Pionier. Und das nachdem er an der Volksbühne, mit Castorf, mit Schlingensief, mit Pollesch ein ganze Theaterepoche gestaltet hatte. Seine Bedeutung in diesem Kontext ist theatergeschichtlich wohl nur noch mit der von Wilfried Minks für Kurt Hübners Bremer Theateraufbruch vergleichbar, als das Theater von Achtundsechzig seinen Anfang nahm. Die Ästhetik der semantisch offenen und strukturell so verschachtelten Räume, das Video als Forschungsmedium in diesen Labyrinthen, die völlig neue Art von Schauspiel jenseits der Geborgenheit in einer verfestigten „Rolle“ – all das hat Neumann ermöglicht und stimuliert.

Dabei war seine Ästhetik nicht nur eine  Epochenmarke, sondern auch eine historische Schnittstelle. Denn vor allem war die Volksbühne natürlich "Ost": ein Ort der heruntergekommen Herrlichkeit, des schmuddeligen Glanzes, der billigen Exzesse unter Jahrmarktslichterketten. Die Volksbühne hat mit dieser Ästhetik dem Ostgefühl eine Heimat gegeben, eine Heimat mit der Patina des Untergegangenen. In diesem schäbigen Schrein war auch das Wissen eingeschlossen, dass der "Wir sind das Volk"-Aufbruch einstmals, zumindest für viele vor allem aus der Kunst- und Intellektuellen-Szene, etwas anderes bedeutet hatte als den möglichst schnellen Anschluss an die West-Mark und den West-Markt – an „die Banane“, wie das Wolfgang Engel mal spöttisch im Interview mit mir ausgedrückt hat. Im schwiemeligen Dämmer der Volkbühne lebte auch die Erinnerung an den Traum von einem anderen Deutschland. Und dieser Erinnerung – nur ihr, und keineswegs dem Traum selbst, denn der war ausgeträumt, und das wusste man gerade hier ganz genau – dieser Erinnerung hat Neumann eine Ästhetik jenseits aller Nostalgie gegeben.

Bald wird Castorf die Volksbühne verlassen. Dann wird die durch ihn geprägte Epoche endgültig Vergangenheit sein. Und nun ist Bert Neumann tot, dem man immer noch zutrauen konnte, etwas von dieser Epoche in den Inszenierungen mit anderen Regisseuren zu bewahren – "aufzuheben" im Hegelschen Doppelsinn. Deswegen das Gefühl, dass wir ihn noch so nötig gebraucht hätten. Und deswegen dieses große Erschrecken über einen furchtbar schmerzhaften Verlust.

Detlef Brandenburg