© Foto: Steffen Honzera
Menschen

Zum Tod der Künstlerin rosalie

Stuttgart. Mit großer Trauer mussten wir heute die Nachricht entgegennehmen, dass die Bildende Künstlerin und Bühnenbildnerin rosalie verstorben ist. Damit verliert die Theaterwelt nicht nur eine geradezu unbändig aktive und kreative Gestalterin von Bühnenräumen und Lichtinstallationen, sondern auch wir hier in der Redaktion verlieren eine Dialogpartnerin, die uns über viele Jahre begleitet, inspiriert und immer mal wieder auch konstruktiv kritisiert hat.

Der Kontakt zu ihr begann in Bayreuth 1994, als sie für den „Ring“ ihre wunderbar ästhetischen Bühnenräume geschaffen hatte, über die wir bald im Gespräch miteinander waren. Als die Redaktion der DEUTSCHEN BÜHNE 2007 beschloss, die Gestaltung ihrer Titelseiten in die Hände von Bühnenbildnern und Bühnenbildnerinnen zu legen, war sie sofort Feuer und Flamme und beschenkte uns im Jahr 2012 mit zwölf wunderbar verspielten Titelcollagen, immer mit Bezug zum jeweiligen Schwerpunkt des Heftes. Auch sonst haben wir viele Projekte miteinander gemacht, sie war für uns als Autorin tätig, wir haben immer wieder ihre Bühnenbildner rezensiert, meine letzte indirekte Begegnung mit ihr war das Projekt der Hamburgischen Staatsoper „Mahler 8“ in der Elbphilharmonie, zu der sie eine Lichtinstallation beisteuerte. Programmieren konnte sie die Steuerung für die Leuchtstelen noch, aber bei der Premiere am 28. April dieses Jahres war sie bereits im Krankenhaus.

rosalie wurde natürlich nicht unter diesem Namen geboren – sie kam 1953 in Gemmrigheim als Gudrun Müller auf die Welt, studierte zunächst in Stuttgart Germanistik und Kunstgeschichte und wandte sich erst dann dem Studium der Malerei, Grafik und Plastik und schließlich ab 1977 dem Bühnenbild bei Jürgen Rose zu. Seit 1979 entwarf sie – oder nein, sie selbst würde sagen: „kreierte“ sie experimentelle Raum- und Figurenkonzepte. Daneben gibt es von ihr, die wahrlich den großen Aufriss liebte, aber auch bezaubernde Malereien, teils fast intim. Sie war als Installationskünstlerin und Bildhauerin tätig und schuf vor allem in den letzten Jahren großformatige Lichtinstallationen. Eine davon illuminierte 2015 raumgreifend in die Stadt hinein strahlend die Glasfassade der Hamburgischen Staatsoper zum Start der Intendanz von Georges Delnon. Außerdem war sie seit 1995 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main Professorin mit Lehrstuhl für Bühnen- und Kostümbild.

Schon ihre erste größere Arbeit fürs Theater, die Ausstattung für Hans Werner Henzes „Pollicino“ bei den Schwetzinger Festspielen (Regie: Ernst Poettgen), markiert 1981 einen Tätigkeitsschwerpunkt ihrer Theaterarbeiten: Zeitgenössisches Musiktheater und Tanz. Mit dem 2004 ebenfalls schockierend früh verstorbenen Choreographen Uwe Scholz verband sie eine enge und langfristige Zusammenarbeit, bei der Münchener Biennale für neues Musiktheater schuf sie Bühnenbild und Kostüme für „Leyla und Medjnun“, die erste Oper eines heute berühmten Komponisten: Detlev Glanert. Mehrfach, wie auch beim bereits erwähnten Bayreuther „Ring“, arbeitete sie mit Alfred Kirchner zusammen, 2006 erregte ihre Lichtinstallation zu Friedrich Haas‘ „HYPERION – Konzert für Licht und Orchester“ bei den Donaueschinger Musiktagen große Aufmerksamkeit. Daneben gab es Ausstellungen, zuletzt eine enge Kooperation mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und mit dessen Leiter Peter Weibel, der auch mehrere eindrucksvolle Bildbände über ihr Werk veröffentlichte.

rosalies Ästhetik war nie unumstritten. Immer wieder wurde ihr der Vorwurf des allzu Schönen und allzu harmlos Spielerischen entgegengehalten. Ihre Bayreuther Tetralogie ging unter dem durchaus nicht immer schmeichelhaft gemeinten Namen „Designer-Ring“ in die Interpretationsgeschichte ein. Aber man sollte nicht unterschätzen, welche Kraft auch das Schöne, das mit sich selber spielt, zu entfalten vermag. rosalie hat mit ihrer Kunst, die sie geradezu manisch immer weiter entwickelte, viele Menschen erreicht und fasziniert. Ich gehöre dazu. Auch deshalb wird sie mir sehr fehlen. Aber wer weiß, vielleicht bringt sie nun die Sterne dazu, noch ein bisschen schöner zu leuchten? Zuzutrauen wär’s ihr.
Detlef Brandenburg
Meldung vom 12.06.2017