Pegida und die Tonkunst

Man nimmt in diesen Tagen merkwürdige Eindrücke mit nach Hause, wenn man zu einer Opernpremiere nach Dresden fährt. Versenkt sich abends in die wahrlich weltfernen Komplikationen von Àlex Ollés „Pelléas et Mélisande“-Inszenierung an der Semperoper, geht dann nächtens über den Theatervorplatz, wo sich für den folgenden Sonntag wieder Zigtausende Pegida-Sympathisanten angesagt haben, um gegen das zu Felde zu ziehen, was sie die „Islamisierung des Abendlandes“ nennen. Und morgens beim Frühstück lächelt einem der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle gewinnend aus der Sächsischen Zeitung entgegen, mit eben der Semperoper im Hintergrund, in der man abends zuvor noch gewesen ist.

„Ohren auf!“ steht über dem Artikel. Das bezieht der sonst eher musikbewegte Mann aber nicht auf die Durchführungspassagen in Beethovens Sinfonien, sondern auf die Sorgen der Menschen – wegen der Islamisierung des Abendlandes. Er sagt das so natürlich nicht wörtlich. Aber in der Tendenz besteht kein Zweifel: Deutschlands berühmtester Dirigent outet sich als Pegida-Versteher. Und gerade das Nicht-deutlich-werden ist so typisch für die Rhetorik der Toleranz am falschen Ort. Nein: Da steht nichts, was dem expliziten Wortlaut nach Anstoß erregen könnte – auch nicht bei Pegida-Aktivisten. Aber genau diese Indifferenz ist so interpretations- und anschlussfähig. Es ist die kompromisslerische Haltung, die auch konservative Teile der Politik an den Tag legen: Man will zuhören, Verständnis zeigen, vereinnahmen, man erweitert zu diesem Zweck das, was sich selbst gern als „bürgerliche Mitte“ apostrophiert, dezent ein bisschen weiter nach rechts – und plötzlich werden Haltungen salonfähig, die bislang aus gutem Grund hinter dem Ofen geblieben waren.

Verräterisch ist aber auch der Kontext, in dem der Artikel des Chefdirigenten – er heißt übrigens Christian Thielemann und hat auch an der Semperoper einen gewissen Einfluss – steht. Da ist auf der einen (Zeitungs-)Seite eine Werbeanzeige für Offen und Bunt, das Stadtfest, bei dem alle möglichen Künstler für ein weltoffenes, tolerantes Dresden auftreten. Herbert Grönemeyer ist dabei, Wolfgang Niedecken, das Heinrich Schütz Konservatorium... Der Name Christian Thielemann würde die bunte Anzeige zieren. Er ist aber leider nicht verzeichnet. Auf der anderen Seite findet sich auf der Sportseite ein Artikel über die Kumpanei zwischen Pegida und den Hooligans von Dynamo Dresden. Hooligans? Islamfeindlichkeit? Ja, da war mal was. Wer Genaueres wissen möchte, sollte in Köln mal nachfragen, was dort bei der Kundgebung der Hooligans gegen Salafisten so los war. Und die gut gebauten Jungs im Umfeld von Dynamo Dresden waren ja auch vorher schon nicht unbedingt durch Zimperlichkeit zu Ruhm gekommen. Aber auch der im Artikel zitierte Dynamo-Geschäftsführer eiert herum – wie der berühmte Dirigent. In einem Aufruf von Dynamo heißt es, man müsse die Sorgen der Bürger ernst nehmen, in einen offenen und fairen Dialog eintreten, ihren berechtigten Interessen zuhören – genau: „Ohren auf!“

Thielemann kann nichts für den Kontext seines Artikels. Er kam durch Zufall zustande. Aber einer wie er sollte wissen, dass der Ton die Musik macht. Hier macht der Ton die Haltung. Und der Kontext erleichtert die Zuordnung.

Detlef Brandenburg