Oper für Totengräber

Eine Schmierenkomödie. Anders kann man das, was sich derzeit in der Chefetage des Wuppertaler Opernhauses abspielt, nicht mehr nennen. Oder auch ein Parabelspiel, nämlich ein warnendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn sich die lokale Politik zum Werkzeug eines egozentrischen Generalmusikdirektors macht, den sie aus mehr oder minder guten Gründen für einen Pultstar hält und ihn deshalb um jeden Preis in der Stadt halten will.

Der Preis war in Wuppertal das Opernensemble. Und der Pultstar heißt Toshiyuki Kamioka. Seit 2004 ist er an der Wupper Generalmusikdirektor, hoch angesehen in der Stadt, er gilt als begnadeter Orchesterbefeuerer. Und da die Stadt unter ihrem Oberbürgermeister Peter Jung ohnehin einen rabiaten Theatersparkurs fährt, lag es aus Wuppertaler Kirchturmpolitikersicht nahe, den temperamentvollen GMD auch gleich zum Opernchef zu machen. Zu Beginn der laufenden Saison trat Kamioka sein Amt an und erregte gleich Aufsehen – allerdings weniger durch tolle Opernabende als vielmehr durch die tollkühne Idee, auf ein eigenes Ensemble zu verzichten. Alle Opern werden jetzt mit Gastsängern besetzt und dann jeweils in einer relativ dicht gedrängten „Suite“  heruntergespielt: ein „En-suite-System“, tauglich für die vergleichsweise dünnen Spielpläne italienischer oder französischer Opernhäuser, im deutschen Stadttheater aber immer wieder gescheitert, weil das Publikum hier Vielfalt  und Kontinuität im Spielplan und die Identität eines eigenen Ensembles erwartet. Deshalb hatte Stefan Keim in der DEUTSCHEN BÜHNE schon vor ein paar Monaten gewarnt, dass Kamioka zum Totengräber des zuvor sehr vitalen und experimentierfreudigen Wuppertaler Opernhauses werden könnte.

Dieser Rolle macht Kamioka nun alle Ehre. In Wuppertal ist nämlich ist ein bizarrer öffentlicher Streit zwischen ihm und dem Oberbürgermeister Jung darüber entbrannt, ob und wenn ja in welchen Ämtern Kamioka über 2016 (!) hinaus in Wuppertal zu bleiben gedenkt. Es lohnt nicht, hier alle Winkelzüge des wenig harmonischen Notenaustausches zwischen dem „Pultstar“ und seinem ihm vormals so willfährigen OB nachzuvollziehen oder über die Gründe zu spekulieren – aber erst das Haus nach Gutdünken zu schleifen und dann bereits wenige Monate nach Antritt seines bis 2019 währenden Vertrages mit einem vorzeitigen Weggang auch nur zu liebäugeln: das ist eine durchschlagende Dreistigkeit und eine Katastrophe für die Oper Wuppertal. Träte ein, was sich hinter den Nebelschwaden der hin und wider gehenden Meldungen abzeichnet, bräuchte Wuppertal binnen kürzester Frist einen neuen Intendanten für ein künstlerisch entkerntes Opernhaus. Die begabten Theatermacher werden sich sicher um diesen Traumjob reißen. Oder die Totengräber.

Detlef Brandenburg