Extrem elitär

In einem Interview vom Wochenende mit Deutschlandradio Kultur hat sich der Theatertreffen-Juror Till Briegleb ausdrücklich dazu bekannt, dass das Berliner Treffen der sogenannten Besten eine „elitäre Veranstaltung“ ist. Das ist ja zunächst mal ein Eingeständnis von sympathischer Ehrlichkeit und im Übrigen natürlich ein simple Tautologie: Wo „die Besten“ sich treffen, da muss es schon per definitionem elitär zugehen. Interessant ist aber, wie Briegleb den Begriff des Elitären als Denunziation jener kleineren Häuser instrumentalisiert, die schon seit Jahren beim Theatertreffen keine Chance mehr bekommen.

Die kleinen Theater, so der Juror, könnten den Maßstäben der Jury schon deshalb nicht genügen, weil es nun mal die großen Häuser mit dem vielen Geld sind, die Regisseure verpflichten können, die „die interessanten Dinge machen“, und Schauspieler „die wirklich upper class sind“. Es habe deshalb „überhaupt keinen Sinn, in die Provinz zu gehen, und den Leuten die Hoffnung zu geben, sie könnten zum Theatertreffen eingeladen werden, wenn die ganzen Voraussetzungen dafür nicht da sind.“

Das ist eine kühne Volte. Sie zeugt, wenn schon nicht in der persönlichen Haltung, dann aber umso mehr in der Struktur des Arguments, von einer erschreckenden Arroganz gegenüber den kleineren Theatern. Man kann doch nicht „die Provinz“ in Bausch und Bogen für Theatertreffen-untauglich erklären und diese Behauptung dann als Begründung hernehmen, warum man solches Provinztheater gar nicht erst anschaut. Nach dem Motto: Ich lasse mir mein schönes Vorurteil doch nicht durch irgendeine authentische Erfahrung verwässern! Das ist ein lupenreiner Zirkelschluss: Unter der Voraussetzung, dass kleine Theater nicht satisfaktionsfähig sind, muss ich mir deren Aufführungen nicht anschauen. Ich müsste mir aber doch erst mal die Aufführungen anschauen, um zu beurteilen, ob die Voraussetzung stimmt, oder?

Und es ist auch schlicht nicht wahr, dass „das deutschsprachige Theatersystem extrem elitär“ sei. Im Gegenteil: Charakteristisch für die deutsche Theaterszene ist gerade ihre Vielfalt ganz unterschiedlicher Theatertypen, ja: charakteristisch ist gerade auch ist die von Briegleb mit Missachtung abgestrafte Provinz. Denn die gibt es – im Gegensatz zu den großen Metropolen-Bühnen – in den meisten anderen Ländern so gar nicht. Und ich kann nach meiner durchaus authentischen Provinzerfahrung nur sagen, dass ich immer wieder erstaunliche, beglückende Leistungen an kleinen Bühnen abseits der Zentren erlebe. Deshalb habe ich den Eindruck, dass das Etikett „extrem elitär“ viel besser zur Haltung der Jury des Theatertreffens passt als zum deutschen Theatersystem. Und genau deshalb gibt das Theatertreffen schon seit Jahren kein authentisches Bild der deutschen Theaterszene mehr wieder.


Detlef Brandenburg