Ein Strohfeuer

für Rostock

An dem Tag, an dem die Beschlüsse des Rostocker Stadtrates zur faktischen Halbierung des Volkstheaters öffentlich wurden, hat DdB-Redakteurin Bettina Weber unsere Solidarität mit dem Theater und unser Entsetzen über diesen politischen Umgang mit einer der traditionsreichsten Bühnen der neuen Bundesländer hier zu Protokoll gegeben. Dem wäre eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, wenn nicht unser Kollege Dirk Pilz der Causa Rostock auf nachtkritik.de jetzt eine seltsame Wende gegeben hätte. Pilz bekundet seine „Verwunderung und Enttäuschung, dass der Bühnenverein keine Pressemitteilung, keine Stellungnahme oder dergleichen abgegeben hat, nachdem die Kürzungen in Rostock beschlossen wurden.“ So stellt er es in einem Posting zum seinem Hauptbeitrag ausdrücklich noch ein mal klar.

Damit allerdings laviert er bereits. Denn in der Kolumne selbst, unter der bösen Überschrift „Es lebe der Beitragszahler“, ist der Vorwurf noch krasser: Wenn Pilz unterstellt, der Deutsche Bühnenverein habe das Theater in Rostock nicht mehr unterstützt, weil es aus dem Bühnenverein ausgetreten ist, wirft er letzterem eigentlich sogar einen Verstoß gegen die eigene Satzung vor: Es gehe dem Bühnenverein gar nicht um die einzigartige Vielfalt der Theater- und Orchesterlandschaft, sondern nur noch „um Bühnenvereinsbeitragszahler“. Das ist starker Tobak. Der brennt allerdings nur deshalb so heiß, weil Pilz jede Menge Stroh drunter gemischt hat. Ja, Pilz hat mit seiner Nachtkritik-Kolumne ein Strohfeuer angezündet. Nun lodert eine neue Debatte um die Haltung des Bühnenvereins zur Kaputtsanierung des Theaters Rostock. Diejenigen, die wirklich für diese Kaputtsanierung verantwortlich sind, nämlich die Politiker in Rostock und Schwerin, hätten sich das nicht besser ausdenken können. Vor allem aber: Hätte Pilz recherchiert, bevor er Meinung bekundet, hätten ihm die Vertreter des Bühnenvereins einiges von dem erzählen können, was sie sie seit Jahren und auch noch nach Bekanntwerden der Rostocker Austrittsabsicht alles getan haben, um das Theater zu unterstützen und den sich abzeichnenden Kahlschlag zu verhindern. Dann hätte er allerdings kaum noch so forsch formulieren können.

Da der Bühnenverein der Herausgeber der DEUTSCHEN BÜHNE ist, haben wir alle hier in der Redaktion viele seiner Bemühungen um das Volkstheater unmittelbar miterlebt – ebenso übrigens wie die Tatsache, dass er trotz der zum Teil stillosen Begleitumstände des Austritts die Tür zu einer Rückkehr immer offen gehalten hat. Pilz lenkt mit seinem schlecht recherchierten Kommentar in journalistisch fragwürdiger Weise vom eigentlichen Rostocker Skandal ab. Dieser Skandal besteht darin, dass die Stadtratsmehrheit in Rostock und der Kulturminister in Schwerin in unschönem Schulterschluss ein großes, traditionsreiches Theater in einer vergleichsweise durchaus florierenden Kommune seiner Spartenvielfalt berauben wollen. Schade, dass Pilz in seiner Kolumne zu diesem Skandal selbst nur wenig Haltung entwickelt. Und um so grotesker, dass er anderen diesen öffentlichen Haltungsmangel zu Unrecht vorwirft.

Detlef Brandenburg