© Foto: Iko Freese / DRAMA
Zwischenruf

Zum Tod von Dimiter Gotscheff

von Michael Laages

Der Regisseur Dimiter Gottscheff ist im Alter von 70 Jahren gestorben.

So ist das Debüt nun zum Schlusspunkt geworden – erstmals hatte Dimiter Gotscheff in München am Bayerischen Staatsschauspiel inszeniert, und wie beinahe immer in jüngster Zeit hatte das Lebensthema des Regisseurs die aktuelle Arbeit bestimmt: die Auseinandersetzung mit dem Werk des Dramatikers Heiner Müller. Ohne den hätte es den Bulgaren Gotscheff wohl nie gegeben im deutschen Theater; ohne Gotscheff gäbe es auf deutschen Bühnen kaum noch Inszenierungen von Müllers Texten. Vielleicht gäbe es gar keine mehr…

 

In München war „Zement“ entstanden in Gotscheffs Regie, Müllers Bearbeitung des Gladkow-Romans um Liebe und Verrat in den blutigen Wirren der Revolution; das Publikum im Hamburger Thalia Theater hatte kurz zuvor eine Montage aus unterschiedlichsten Müller-Texten zu sehen bekommen – „best of Heiner“ sozusagen. Klar – auch für Shakespeares dämonische Schurken war Gotscheff zu gewinnen, natürlich auch für Beckett (dessen Texte und Stücke er jetzt noch plante an verschiedenen Bühnen), auch für unterschiedlichstes Antiken-Material und sogar für Peter Handkes noch sehr jungen Text „Immer noch Sturm“; er „konnte“ auch Moliere und „Tartuffe“, Koltés und Arthur Miller, und in ganz mutigen Zeiten beschäftigte sich der Regisseur an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin (und meist in Bühnen-Ideen von Katrin Brack) sogar mit dem „Großen Fressen“ von Marco Ferreri, mit Nikolai Erdmanns „Selbstmörder“ und in einer der überlebensfähigsten Arbeiten mit Tschechows „Iwanow“. Aber jenseits dessen waren es schließlich doch immer Müllers finstre Welten, die ihn bis zum letzten Tag unvermindert angezogen haben. Für Müller ging Gotscheff sogar als Schauspieler auf die Bühne.

 

Mitte der 60er Jahre war Gotscheff als Student der Tiermedizin nach Berlin gekommen – landete aber im Theater; und bei Müller. Die Passion war gesät. Der Nachwuchsregisseur aus Perwomaj im bulgarischen Süden, Jahrgang 1943, folgte Müller nun auf Schritt und Tritt und lernte speziell an der Volksbühne auch andere prägende Profile des DDR-Theaters kennen, etwa Fritz Marquardt. Die erste Berliner Phase endete mit dem Polit-Streit in Folge der Ausweisung von Wolf Biermann. Doch Mitte der 80er Jahre war Gotscheff nach langem Arbeitsverbot in Bulgarien wieder zurück in Deutschland – diesmal im alten Westen: in Köln und Düsseldorf, später in Hannover. Und lange hat er sich erklärtermaßen geziert, den durch die Erinnerung an Müller „geheiligten“ Boden der Volksbühne wieder zu betreten. Die Passion für Müller schloss viel ein: In der Nacht vor Müllers Beerdigung versuchten sich Gotscheff und der Choreograph Johann Kresnik in der Volksbühne (und in schwerstem Trauer-Suff) die Pulsadern zu öffnen; ein Dramaturg karrte beide gerade noch zur rechten Zeit in die Berliner Charité.

 

Gotscheffs Inszenierungen waren gleich an zwei bedeutenden Berliner Bühnen zu sehen, an der Volksbühne und im Deutschen Theater. Er arbeitete immer wieder in Hamburg (wo er wohnte) und neuerdings eben auch in München. Die Arbeiten wurden immer sparsamer in jüngster Zeit, zuweilen glichen sie eher ausgedehnten Leseproben. Am liebsten arbeitete er mit der „Familie“ – Gattin Almut Zilcher und den Schauspielern Samuel Finzi und Wolfram Koch; auch Margit Bendokat gehörte dazu, die Gotscheff noch als Jung-Schauspielerin an der Seite von Jürgen Gosch kennen gelernt hatte. Andere Ensembles sahen sich oft sehr speziellen, auch befremdenden Herausforderungen ausgesetzt in der Arbeit mit Gotscheff: Was nicht „aus dem Unterleib“ hervorbreche, jedenfalls von irgendwo ganz tief drinnen und unten, das zählte nicht für ihn. So brach auch Müllers Sprache hervor aus dem Halb- und manchmal Unbewussten. Die Müller-Montage vom Frühjahr war auch darum so etwas wie ein „letztes Wort“ – ohne dass das irgendjemand hätte ahnen müssen. Viel Alkohol war ja immer im Spiel, auch Melancholie, sogar Resignation; die kurze, schwere Krankheit jetzt aber kam schnell.

 

Gotscheffs Sehnsucht wuchs in jüngster Zeit… wegzukommen vom Theater, wie er es mitgeprägt hatte über mehr als ein Vierteljahrhundert, vielleicht sogar auch mit Müller noch einmal von vorn zu beginnen. Irgendwo. In Brasilien zum Beispiel. Wenn davon die Rede war, schob er die Haar-Gardine vor dem Gesicht besonders schnell beiseite – und der Glanz in den Augen leuchtete noch einmal wie neu.