William Shakespeare

William Shakespeare

Das Shakespeare-Cover ist derzeit zu sehen bei der Ausstellung "A Party for Will! Eine Reise in das Shakespeare-Universum" im Museum für Angewandte Kunst Köln. Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. Juni 2014

© Foto: First Folio © Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
Zwischenruf

William Shakespeare zum 450.Geburtstag

von Jens Fischer
Die biografische Faktenlage ist dürftig, aber belegt ist: Am 26. April 1564 wurde der Sohn des Handschuhmachers John Shakespeare in Stratford-upon-Avon getauft. Heute – am 23.4. – feiert das britische Empire den „Shakespeare Day“ und wir mit ihm den 450. Geburtstag von William Shakespeare

23. April. Neigt sich da jemand huldvoll, vergötzt, vergöttert und bekränzt eine Büste? Weihevolle Akte? Fehlanzeige! Nur eine gewöhnliche Aprilwochenmitte mit dem dafür vorgesehenen Frühling, der sich selbst bekämpft. Der Kalender verheißt den Tag des deutschen Bieres und den Welttag des Buches sowie des Urheberrechts. Das passt allerdings prima, denn auch 450 Kerzen flackern flunkernd auf der Geburtstagstorte eines Schauspielers, Geschäftsmanns, Dichters, Dramatikers: Shakespeare. Seine Theaterstücke, Versepen und Sonette sind für jeden Literaturfeiertag ein Gewinn. Und in wie vielen feucht-fröhlichen Shakespeare-Inszenierungen wurden bereits Flaschen warmen Bieres geschüttelt, um ein verballhornendes Spiel mit dem Autorennamen zu treiben und einen Fontäneneffekt auf den Welt bedeutenden Bühnenboden prickeln zu lassen!

Kann man sich auch leisten, denn längst abgelaufen ist die Pflicht, den Copyrightinhaber zu entgelten – aber es weiß auch keiner so genau, ob es jemals einen einzigen Schriftsteller gab, der Urheberrechtsansprüche für alle Werke Shakespeares hätte beanspruchen können. Nur die Taufe eines Sohnes des Handschuhmachers John Shakespeare in Stratford-upon-Avon ist belegt, am 26. April 1564. Da dieser William 52 Jahre später, am 23. April verstarb, kamen Freunde harmonischer Lebensdaten auf die Idee, Geburts- und Todestag sollten sich reimen. Heute ist also der 23. April der „Shakespeare Day“ im britischen Empire, Stratford ehrt seinen berühmtesten Sohn mit einem Stadtfest, bei uns wird er als deutscher Klassiker verehrt und europaweit immer mal wieder als bedeutendster Schriftsteller des Abendlandes gehandelt. Eine Komödie der Irrungen? Die biografische Faktenlage ist dürftig. Auch weil einst das Thema Autorenschaft nicht so geniekultig hoch gehängt wurde wie heute, geistern inzwischen an die 50 Namen durch die Sekundär- und Tertiärliteratur, um ins lustige Rätselspiel um die wahren Shakespeares eingeführt zu werden. Was ihr wollt? Denn wie konnte ein kleinbürgerlicher Provinzspross ohne Universitätsstudium diesen abenteuerlich universellen Bildungs-Kanon derart kunstvoll gestalten? Oder war gerade das nur ohne die Verbildung der Gelehrten möglich? Viel Lärm um nichts? All diese akademisch diskutierten Probleme sind Theatermachern eher – wurscht. Sakrosankt scheint die Autonomie der Stücke, es gibt sie, man liebt und spielt sie, egal ob der Autor Stratfords William war oder Konkurrent Christopher Marlowe, ob die Werke vom feingeistigen 17. Earl of Oxford, gar von Königin Elisabeth I. stammen – oder von allen zusammen verfasst wurden.

Die Bremer Shakespeare Company (BSC) kocht derweil ihren eigenen Jubeltagseintopf mit besonders viel Einlage, feiert gleichzeitig die Spielzeit 2013/14 als ihre 30., blickt auf 122 Premieren zurück, inklusive aller 37 Shakespeare-Dramen plus Exkursen, um nach elisabethanischen Spurenelementen in der Theatergeschichte zu suchen. Um die Trinität der Feieranlässe komplett zu machen, gastpielt die BSC auch beim Festakt zum 150. Geburtstag der Deutschen Shakespeare Gesellschaft in Weimar, kann dann ein Bier zischen und ein neues Buch präsentieren: die BSC-Festschrift in eigener Sache mit gesichertem Urheberanspruch.

„Like Shakespeare“ sind BSC-Plakate in Bremen überschrieben und zeigen A-Promis der Zeitgeschichte – wie Obama, Putin und den Papst. Implizite Behauptung: Die Mächtigen spielen immer noch Shakespeares Historien und Tragödien – oder andersherum: Shakespeare hat die Gesetze, die Essenz der menschlichen Natur im Allgemeinen und die politische Rhetorik im Besonderen so gut beschrieben, dass die Stücke weiterhin „Tagesschau“-aktuell sind. Nichts Menschliches ist ihm fremd. „Schlag‘ nach bei Shakespeare“, wie es in „Kiss me Kate“ heißt. Als spätes Weltwunder der Renaissance antizipierte Shakespeare die erblühende Neuzeit mit ihren plötzlich handlungsfrei fühlenden, religiös zweifelnden, sinnsuchenden Individualismus-Darstellern – und fand bereits Formulierungen für all die wunden Punkte, Auswüchse, Widersprüche des modernen Menschen.

Zudem schuf er vitale Popkultur mit seiner alle und alles vermengenden, intellektuell gut genährten Collagenästhetik. Derbe Action, wüste Clownerie, zotige Comedy, magisch aufgeladenes Märchenspiel und unverblümtes Polit-Kabarett gibt es für das schlichtere Gemüt in uns, anregend gelehrte Anspielungen und freigeistige Verweise auf das Wissen aller Fakultäten für unsere tiefer gründeln wollenden Unterhaltungsansprüche. Zart besaitete Gemüter finden auch romantische Poesie der Gefühle. Wie es euch gefällt. Shakespeare kreiert dazu Begriffe, Redewendungen, Schimpfworte, zaubert aus Bedeutungsambivalenzen der zwischen höfischer Etikette und Gossenjargon changierenden Sprachspiele neue Sinnzusammenhänge.

Maß für Maß: Was tun am Ehrentag dieses Theatergenies? Festaufführungen mit Königen, Mohren, Prinzessinnen, lustigen Weibern, Herren aus Verona, einem Kaufmann aus Venedig, dazu Wintermärchen, das stürmische Brodeln der Elemente, Sommernachtsträume, Macbeth-Alpträume, vergebliche Liebesmühen mit zu zähmenden Widerspenstigen. Klassikerpflege. Das Londoner Globe, Nachbau der 1613 abgebrannten Bühne, schickt zum runden Geburtstag seinen „Hamlet“ auf Welttournee in angeblich 205 Länder der sieben Kontinente. Während die BSC den Mut zu einer Uraufführung hat.

Der am Globe tätige Regisseur Raz Shaw gibt sein Deutschlanddebüt mit einem Stück der englischen Dramatikerin Jessica Swale. Sie glaubt zu wissen „Wie es Will gefällt“ und liefert ein anspielungsreiches Libretto als Vorlage zum Ausprobieren einiger von Shakespeare geliebten Spielformen – Bühnenarbeiter im Slapstick-Modus sind zu erleben, Interaktionen mit dem Publikum, wortwitzelnde Szenen als parodistische Verweise auf Tagesaktuelles und auch ein Historiensketch: Mit dem Auftritt einer Puritaner-Karikatur wird die Geburt der Shakespeare-Komik als lebensnotwendiger Gegenentwurf zum damaligen Zeitgeist behauptet. Shakespeare schleicht als verdruckster Forscher seiner selbst auf die Bühne, hat als Geburtstagsfestrede aber nur Wikipedia-Wissen über sich parat. Einige Figuren seiner Fantasie trauen sich allerdings, einmal jenseits der Textvorlage über ihre Stücke, Rollen, Anliegen zu sprechen. Als Klischees ihrer Aufführungsgeschichte schlendern sie für einen Shakespeare-Digest-Abend herein, Hamlet beispielsweise als der bekannt große Zauderer mit ödipalen Neigungen für die Mama, die nur an Sex interessiert ist, egal mit wem. Nachdem diese Szene etabliert ist, wird sie vom Auftritt Ophelias gebrochen. Mit Katharina, Isabella, Rosalind, Titania führt sie schließlich rappend Klage, dass Frauen bei Shakespeare nur Nebenrollen haben und nicht als Heroinen der Frauenemanzipation daherkommen. Wie sollten sie auch als Mädels des ausgehenden 16., beginnenden 17. Jahrhunderts? Ebenso müßig die endlose Debatte, ob „Der Sommernachtstraum“ oder „Hamlet“ das beste Shakespeare-Werk ist. Letztlich gelingt das, was eine fidel sein wollende Geburtstagsparty erwarten lässt: fröhlicher Gesang, lustige Spiele, beste Laune, Luftschlangen-Feuerwerk, riesige Torte, amüsiert kommentierte Verweise auf Leben und Werk des Gefeierten. Ende gut, alles gut? Eine anregende Auseinandersetzung mit Shakespeare werden wir sicherlich in anderen Theatern finden ...