Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (12)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 haben wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr gegeben. In jedem Monat konnten Sie unter unserer „Zugabe“ je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden; Texte, die Beziehungen zwischen den beiden großen Männern gestiftet und ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festgemacht haben. In der letzten Ausgabe unserer Reihe von Wolf-Dieter Peter geht es um die Einstellungen der beiden Komponisten zur Oper. Was macht ihr künstlerisches Schaffen so einzigartig?

„… diese Verschwiegene zum hellen Ertönen“

Bis in sein 51. Lebensjahr hinein hat Richard Wagner um Anerkennung seines Künstlertums bangen müssen – bis zum „Wunder“ der Errettung durch König Ludwig II. Davor und danach hat er sich verbal und oft überbordend zu fast allen Themen seiner Zeit geäußert, natürlich immer wieder auch zur Erneuerung der Kunst und der Oper.

Speziell die zwölf Jahre Exil bis zur Amnestierung 1862 nutzt er zu grundlegenden Reflexionen. Es entstehen die drei grundlegenden Schriften „Die Kunst und die Revolution“(1849), „Das Kunstwerk der Zukunft“(1849) und „Oper und Drama“(1850/51). Damit will Wagner Oper und Theater aus dem Bannkreis der Italianità und des Kunstkommerzes lösen: „Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgehen die Unterhaltung der Gelangweilten.“ Aus dieser kritischen Haltung heraus entwickelt er die Züge des neuen Musikdramas „bis zur allmählichen gänzlichen Aufhebung der mir überlieferten Opernform“ – wie er 1851 in seiner „Mitteilung an meine Freunde“ formuliert. Als im Januar 1860 im ersten der drei Pariser Konzerte das „Tristan“-Vorspiel samt Konzertschluss etwas ratlos aufgenommen wird, prägt die Kritik das Etikett von der „Zukunftsmusik“. In einem offenen „Brief an Hector Berlioz“ bittet Wagner, das Schlagwort vom „Kunstwerk der Zukunft“ nicht auf die Grammatik der Musik zu beziehen: er habe das Drama gemeint. Damit scheint wieder einmal durch, dass Wagner immer wieder von der Textdichtung, vom Drama ausgeht. Am eindringlichsten formuliert er dies an den befreundeten Louvre-Konservator Frédéric Villot, dem er im September 1860 in dem Essay „Zukunftsmusik. An einen französischen Freund" schreibt: „In Wahrheit ist die Größe des Dichters am meisten danach zu ermessen, was er verschweigt, um uns das Unaussprechliche selbst schweigend uns sagen zu lassen; der Musiker ist es nun, der dieses Verschwiegene zum hellen Ertönen bringt, und die untrügliche Form seines laut erklingenden Schweigens ist die unendliche Melodie.“ Der verfallen auch 200 Jahre nach Wagners Geburt immer wieder Musikfreunde, und so bewahrheitet sich Wagners Utopie, die er schon 1849 formuliert hat: „Im Kunstwerk werden wir Eins sein.“

„... im Chaos eine neue Welt entdecken“

Woher kommt die ungebrochene Frische der Opern Giuseppe Verdis? Sie begeistert bis heute und lockt die Menschen in die Theater – und trotzdem hat Verdi keine Kompositionskurse gegeben, keine Vorträge gehalten und keine Schüler gehabt.

Dennoch dominiert er die Spielpläne auch 200 Jahre nach seiner Geburt. Ist es vielleicht die bis heute immer wieder neu auszulotende Innovationsfreude seiner Werke? Ohne ein Lehrgebäude zu errichten, hat er zeitlos Gültiges dazu gesagt. Als er die letzte Phase seines Komponistenlebens angebrochen glaubt, schreibt er am 17. Dezember 1884 an Clara Maffei, die ihm seit 1839 eine echte Freundin war: „Die Inspiration offenbart sich notwendigerweise in der Einfachheit!“ Schon 1876 hatte er gleichfalls ihr geschrieben – und etwas zeitlos Gültiges formuliert: „Das Wahre nachzuahmen, ist eine schöne Sache, aber eine Photographie, kein Gemälde... Das Wahre nachzuahmen kann eine gute Sache sein, aber das Wahre zu erfinden ist besser, viel besser.“ Doch nochmals zuvor, am 23. Dezember 1867, als der junge und schon erfolgreiche Dramatiker Achille Torelli um Rat gebeten hatte, antwortet der 54-jährige Verdi ihm: „Imitieren Sie niemanden, vor allem nicht die Großen. Legen Sie die Hand aufs Herz, belauschen Sie es, und wenn Sie das Temperament eines wahren Künstlers haben, wird es Ihnen alles verraten. Werden Sie durch Lob nicht eingebildet und lassen Sie sich vom Tadel nicht einschüchtern... Die Kritik urteilt auf Grund feststehender Normen und Formen... der Künstler muss die Zukunft erforschen und im Chaos eine neue Welt entdecken!“ Was für ein künstlerisches „Credo“! Da weist dieser Bauer von Roncole weit über seine Zeit hinaus. Deshalb heute und über das Jubiläumsjahr hinaus und künftig: Viva Verdi!