Zwischenruf

Verwirrung um die Georges

von Detlev Baur
Zum Doku-Drama "George" in arte und ARD

Endlich ist Sommer und viele Bundesländer haben Schulferien. Da entdecken die öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle auch schon ihren Kulturauftrag. Gestern abend ließen sich arte und ARD nicht lumpen. Um 20.15 Uhr waren beide Sender schwer klassisch. Im Ersten lief ein „Goethe“-Film über den stürmerischen und bummeligen Studenten Goethe, unter anderem mit Moritz Bleibtreu, Henry Hübchen und Burghart Klaußner; bei kurzen Zappkurzbesuchen wirkte der Film wie ein leichtgewichtiger Kostümschinken mit aufgesetzt-angestrengtem Vater-Sohn-Konflikt.

Arte begann zeitgleich auch mit Versen von Goethe (und mit Burghart Klaußner in einer großen Nebenrolle). Der inhaftierte Heinrich George rezitierte da das Vorspiel auf dem Theater. Zugleich waren Frau und Sohn Götz zu sehen, die den Gezeichneten besuchen: „Ihr beiden, die ihr mir so oft, In Not und Trübsal beigestanden.“ Ein viel versprechender Auftakt für das Doku-Drama „George“. Der reale Sohn Götz George spielt den Vater, der den kleinen Götz als „großer Kleiner“ in den Arm nimmt. Eine interessante Mischung.

Auch in den folgenden 115 Minuten ist Georges Spiel des alten George großartig. Da wird ein lebensgieriger und spielwütiger Schauspieler gezeigt, der durch den Pakt mit dem Teufel Hitler, hier verkörpert durch den perfiden und dabei total glaubwürdigen Martin Wuttke als Goebbels, Schuld auf sich lädt. George aber schiebt alle Verantwortung für sein Handeln immer zur Seite: „Ich bin Schauspieler, kein Politiker“ verteidigt er sich gegenüber dem (ebenfalls grandiosen) Samuel Finzi als subtilem und zugleich erbarmungslosen russischen Offizier. Verwoben sind die Spielszenen in Joachim Langs Film mit (wenigen) Originalaufnahmen Heinrich Georges und Interviews, etwa mit der erschreckend selbstgerechten und gegenüber unterdrückten Menschen unsensiblen Schauspielerkollegin Anneliese Uhlig. Hauptsächlich hat der Filmmacher aber mit den beiden George-Söhnen Jan und Götz gesprochen. Jan, der ältere, ist gegenüber dem Vater kritischer. Der Schauspieler Götz scheint, und das ist ja durchaus interessant, ähnlich weltflüchtig zu denken wie sein Vater, wenn es um die geliebte Arbeit geht.

Das Problem dieses Films ist, dass er die hervorragenden Spielszenen und die interessanten Dokumentarteil dramaturgisch sehr unschlüssig verknüpft. Im Zentrum steht die schuldbeladene Zeit Heinrich Georges, der während der Nazi-Zeit in Theater und Propagandafilmen weiter Karriere machte, und die am Ende tödliche Behandlung durch die sowjetischen Truppen gegenüber dem „Faschisten“, der im Herzen wohl keiner war, aber dennoch Hitler diente. Andererseits wird der Film alleine durch die Besetzung mit Götz George als sein Vater samt der zentralen Einbeziehung der George-Söhne in die Gepräche an den Orten des Geschehens zu einem ganz persönlichen Vater-Sohn-Drama. Auch das wäre für sich genommen ein Weg gewesen. Die Mischung ist jedoch sehr unglücklich. Denn als Götz-Heinrich-Drama wäre ein Film über das gesamte Leben des Schauspielers und Vaters Heinrich George (oder beider Schauspieler) wesentlich schlüssiger gewesen. So aber bleibt ein fader Beigeschmack, wenn Familienverhältnisse und Fragen zu Schuld und Sühne des „Großschauspielers“ durcheinandergeraten. Dabei hilft es auch nicht, dass die heikle Darstellung von Schuld und allzumenschlichen Schwächen Heinrich Georges in Details verantwortungsvoll behandelt scheint.

Die Kritik Götz Georges am Sendetermin um seinen 75. Geburtstag herum ist durchaus berechtigt. Nicht nur weil der Termin in die Saure-Gurken-Zeit fällt, sondern auch weil ein Film über diese wichtige Gestalt deutscher Geschichte und Schauspielkunst für sich stehen sollte. Auch hierin zeigt sich wieder diese im Film selbst angelegte ungute Vermischung von Personen und Inhalten.

Wer den George-Film noch sehen will, kann das übrigens am Mittwochabend tun. Im Ersten, zur fast schon ansehnlichen Zeit: um 21:45 Uhr.

Übrigens: Götz George hat heute am 23. Juli Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch zum 75.!