Das neu eröffnete Tiroler Festspielhaus in Erl

Das neu eröffnete Tiroler Festspielhaus in Erl

© Foto: ORF
Zwischenruf

Kristallines Klangwunder

von Wolf-Dieter Peter

Mäzen stiftet den Tiroler Festspielen in Erl ein neues Festspielhaus

Neidischer Blick über die offene Grenze auf einen Mäzen: Hans Peter Haselsteiner, Aufsichtsratsvorsitzender eines weltweit tätigen Bauunternehmens, fand, dass er über seine Steuerzahlungen hinaus der Allgemeinheit von seinem Wohlstand abgeben muss; seine Stiftung legte mit 20 Millionen Euro den Grundstock, übernimmt künftig Unterhalts- und Folgekosten und zwang so letztlich Staat und Land zu Zuschüssen von je acht Millionen Euro – für ein neues Festspielhaus. Nur fünf Kilometer hinter der österreichischen Grenze gibt es also nun eine schallende – und herrlich klingende – Ohrfeige für bundesdeutsche Großverdiener vom Starnberger See – bis hinauf ans Hamburger Elb-Ufer.

Der Neubau neben dem bisherigen, theatertechnisch einfachen weißen Erler Passionstheater und seiner weich schwingenden Rundfassade lässt assoziieren: da könnte eine dunkle, kleine Raumschiff-Schwester von Frank Gehrys Bilbaoer Guggenheim-Museum in Tirol notgelandet sein – oder: aus dem Berg ragt ein reizvoll aufgesplitterter, schwarzer Riesenkristall heraus, mit einem weißen Einschluss, dem herrlich gegliederten Foyer. Doch viel wichtiger ist: von den stark ansteigenden 860 Plätzen sieht nicht nur jeder Besucher demokratisch gut, auch die Akustik mit gefältelten Holzwänden ist ausgezeichnet, weich, rund und dennoch klar für einzelne Instrumental – wie Singstimmen. Sogar beim abschließenden Dank musste Festspiel-Intendant, Dirigent und Regisseur Gustav Kuhn auf der Bühne die Stimme gar nicht anheben, um bis in die letzte Reihe verständlich zu sein. Erfreulicherweise war also nicht eine spektakuläre Außenhülle wichtiger als der zentrale Inhalt. Insgesamt: ein Wurf des Wiener Architektenbüros Delugan.

Der Eröffnungsabend bot nun reizvolle Highlights des Belcanto-Dreigestirns Rossini-Bellini-Donizetti mit Solisten der von Gustav Kuhn seit 20 Jahren betreuten toscanischen Accademia di Montegral. Die Uraufführung von Daniel Schnyders „Momentum“ war eine akustische „Crossover“-Reise von den 1930er Jahren bis Heute. Zwei „Omaggio a Bártók“-Teile von „Angelo di Montegral“ umrahmten das zentrale Werk mit hörbaren Anspielungen so gezielt, dass hinter dem unauffindbaren Schöpfer womöglich der auch komponierende spiritus rector Gustav Kuhn zu vermuten ist. Im Zentrum stand eine von Tito Ceccherini dirigierte Neuinszenierung des faszinierend düsteren Einakters „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók. Leider animierte Ceccherini das Orchester der Tiroler Festspiele Erl nur zu einem durchweg wuchtig dramatischen Klang, so dass die grandiosen Gipfel wie etwa das Öffnen der 5.Tür in Blaubarts geheimnisvoll-blutiger Burg sich nicht so spektakulär erhoben wie in einer differenzierteren Interpretation. Dafür beeindruckten der herrlich finstere Bass von Andrea Silvestrelli als Blaubart und der leidenschaftlich geführte Judith-Sopran von Marianna Szivkova. Leider hebelte die Inszenierung von Intendant Gustav Kuhn mit zu jeder einzelnen Tür auftretenden hürchenhaft gestylten jungen Frauen die Dramaturgie des Werkes komplett aus. Dieser Teil der Eröffnung wies also eindeutig in Richtung: Die Festspiele brauchen erstklassige Regisseure. Doch das abschließende Feuerwerk zu Händels gleichnamiger Musik geriet gigantisch – ein gutes Omen für die kommenden Winter-Festspiele, die mit Mozarts „Figaro“ und Verdis „Nabucco“ sowie breitgefächerten Konzerten ins rundum beeindruckende neue Festspielhaus locken. Die Sommerfestspiele ehren dann mit drei Neuinszenierungen Giuseppe Verdi zu seinem 200.Geburtstag.