Ein großer Charakter: Otto Sander

Ein großer Charakter: Otto Sander

© Foto: Isabel Mahns-Techau/IMT Pressebuero Hamburg
Zwischenruf

Ein Komiker, vielleicht

von Wilhelm Roth

Otto Sander war kein Star im üblichen Sinne. Und dennoch kannte ihn fast jeder: die rötlichen Haare, das verknitterte Gesicht, die rauchige Stimme. Gut 40 Jahre lang war er in allen Medien präsent, auf dem Theater und im Film. Er spielte bei Wim Wenders, in der „Blechtrommel“ und im „Boot“, im „Tatort“ und im „Polizeiruf 110“. Er faszinierte als Sprecher in Hörspielen und bei Lesungen.  

Geboren 1941 in Hannover, begann seine Beziehung zum Theater 1962 während des Studiums in München, wo er auf der Studentenbühne auftrat und im politischen Kabarett Rationaltheater. Ab1965 hatte er ein Engagement an den Düsseldorfer Kammerspielen, schnell folgten Heidelberg und die Freie Volksbühne Berlin. 1971 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Schaubühne. Seit 1982 war er freiberuflich tätig. Wollte man Otto Sander auf ein Fach festlegen, dann war er wohl – Komiker? Ja, vielleicht, aber ein melancholischer, leiser, manchmal auch anarchistischer oder verzweifelter Komiker. In einem Interview bekannte er sich zu den Marx-Brothers, zu Curt Bois und Samuel Beckett. „Sie haben diese Art von Anarchie betrieben. Und ich tue es auch – stellvertretend – auf der Bühne und im Film.“

Er hat aber immer wieder Texte gelesen oder Rollen übernommen, die das Bild des Komikers in Frage stellten. Er sprach nicht nur Ringelnatz, der ihm mit seinem kargen norddeutschen Humor besonders lag, sondern auch das „Gilgamesch“-Epos. Er spielte neben Komödien-Rollen von Labiche, Cami oder dem „Weißen Rössl am Wolfgangsee“ Figuren von Botho Strauß und den Tod im „Jedermann“. Berührungsängste kannte er nicht, weder zum Boulevard noch zur Tragödie. Otto Sander lebte mit einer bemerkenswerten Familie in einer wunderbaren Altbauwohnung, die einer Kunstgalerie glich. Er war mit der Schauspielerin Monika Hansen verheiratet, die zwei Kinder aus ihrer ersten Ehe mit Rolf Becker hatte: Meret und Ben Becker, ebenfalls bekannte Schauspieler. Der „Ziehvater“ Otto trat mit beiden und mit seiner Frau öfter gemeinsam auf.

Sein wichtigster Partner auf der Bühne und im Film war aber Bruno Ganz, ein Wahlbruder fürs Leben. Als Ensemble-Mitglieder der Schaubühne haben sie sich wunderbar ergänzt: Sander mit dem Zug zur Komik, Ganz mit der Neigung zu einem sanften Pathos. Ihre intensivste Partnerschaft erlebten sie in den beiden märchenhaften Berlin-Filmen von Wim Wenders. Sie spielten die Engel Damiel (Ganz) und Cassiel (Sander), die unerkannt durch Berlin schweifen und voll Mitgefühl das Leben der Menschen beobachten, ohne sich einmischen zu können. In „Der Himmel über Berlin“ (1987) verwandelte sich Damiel aber schließlich aus Liebe zu einer jungen Frau in einen Menschen. Im zweiten Film „In weiter Ferne, so nah!“ (1993) im nun wiedervereinten Berlin wurde auch Cassiel zum Menschen. Er erlebte aber nicht nur die Freude, sondern auch die Angst, die das Leben der Sterblichen bestimmt. Sander und Ganz haben 1981/82 zusammen auch den Film „Gedächtnis – Ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti“ gedreht. Sie gehen mit ihren Lieblingsschauspielern spazieren und reden über das Leben und die Kunst. Ein leichter Film, dem man nicht anmerkt, dass Bois, der Emigrant, und Minetti, der im „Dritten Reich“ Karriere machte, sich nicht vor der Kamera treffen wollten.

In den späten Jahren hat Sander großartige, anrührende, unsentimentale Altersrollen gespielt. In Bochum war er in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ der blinde Vater, in Berlin spielte er 2007 Becketts „Das letzte Band“ – fast wie eine Bilanz des eigenen Lebens.