Lars Schmidinger als reitender Bote in Robert Wilsons Inszenierung der

Lars Schmidinger als reitender Bote in Robert Wilsons Inszenierung der "Dreigroschenoper" (2007) am Berliner Ensemble

© Foto: Lesley Leslie-Spinks
Zwischenruf

Zauberkönig, Rappelkopf

von Michael Laages

Das war eine gemeine Finte des Schicksals – da trug Kultur-Berlin gerade Otto Sander zu Grabe; und konnte noch nicht wissen, dass in der Nacht zuvor Walter Schmidinger gestorben war, acht Jahre älter als Sander und auf ganz andere Weise heimisch in Gedächtnis und Gegenwart der Theatergemeinde, aber auf ganz andere Weise eben auch prägend für die Bühne über Jahrzehnte. Aber so sehr der Ruhm den beiden hinterher schritt, so beträchtlich waren die Schwierigkeiten der Nachgeborenen, Schritt zu halten mit dem Verblassen der Erinnerung.

Denn seien wir ehrlich – über fast zehn Jahre hin war nicht mehr viel und oft auch gar nichts mehr zu sehen von den Großen. Sander hatte sich von Matthias Hartmann erst in Zürich, dann in Bochum noch ein paar Mal bewegen lassen zur Rückkehr auf die Bühne; sogar zu Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ und zu Becketts Abschiednehmerstück „Das letzte Band“. Und Schmidinger, am Abschluss der Karriere noch einmal halbwegs heimisch am „Berliner Ensemble“, war zwar dem ebenfalls merklich alternden Robert Wilson viel zärtliches Bemühungen wert für Miniaturen etwa in der „Dreigroschenoper“, aber der alte König vom Reiche Popo in der Wilson-Version von Georg Büchners Marionetten-Lustspiel „Leonce und Lena“ lag nun doch schon recht lange zurück. Als Walter Schmidinger schließlich von Peter Stein 2007 als Prolog-Sprecher für den Berliner Marathon mit Schillers komplettem „Wallenstein“ besetzt wurde, geriet das zur ebenso signifikanten wie problematischen Demonstration – denn so ururalt und vorvorvorgestrig, wie Stein den Protagonisten klingen ließ in den ersten Minuten, so geriet dann auch die ganze Aufführung.

Es bedarf also noch einiger Schritte mehr zurück, um an den unzerstörbaren und unbedingt überlebensfähigen Kern von Schmidingers Lebenswerk zu gelangen – mindestens bis zurück ans Deutsche Theater des Intendanten Thomas Langhoff. Dorthin war Schmidinger ja gewandert, als ihm die Berliner Kulturpolitik am Schillertheater den Bühnenbretterboden unter den Füßen weggezogen hatte. Hier, im alten Westen der Stadt, hatte Schmidingers Berliner Geschichte begonnen; unter Langhoffs DT-Ägide setzte sie sich fort. Unbedingt zu erinnern ist an Friedo Solters szenische Fassung von Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“: als furioses Solo für den Sprach-Ästheten und Sprech-Künstler Schmidinger. Aber auch an Langhoffs eigene Inszenierung von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ – mit Schmidinger als Zauberkönig … diese Rolle scheint deshalb so wichtig und beispielhaft, weil an ihr auch die finstre, gar nicht weiche Seite am Schauspieler (und wohl auch Menschen) Schmidinger deutlich sicht- und spürbar wurde.

Walter Schmidinger war 1933 in Linz geboren und hatte etwas ganz anderes gelernt: verkaufen und dekorieren in einer Tuchhandlung. Mit 18 floh er nach Wien und wurde Schüler von Helene Thimig und anderen am Max-Reinhardt-Seminar; das erste Engagement schloss sich am Theater in der Josefstadt an. Und danach? Blieb er geschlagene eineinhalb Jahrzehnte am Theater in Bonn, für kurze Zeit auch in Düsseldorf. Die Welt war von da aus nicht zu erobern; stattdessen spricht dies lange Bleiben dafür, wie gern dieser Schauspieler „zu Hause“ war.

Die beiden großen Münchner Bühnen folgen, Kammerspiele und Residenztheater; erst danach beginnt die Berliner Zeit. Und überall wird das Zu-Hause-Sein immer wieder konterkariert durch den Zuwachs an Krankheit – Schmidinger berichtet später offen von manisch-depressiven Abstürzen und Klinikaufenthalten; der Schauspieler, dessen zarte Empfindsamkeit auf der Bühne legendär wird, kann im feurigen Zorn zum Rappelkopf pur werden. Und es braucht viel Talent zum Zauberkönig, um diese Vielgesichtigkeit im Zaum zu halten.

Darum mag Berlin jetzt noch so rührselig jammern – wo dieser Walter Schmidinger wirklich „zu Hause“ war, wissen wir nicht.