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Zwischenruf

Es ging um etwas!

von Bernd Loebe
Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, erinnert sich an seinen langjährigen Freund und künstlerischen Weggefährten Gerard Mortier, der gestern im Alter von 70 Jahren seiner schweren Krankheit erlag.

Der erste Kontakt reicht in die Mitte der 7oer Jahre: der junge Enthusiast Loebe, der gerade „Boris Godunow“ gesehen hatte, streift um die Frankfurter Oper, in der Hoffnung, noch den einen oder anderen Blick auf Sänger zu erhaschen. Er wird von einem schmalen, kleinen Herren angesprochen und bei einer überbackenen Käsesuppe im „Hahnhof“ schräg gegenüber vergewissert man sich der gegenseitigen Leidenschaft für Oper. Damals macht Mortier Witze über die aufkeimende Idee von „Musiktheater“. Oper sei doch Musiktheater. Es entsteht eine Freundschaft, Briefe werden ausgetauscht (keine Mails) und immer, wenn der Jungjounalist Loebe später Mortier nachreist, tauscht man sich aus: über Entwicklungen des Musiktheaters, etwaige neue Namen; Wernicke gilt lange als zu deutsch, erst als der wichtige "Ring" in Brüssel entsteht (nach einigen Absagen), hat sich Mortier tatsächlich – innerlich überzeugt – vom Opernintendanten zum Musiktheater-Intendanten gemausert.

Immer hat dieser Mensch Zeit für ein Essen, ein langes Gespräch, gar für eine Reise durch Belgien – bei prallem Terminkalender. Sein jeweiliger Gesprächspartner hat immer das Gefühl, er ist in diesem Moment, in dieser halben Stunde oder einen Tag lang das Wichtigste auf der Welt!! So wird man eingeweiht über die Komplexität der Produktionen mit den Hermanns, mit Bondy, Klaus Michael Grüber; wie man Peter Sellars davon überzeugt, dass er Musiktheater machen müsse. Er hält lange denen die Treue (Gilbert Deflo), mit denen er zusammen die Oper entdeckte. Bei aller visionären Lust, Oper als Rezept auf alle Probleme der Welt zu deuten, hängt er an „seinen“ Sängern. Gerade weil er in Brüssel wie in Salzburg kein Ensemble hat, ist ihm der Ensemblegedanken um so wichtiger. Gehören diese Sänger erst einmal zu dieser Art Sekte, dürfen sie auf selbstverständliche Reengagements hoffen, bei Dirigenten ist es ähnlich. Der Familiensinn wird geschürt, nach Proben werden die Sänger plus Produzenten mit feinem Essen aus Delikatesseläden verwöhnt. So lässt sich leicht kritisieren.

Natürlich fehlt kein Champagner, auf dieser Insel der Geborgenheit entstehen reihenweise Produktionen, die zunächst von der deutsch-intellektuellen Kritik als zu ästhetisch-französisch, als geschmäcklerisch abgetan werden, bis die Botschaft von Gerard sich mehr und mehr herausschält: Es geht um eine brennende Schönheit, die fast weh tut, es geht um absoluten Kunstwillen („Lucio Silla“/Chereau etwa), um ein Wegführen aus der Realität, um uns die verborgenen Wahrheiten in Wort und Ton noch klarer zu machen. Man verlässt das Theater und fühlt sich klein wie eine Kirchenmaus und so groß, als habe man die Welt in all ihren Widersprüchen verstanden. Und so, als ob nur im Miteinander von allen im Theater diese Botschaft möglich sei.

Zweifellos war Gerard eitel. Einmal sagte er mir, natürlich strebe er nach Macht; aber doch nicht um der Macht willen, sondern nur, weil er dann die Ideen umsetzen könne, die ihn trieben, die darauf warteten, umgesetzt zu werden. – In Salzburg war es ein Mehrseitenkampf, die Lust am Streit mit den Wien-geprägten Journalisten (Endler…) gab ihm Flügel, seine despotische, Thomas Bernhard’sche Lust der Sektiererei ermöglichte Aufführungen selten erlebter Stringenz. Natürlich gelang nicht alles, aber die Künstler fühlten sich durch seinen Zornesatem beschützt und – wichtig: es ging um etwas! Die zehn Salzburger Jahre haben das Publikum nachvollziehen lassen, warum Festspiele Sinn machen können. Wenn sie eben suggerieren, es geht um etwas Sinnstiftendes, nicht nur um die Ablenkung inmitten eines Wellness-Urlaubes.

Die vielen Jahre in Paris machten ihn mürbe: Ständige Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften überlagerten manchmal die Lust an der Oper. Aber auch hier gelang Einzigartiges. Michael Haneke machte „Don Giovanni“ und die Produktion ließ erahnen, was dieser Mann dann später mit „Così fan tutte“ in Madrid einlöste. Robert Wilson und sein Minimalismus schienen den französischen Geist schnell zu packen, Kämpfe und Krämpfe mit dem Orchester nahmen ihm manchmal die Lust an der Streiteslust.

Der amerikanische Traum beflügelte ihn. Die Ideen purzelten, das Budget erkämpfte sich der Charmeur in unzähligen Gesprächen bei den Reichen des Landes; die europäische Idee von Musiktheater als moralische Instanz sollte den Amerikanern auf sanften Flügeln entgegenfliegen. Die Weltwirtschaftskrise und amerikanisches Misstrauen machten den Traum zunichte; der amerikanische Patient stieß den Eiferer ab.

Die Lust am Elitären schien besser zum Teatro Real in Madrid zu passen; aber auch hier verbrauchte sich Mortiers Lust in Kämpfen an verschiedenen Fronten: Es gab die Konservativen und den Ruf nach Domingo und Co., das Budget wurde kleiner und kleiner, immer weniger Premieren ließen die Freunde nach Madrid pilgern, die Zeit in Madrid hatte etwas von einem Epilog, der sich in die Länge zog. Ein langes Gespräch nach einer „Don Carlo“-Wiederaufnahme in Frankfurt zeugte von einem kämpferischen Gerard; er glaubte, in Madrid weitermachen zu können und schließlich die stolzen Madrilenen von seinem Musiktheater-Verständnis überzeugen zu können: Der unkorrumpierbare Kunstwillen passe doch auch in dieses Land. Beiläufg meinte er, dein Dirigent wisse wohl nicht, dass Don Carlo mit einem piano ende: „Sag ihm das!“ – Das Ende in Madrid war unwürdig, so behandelt man selbst Feinde nicht.

Tja, lieber Gerard, Du warst ein Intendant, wie sagt man, der „alten Schule“. Du kanntest die Werke, die Noten, das Libretto, Du konntest begründen, warum Du den einen Dirigenten mochtest und den anderen nicht; und Du konntest „besetzen“. Und du hast bei denen Schule gemacht, die eben jene Tugenden als Voraussetzung für ihr künstlerisches, organisatorisches Tun sehen. In Deinem „Selbtbewusstsein“ beschützt, von Deiner Sicherheit getragen, konnten einzigartige Produktionen entstehen, konnten sich Künstler entfalten. Eigentlich war die Dir nachgesagte Eitelkeit nichts anderes als Demut vor dem Werk. Du warst ein Opernverrückter. Dass uns Dein Geist auch nach Deinem Tode anstecken möge!

Bernd Loebe
Intendant der Oper Frankfurt

Bernd Loebe verbindet eine langjährige Freundschaft mir Gerard Mortier, die auch berufliche Konsequenzen hatte, als Mortier Intendant der Opéra de la Monnaie war und  Bernd Loebe 1990 als Operndirektor nach Brüssel berief. Von hier aus ging Bernd Loebe im Jahr 2002 als Intendant an die Oper Frankfurt.