Lorin Maazel

Lorin Maazel

© Foto: Wild und Leise
Zwischenruf

Lorin Maazel gestorben

von Wolf-Dieter Peter
Im Alter von 84 Jahren ist der langjährige Chefdirigent des Symphonieorchesters und des Chores des Bayerischen Rundfunks an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Ein Nachruf.

Das konnte er auch: konzertreif Geige spielen – und das tat Lorin Maazel bei besonderen Gelegenheiten immer wieder einmal. Sein wertvolles Instrument, eine Guadagnini-Geige aus dem Jahr 1783 hatte er versteigert, um 2009 auf seinem Landsitz in Virginia ein Festival für Nachwuchskünstler zu finanzieren. Denn als Nachwuchsentdeckung – nein, definitiv als „Wunderkind“ hatte der 1930 in einer musischen Familie Geborene selbst begonnen: Mit 9 Jahren dirigierte er das Los Angeles Philharmonic Orchestra – und dass Arturo Toscanini sein NBC-Symphony Orchestra von dem 11-Jährigen leiten ließ, war der endgültige Ritterschlag. Eine frühe, schnelle und bestaunte Weltkarriere begann – ein Detail herausgegriffen: Maazel war 1960 der erste amerikanische Dirigent im damals noch hochrenommierten Wagner-Mekka Bayreuth, wo er als 30-Jähriger „Lohengrin“ leitete. Weltweit wurde er zum Inbegriff des schlagtechnisch einzigartigen, nahezu jede Herausforderung meisternden Pult-Virtuosen.

Lorin Maazels Karriere verlief parallel zum bereits etablierten Medien-Star Herbert von Karajan – und den wollte er dann letztlich doch übertreffen. Es wurde die einzig fundamentale Enttäuschung seines Lebens, dass die Berliner Philharmoniker ihn 1989 nicht zum Nachfolger Karajans kürten. Da mischten sich dann endgültig amerikanisch sportive Mentalität und kulturelles Jet-Set-Verhalten: Maazel rächte sich, indem er alle Termine mit den Berlinern absagte, indem er höhere Gagen als Karajan, ja die höchsten überhaupt verlangte, indem er bei keinem Orchester eine „Ära“ prägte, weder ab 1993 beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch seit 2012 bei den Münchner Philharmonikern.

Vielmehr sammelte er: über 200 Orchester weltweit hat er dirigiert, über 7000 Aufführungen, alle Beethoven-Symphonien an einem Tag mit drei verschiedenen Orchestern, ein erstes westliches Konzert in Nordkorea, eines im ehemaligen Todesstreifen zur DDR, ein Neujahrskonzert in Peking, über 300 CD-Einspielungen, 10 Grand Prixs des Disques… Nicht genug: Maazel komponierte auch, neben kleineren Werken und Violinkonzerten für renommierte Kollegen vertonte er Orwells „1984“ – tonales zeitgenössisches Musiktheater, das in London und Mailand auf die Bühne kam. Doch neben der durchaus von ihm selbst gepflegten Attitüde des „Alleskönners“ gab es auch andere Seiten. Seit 2000 leitete Maazel einen Dirigier-Wettbewerb in New York. Zusammen mit seiner dritten Frau, der deutschen Schauspielerin Dietlinde Turban gründete er „Classic Aid“ als Parallele zu Bob Geldofs Organisation… schließlich das anfangs erwähnte eigene Festival für junge Künstler…

2015 wollte Maazel seinen 85.Geburtstag mit einem musikalischen Feuerwerk bei und mit den Münchner Philharmonikern feiern. Eine nach einer Operation einsetzende Lungenentzündung hat nun seinem Leben ein Ende gesetzt. Ein vielfältig brillierender „Pult-Tiger“ ist nicht mehr – die jungen Nachfolger sind herausgefordert!