Zwischenruf

(Kultur-)Land unter …

von Joachim Lange
In Halle wurden das erste Mal in der Geschichte die Händelfestspiele abgesagt

Hochwasser ist schlimm. Vor allem für die unmittelbar Betroffenen. In Halle erreichte die Saale den höchsten Pegelstand seit 400 Jahren. Teile der Innenstadt waren überflutet, Halle-Neustadt bedroht. Doch die Dämme hielten, das Krisenmanagement funktionierte, die zupackende Hilfsbereitschaft der Hallenser war überwältigend. Der Katastrophenfall konnte nach vier Tagen, am 8. Juni, wieder aufgehoben werden.  

Zu den Schäden, die jetzt bewältigt werden müssen, gehört die Absage der Händelfestspiele. Ministerpräsident Haseloff (CDU) und Halles Oberbürgermeister Wiegand (parteilos) hatten am 4. Juni kurzerhand beschlossen, die Händelfestspiele komplett ausfallen zu lassen. Für das größte Kulturereignis des Landes vom 6. bis 16. Juni waren die meisten der über 40.000 Karten längst verkauft, die Hotels gebucht, die 1000 Mitwirkenden, darunter etliche Stars der Szene, bestens präpariert.

Zwar hat der Festspiel-Intendant Birnbaum die Entscheidung mitgetragen, doch für die Künstler der Stadt und im Opernhaus war es das falsche Signal. Die meisten Spielstätten waren nicht bedroht und funktionsfähig. Das Geld war ohnehin ausgegeben. Doch „Wir können nicht feiern, wenn wir einen Katastrophenfall haben“, so der OB.

Natürlich, insoweit hat der OB Recht: Man hätte man das Programm anpassen müssen. Aber vor allem hätte man doch gerade angesichts der Flutkatastrophe von der Kraft der Kultur profitieren können! Benefizveranstaltungen und Gagenverzicht wären selbstverständlich gewesen. Händel wäre vom Kultur- zum Solidaritätsbotschafter geworden – so formulierte es Opernintendant Axel Köhler in einem Brief an den OB. Doch der schloss auch noch das Theater und untersagte sogar jede angebotene Benefizveranstaltung bis zum 16. Juni! Was  ein seltsames Licht auf das Kulturverständnis des Stadtoberhaupts wirft: Darf Kultur etwa nur das Sahnehäubchen für gute Zeiten sein?

Die Künstler in Halle fühlten sich schon beim jüngsten, von der schwarz-roten Landesregierung anvisierten substanziellen Kulturabbau, ins Abseits gedrängt. Rote Karten mit dem Aufdruck „5 vor 12“ gehörten in den letzten Wochen zu jeder Veranstaltung. In Sachsen-Anhalt wird die Kultur von der Politik derzeit weder wirklich als nachhaltiger Standortfaktor,  noch als emotional aufbauendes (Über-)Lebensmittel begriffen. Sondern als eine Art Volksbelustigungs-Fanmeile, auf die man notfalls auch verzichten kann. Ein beängstigendes (Miss-)Verständnis von Kultur! Gegen das akute „Land unter“ wurde mit vereinten Kräften das Richtige getan. Die Absage der Händelfestspiele hat den Schaden aber nur noch vergrößert. Materiell und auch ideell.