Winter auf dem Hesterberg – hier wird nun wohl endgültig kein neues Theater entstehen, nachdem der Stadtrat in Schleswig das erneut abgelehnt hat. Für das Landestheater im nödlichsten Bundesland ist das existenzgefährdend.

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Zwischenruf

Kommentar: Bauernskat

von Detlef Brandenburg

Der Stadtrat in Schleswig hat erneut einen Theaterneubau abgelehnt. Die Stadt gefährdet mit ihrer anhaltenden Konzeptlosigkeit das gesamte Schleswig-Holsteinische Landestheater.

Eigentlich könnten wir zur Situation am Schleswig-Holsteinischen Landestheater jetzt denselben Kommentar wieder hochladen, der hier schon im Dezember des vergangenen Jahres stand. Und allein das sagt einiges über die politische Kultur der Theaterstadt Schleswig aus, um die es damals ging – und heute leider wieder gehen muss. Schleswig ist einer von drei Sitzorten und einer von 19 Gesellschaftern dieses Landestheaters, das von Flensburg bis Itzehoe, von St. Peter-Ording bis Rendsburg die Theaterversorgung im Westen des Landes sicherstellt. Dort oben in der Stadt an der Schlei mit ihrem imposantem Backstein-Dom haben die Baubehörden, die es dort hoffentlich gibt, ihr hübsches 450-Plätze-Theater am Lollfuß derart verrotten lassen, dass man es im Juni 2011 Hals über Kopf schließen musste. Der Schreck war groß, aber dann war im Land Schleswig-Holstein eine neue Regierung im Amt, und deren Kulturministerin Anke Sporendonk schnürte gemeinsam mit den Beteiligten ein Konzept für einen Neubau auf dem Hesterberg, dem alle, auch der Schleswiger Stadtrat, im Mai vergangenen Jahres zustimmten.

Es wurde auch Zeit. Denn durch den Ausfall des Hauses am Lollfuß fehlen dem Landestheater-Intendanten Peter Grisebach nach eigener Aussage pro Jahr rund 200.000 Euro im Etat. Das ist für ein Theater, das die Vorgänger-Regierung und einige Gesellschafter-Gemeinden immer wieder durch Einsparungen drangsaliert hatten, kein Pappenstiel. Dann aber bekamen Abgeordnete im Schleswiger Rat plötzlich Angst vor eventuellen Steigerungen der Bausumme (14,1 Millionen), die die Stadt Schleswig am Ende mehr kosten könnten als die veranschlagten fünf Millionen Euro – und kippten Ende vergangenen Jahres das Neubauprojekt mit einer Stimme Mehrheit.

Wieder rief daraufhin die Ministerin alle Beteiligten zusammen, legte noch mal 1,6 Millionen zur Sicherung des Kostenrahmens drauf, wieder waren alle einverstanden – aber dann wurden erneut, diesmal aus Flensburg, ebenfalls Gesellschafter des Landestheaters, Bedenken wegen möglicher Mehrkosten signalisiert. Und nachdem die Schleswiger ihr Theater am Lollfuß erst so schön haben verkommen lassen, finden sie es nun plötzlich so schön, dass sie es am liebsten doch wieder zusammenflicken wollen, ungeachtet früherer Fachurteile. Prompt wurde gestern der Neubaubeschluss bei Stimmengleichheit erneut gekippt – ein Affront und eine Niederlage für Anke Sporendonk, die eisig kommentierte, sie „respektiere“ den Beschluss; und eine Katastrophe für das nördlichste und größte Landestheater der Republik, das ohne ein vollwertiges Haus in Schleswig kaum überlebensfähig ist.

Man muss sich das mal im Detail auf der Zunge zergehen lassen: Erst verkommt in Schleswig das alte Theater bis zur Baufälligkeit. Dann bringt die Stadt zwei Jahre nichts zuwege, weil das Haus angeblich unrettbar ist. Und als das Land der Stadt mit einem Bauplatz und einem Neubaukonzept zur Seite springt, wird das von der Stadt zwei Mal torpediert. Und plötzlich wird ein neuer Statiker aus dem Hut gezaubert, der die statischen Schäden am vermeintlich unrettbaren Haus für behebbar erklärt, bei einem Kostenaufwand bis zu 200.000 Euro. Dazu gehört eine Chuzpe, die dieser Ratsversammlung selbst in der Stadt Schilda Ehre machen würde. Allerdings wohl nur da.

In Zukunft werden sie in Schleswig vermutlich in einem Luftschloss Theater spielen. Bürgermeister Arthur Christiansen jedenfalls sagte gegenüber dem NDR, der Beschluss bedeute nach seiner Meinung, „dass wir in Zukunft kein Theater mehr haben werden“. Und Intendant Grisebach gab zu Protokoll, er wolle das Konstrukt des Landestheaters retten – nun ohne ein Theater in Schleswig. Am Ende kommt man sich vor wie beim Bauernskat: Alle spielen fröhlich vor sich hin, keiner kennt die verdeckten Karten, der Spielverlauf ist daher voller Überraschungen, der Ausgang Glücksache. Man hätte ja gedacht, Politik wäre anders, aber in Schleswig ist das ein Irrtum. Apropos Irrtum: „Schleswig, die freundliche Kulturstadt“, liest man auf der Homepage der Stadt. So so…