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Zwischenruf

Schlamperei mit flächendeckendem Kollateralschaden

von Detlef Brandenburg
Eine Ein-Stimmen-Mehrheit im Rat der Stadt Schleswig hat den Neubau für das dortige Landestheater abgelehnt. Damit gefährdet sie die gesamte Theaterlandschaft in Schleswig-Holstein.

Wenn man tagtäglich und von Berufs wegen die Neuigkeiten aus der Kulturpolitik über sich ergehen lässt, steht man dem, was politische Gremien und Verantwortungsträger mit ihren Theatern so treiben, gelegentlich  – sagen wir es höflich: etwas erstaunt gegenüber. Doch selbst derart abgehärtet blickt man auf eine Entscheidung, die vor wenigen Tagen im Rat der Stadt Schleswig gefallen ist, einigermaßen fassungslos. Schleswig ist einer der drei Sitzorte des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, das bereits in den letzten Jahren vom Land und einigen seiner 19 Trägerkommunen und -kreise finanziell erheblich drangsaliert wurde. In der neuen Kulturministerin Anke Sporendonk (Südschleswigscher Wählerverband) hat das Landestheater aber seit 2012 eine verlässliche und kulturfreundliche Partnerin auf Landesebene, die dem Haus endlich eine mittelfristige Perspektive bieten will.

Größtes Problem dabei: Im Frühjahr 2012 war das Theater in Schleswig Knall auf Fall wegen Baufälligkeit geschlossen worden. Seitdem fehlen dem Intendanten Peter Grisebach 200.000 Euro Einnahmen pro Saison. Gemeinsam mit der Stadt Schleswig und ihrem durchaus theaterfreundlichen Bürgermeister hatte Sporendonk nun eine Lösung erarbeitet, die dem Landestheater auf dem Hesterberg, wo bislang eine Volkskundliche Sammlung ihre Bleibe hatte, ein neues Haus bescheren sollte. Dies hatte der Schleswiger Stadtrat im Mai beschlossen – und jetzt mit einer Ein-Stimmen-Mehrheit von CDU, Grünen, FDP und zwei Wählergemeinschaften wieder kassiert, weil die Stadt womöglich nicht fünf, sondern 6,5 Millionen Euro von den 14 Millionen der Bausumme tragen und für eventuelle Kostensteigerungen gerade stehen muss.

Das sich daraus ergebende Szenario ist bizarr. Ohne ein leistungsfähiges Theater in Schleswig und die daraus erwirtschafteten Einnahmen ist das Landestheater nicht überlebensfähig. Spätestens 2017 wäre laut Intendant Grisebach die Insolvenz da. Damit hätte der Schleswiger Stadtrat mit seinem Ein-Stimmen-Beschluss die kulturelle Grundversorgung des gesamten mittleren und westlichen Schleswig-Holsteins aufs Spiel gesetzt. Denn viel mehr an professioneller Kultur gibt es hier ja nicht, abgesehen von einigen durchaus beachtlichen Museen. Es geht hier nicht darum, dieses Landestheater zu verklären, sondern um nüchterne Fakten der kulturellen Infrastruktur, wenn man feststellt, dass diese Institution für ihre Region absolut unverzichtbar ist. Ohne sie wäre Schleswig-Holstein in weiten Teilen die Theaterwüste der Republik, die die verbleibenden Stadttheater in Kiel und Lübeck nie und immer künstlerisch bewässern könnten. In diesem Zusammenhang sollte zumindest die Frage der Verantwortlichkeit klar benannt werden. Wer war es denn, der das Theater in Schleswig so hat verrotten lassen, dass den Theaterleuten und ihren Zuschauern die Decke auf den Kopf zu fallen drohte? Schon für diese Schlamperei mussten die Künstler und ihr Publikum bluten. Und nun nimmt eine politische Mehrheit derselben Stadt die Theaterlandschaft eines ganzen Landes in Mithaftung für diese Schlamperei.

Noch allerdings ist Hoffnung. Alle Beteiligten wollen Anfang des kommenden Jahres unter Sporendonks Federführung nach einer Lösung suchen. Am Wochenende nach der Schleswiger Stadtrats-Entscheidung übrigens spielte das Landestheater „Der Untergang der Titanic“.