In diesen Tagen alles andere als eine feste Burg in der Kultuszene: Das Wiener Burgtheater

© Foto: Georg Soulek
Zwischenruf

Symptome für Systemversagen

von Detlef Brandenburg

Ein Kommentar zur Krise am Wiener Burgtheater und anderen Theaterskandalen

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Dichte seit einigen Monaten die Theaterskandale im Pool der öffentlichen Aufmerksamkeit einschlagen. Fast schon vergessen ist das Sanierungsdesaster am Schauspiel in Stuttgart. Noch nicht ausgestanden ist das Finanzierungsdebakel um die Elbphilharmonie. Dann war da der Streit um das angeblich vom Sebastian Hartmann am Schauspiel Leipzig hinterlassene Defizit, da war das Hickhack um Geld und Worte zwischen dem Bonner Oberbürgermeister und dem Bonner Generalintendanten Bernhard Helmich, war die Dauerführungskrise am Düsseldorfer Schauspielhaus oder die Absage an den designierten Intendanten der Semperoper Serge Dorny in Dresden; und zu unguter Letzt war zu erleben das unsägliche Gebaren des Schleswiger Stadtrats in der Frage seines Theaterneubaus und der krachende Rausschmiss des Burgtheaterchefs Matthias Hartmann.

Dabei sind die Dauerkrisenherde der Republik  in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Wuppertal noch nicht mal mitgezählt. Und man kann vor diesem wenig heiteren Hintergrund ja durchaus fragen: Ist das noch Zufall? Oder Symptom eines flächendeckenden Systemversagens? Natürlich muss man mit Pauschaldiagnosen vorsichtig sein. Und tatsächlich scheinen selbst die möglichen Parallelen – etwa die zwischen der Egomanie eines Intendanten (in Wien) und der Borniertheit eines halben Stadtrats (in Schleswig) eher subjektiver und damit zufälliger Art zu sein. Auf den zweiten Blick aber nicht unbedingt.

Denn in allen genannten Fällen war vor dem Skandal ein Vakuum: ein Mangel an Orientierung, klaren Vorgaben, Kriterien, Strukturen, in dem der Schaden überhaupt erst so richtig wuchern konnte. Das entlässt keinen Akteur aus der Verantwortung. Aber es richtet den Fokus auf die Rahmenbedingungen der Skandale. Und diese Rahmenbedingungen schafft die Politik. In Bonn stellt der Oberbürgermeister das Opernhaus seiner eigenen Stadt mehrfach infrage und raubt ihm damit die Zukunftsperspektive; in Düsseldorf haben sich offenbar die beiden Träger des Schauspielhauses in ihren Gestaltungsambitionen gegenseitig neutralisiert; in Dresden hat die Kulturpolitik einen Chef ausgewählt, ohne genau genug zu überlegen, was für einen Chef das hohe Haus überhaupt braucht; und in Wien sowie, in allerdings weit geringerem Ausmaß, in Leipzig haben ja offenbar finanzielle Kontrollinstanzen versagt.

Das entlastet, wie gesagt, nicht die Akteure, schon gar nicht einen Zampano wie Hartmann, der überall den Löwen auch noch spielen, im Ernstfall aber nur wie ein Kätzchen Verantwortung tragen will. Aber es macht klar, dass diese „Kunstkrisen“ sich in einen Kontext einreihen lassen, in dem sie Seit an Seite stehen mit der Bankenkrise, Berlins Flughafen-Desaster, der Nürburgring-Pleite in Rheinland-Pfalz oder dem Bonner Skandal um ein kostenträchtig verbocktes World Congress Center. Mit anderen Worten: Die Vorfälle in Düsseldorf, Dresden, Leipzig oder Wien verschaffen „der Kunst“ einen denkbar schlechten Leumund. Aber sie sind eigentlich gar keine „Kunstkrisen“. Vielmehr muss man sich allmählich fragen, ob die politische Kompetenz in diesem Lande den Komplikationen moderner Wirtschafts- und Verwaltungsanforderungen überhaupt noch gewachsen ist.

Kommunen und Länder haben sich unter dem Druck der öffentlichen Finanzkrise durch Outsourcing und Ausgründung von städtischen Unterbetrieben in rechtlich und finanziell hochkomplizierte Konstrukte begeben. Eines davon wurde 1999 mit der Ausgliederung der Wiener Bundestheater erfunden und heißt „Bundestheaterholding“. Vieles spricht dafür, dass in dieser Holding das Vakuum entstanden ist, das Hartmann und seiner Geschäftsführerin ihr egozentrisches Führungsgebaren überhaupt erst ermöglicht hat. Durch europaweite Ausschreibungsvorschriften kann auch die fachlich qualifizierte Vergabe und Beaufsichtigung einer Schauspielhaus-Sanierung zu einem anspruchsvollen Unterfangen werden – das die Aufsichtsbehörden offenbar überfordert, so wie in Stuttgart. Und wer in der internationalen Vielfalt der Theatersysteme den rechten Mann (oder Frau) fürs rechte Haus finden will, der muss sich in dieser Vielfalt ziemlich gut auskennen. An der Fachkompetenz allerdings, die der Schleswiger Stadtrat in die Frage des Theaterneubaus investiert hat, wäre vermutlich auch der Bau einer Wellblechscheune auf der Kuhweide gescheitert.

In Zeiten, in denen rechtliche, finanzielle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen immer komplizierter werden, und in denen die Theater aufgrund jahrelanger Sparrunden sowohl im künstlerischen wie auch am administrativen Bereich eine extrem dünne Personal- und Finanzdecke haben, ist die Führung eines Theaters ebenso wie die Besetzung der Chefpositionen enorm anspruchsvoll geworden. Die Politik sollte Respekt vor dieser Aufgabe haben. Aber sie sollte sich ihr Führungspersonal auch professionell aussuchen und beaufsichtigen. Und sie sollte Rahmenbedingungen schaffen, die Transparenz gewährleisten, Verantwortlichkeiten klar erkennen lassen und damit verantwortungsvolle Kontrolle ermöglichen. An alledem mangelt es offenbar – nicht nur in Wien, und nicht nur im Bereich der Theater.