Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (9)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im September geht um zwei wichtige Musen der beiden Komponisten: Mathilde Wesendonck und Teresa Stolz.

„… den Engel loben, der mich so hoch erhoben“

Brauchen Künstler Musen? Richard Wagner zeitlebens. Doch von nur von einer schrieb er: „Sie ist und bleibt meine erste und einzige Liebe.“ Gemeint ist die 1828 geborene, hochgebildete und dichterisch begabte Mathilde Wesendonck. 1852 besuchte sie mit ihrem Mann, dem wohlhabenden und kunstsinnigen Otto Wesendonck ein Konzert in Zürich, das der dort im Exil lebende „1848-Revoluzzer“ Richard Wagner dirigierte. Er wurde in den engen Kreis herausragender Köpfe aufgenommen, die sich regelmäßig in der Villa Wesendonck trafen: „Auf dem grünen Hügel“ beschrieb Wagner den Ort, wo er in einem einfachen Gartenhaus von Frühjahr 1857 bis Sommer 1858 sein „Asyl“ beziehen konnte. Mathilde bezeichnete sich selbst als »ganz unbelehrt, ein weißes, unbeschriebenes Blatt«, Wagner übernahm hingerissen die Rolle des Mentors – und aus der künstlerisch überhöhten Liebe beider erwuchsen nicht nur die fünf „Wesendonck-Lieder“, sondern vor allem die Komposition von „Tristan und Isolde“: Wagner überreichte Mathilde am Silvesterabend 1857 mit obigen Gedichtzeilen die Kompositionsskizze zum 1. Akt.

Wie sehr die Dreieckskonstellation „Richard-Mathilde-Otto“, speziell der damit verbundene Gefühlskosmos in das Werk einfloss und dabei den Komponisten harmonisch an die Schwelle zur modernen Musik trug, ist x-fach analysiert und dargestellt worden. Bemerkenswert bleibt, dass der großzügige Förderer Otto auch ein bemerkenswerter Charakter gewesen sein muss, denn es gelang Mathilde, ihn „zur vollsten Resignation auf sie“ zu bestimmen und seine unerschütterliche Liebe zu ihr dadurch zu bewähren, dass er sie in ihrer Sorge um Wagner unterstützte – die „Muse“ also ihre „Aufgabe“ erfüllen ließ. Trotz der unausweichlichen Trennung blieb Wagner in engem Kontakt mit dem Ehepaar, übertrug die Bezeichnung „Grüner Hügel“ auf das Bayreuther Festspielhaus und begrüßte zu seinen Lebzeiten das Ehepaar immer wieder als Gäste bei den Aufführungen. Zwar hat Cosima nach Wagners Tod alle Briefe Mathildes verbrannt, um die Bedeutung dieser Beziehung vermeintlich zu verringern. Doch Mathilde hat bis zu ihrem Tod 1902 Wagner in ihrem Herzen behalten – und erkannt, was für ein Werk da entstanden war: „Zum 15. Februar 1883“, zur Beisetzung Wagners im Garten der Villa Wahnfried, schrieb sie eine 42-zeilige Klageode mit dem hellsichtigen Urteil: „Du schufst Unsterbliches für alle Zeiten“.

„Dunkel, Dunkel, Dunkel...“

Am 23. September 1871 steht im Tagebuch: „Der vielleicht traurigste Augenblick meines Lebens... Heute ist die Stolz angekommen. Noch immer so schön wie früher... rings um mich Dunkel, Dunkel, Dunkel...“ – das ist kein Eintrag Verdis, sondern Giuseppina vermerkt dies. Teresa Stolz – das war die Renée Fleming, Karita Mattila oder Anna Netrebko jener Jahre: bildhübsch, sehr weiblich, mit einem leuchtenden Sopran und fesselnder Bühnenpräsenz begabt. Verdi hat die Sängerin womöglich schon 1867 anlässlich der italienischen Erstaufführung von „Don Carlos“ in Bologna als Elisabeth gehört. 1869 studierte er selbst für die Erstaufführung der revidierten Fassung von „La Forza del Destino“ die Solisten ein – Leonora: Teresa Stolz. In diesen vier Wochen haben sich beide wohl zunächst künstlerisch und zunehmend auch zwischenmenschlich schätzen gelernt. Ein reger Briefverkehr begann: „Sechzehn Briefe!! in kurzer Zeit!! Was für eine Aktivität!“, kommentierte Giuseppina.

Als Verdi 1871 den Kompositionsauftrag zu „Aida“ annahm, kam im September Teresa Stolz zur Einstudierung nach Sant’ Agata – und löste nach dem 12. Oktober ihre Verlobung mit dem Dirigenten Angelo Mariani. Sie wurde die überragende Aida der europäischen Erstaufführung 1872 in Mailand, dann europaweit, und sang fast nur noch Verdi-Partien. Als Alessandro Manzoni 1873 starb, reifte der Plan zur „Messa da Requiem“ und bei der Sopran-Partie komponierte Verdi für Stimme und Temperament „seiner“ Teresa. Keinerlei Zeugnis belegt eine Liaison zwischen Verdi und der Stolz, doch der enge, gute Kontakt führte zu einer schweren Ehekrise: „Entweder diese Frau verlässt das Haus oder ich gehe“ soll Giuseppina gezetert haben, woraufhin Verdi zurückbrüllte: „Diese Frau bleibt oder ich erschieß mich.“ Erst nach langen Aussprachen und vielen Briefen wurde die 19 Jahre jüngere Stolz auch zu Giuseppinas Freundin. Sie begleitete zwischen 1882 und 1897 das Ehepaar nach Montecatini zu den jährlichen Thermalkuren. Noch am Todestag von Giuseppina am 4. November 1897 reiste Teresa an und wurde zur „ständigen Begleiterin“ des verwitweten Verdi, so auch bei der letzten Sylvesterfeier 1900-1901. Drei Wochen später erlitt Verdi einen schweren Schlaganfall und die Stunden bis zu seinem Tod war sie um ihn. Testamentarisch hat Verdi die Verbrennung ihrer Briefe verfügt – doch das finale „Aida“-Duett „O terra addio“ und die Inbrunst des „Libera me“ im „Requiem“ singen von Giuseppe und Teresa…