Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (7)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im Juli geht um die Vorliebe beider für Literatur und ganz bestimmte Dichter.

„…einzig als Preis den Olivenkranz…“

Kann ein „Künstler-Gott“ andere Götter neben sich dulden? Oder die Größe anderer Künstler uneingeschränkt anerkennen? Trotz seiner vielfach hervorgehobenen Selbstinszenierung als „Künstler-Fürst“ hat Richard Wagner doch auch andere bewundert und geschätzt. Wagner hat von seiner Kindheit an enorm viel gelesen und diese intellektuelle wie künstlerische Neugier bis an sein Lebensende beibehalten – womit er die meisten anderen Komponisten überragt.

Wagners Kenntnisse der Weltliteratur gehen weit über die Suche nach Stoffen für eigene Werke hinaus: er hat sich die deutsche Literatur seiner Zeit nahezu erschlossen, die französische in weiten Teilen und die englische in Grundzügen angeeignet. Er las die griechischen Klassiker, er schätzte Cervantes enorm hoch, ebenso Shakespeare, daneben Balzac und Scott. Parallel aber vertiefte er sich in Hegel, dann in Feuerbach und schließlich in Schopenhauer. Doch alle philosophischen Gedankengebäude wie Kunstvisionen will Wagner auch in der gesellschaftlichen Realität finden: er liest das gesellschaftspolitische Schrifttum des deutschen „Vormärz“ – von Heinrich Laube bis hin zu den Frühsozialisten, gipfelnd in Proudhons „Was ist Eigentum?“. Keine Frau, sondern ab 1843 der Schriftsteller, Dirigent und Komponist August Röckel prägt Wagners sozialrevolutionäre Ansichten, die 1848 die langen, intensiven Gespräche mit dem Anarchisten Michael Bakunin zur lebenslangen Grundhaltung vertiefen: zur fundamentalen Kritik von Industriegesellschaft, Eliten und Adel, Religion, Staat, Politik und Kapitalismus. So sehr Wagner einerseits Beziehungen und Geld für seine Durchsetzung des „Gesamtkunstwerks“ in und durch Bayreuth braucht, so radikal lehnt er weltliche Ehren ab, begeistert sich für „einzig als Preis den Olivenkranz“, wie Cosima 1870 notiert. Nirgendwo findet er eine so wahre Humanität wie in Mozarts „Zauberflöte“, in Beethovens 9. Symphonie oder Goethes „Faust“, vermerkt Cosima in den Tagebüchern am 25. Juli 1878: „Lieber die Barbarei als dieser Zustand von jetzt.“

   „...diesen Großen gesehen zu haben!“

Feinsinnige Künstler sind mitunter von mimosenhafter Schüchternheit – so auch Verdi. Da fühlen sich Frauen oft berufen, Barrieren zu beseitigen. Das gilt besonders für Clara Maffei, deren Salon dem Provinzler Verdi nach dem „Nabucco“-Erfolg den Zugang und die Aufnahme in die intellektuelle und künstlerische Elite Italiens ermöglichte. Ihr ist Verdis tiefgehende Verehrung für Alessandro Manzoni, den Autor des italienischen Jahrhundertromans „I promessi sposi – Die Verlobten“, bekannt: für den Schriftsteller, den Menschen und den Patrioten Manzoni. Dessen künstlerisches Bekenntnis – das Erhabene mit dem Trivialen und das Vernünftige mit Verrückten zu vermischen – erinnerte Verdi nicht nur an Shakespeare: Es wurde sein eigenes Credo und findet sich als Prinzip der „varietà“ innerhalb der Werke wie in der Abfolge der Opern.

Doch umso diffiziler gestaltete sich beider Kennenlernen. Jahrelang berichteten jeweils Dritte über die wechselseitige Wertschätzung. Verdi hat nicht den Mut, sich ihm vorzustellen. Doch dann 1867: Giuseppina wagt im Mai einen ersten Besuch bei Clara Maffei. Spontan besuchen beide den 82-jährigen Manzoni. Er gibt Giuseppina ein signiertes Foto mit: „Für Giuseppe Verdi, den Ruhm Italiens, von einem klapprigen lombardischen Schriftsteller“. Als Giuseppina alles erzählt und das Bild überreicht, wird Verdi bleich, dann rot; er zerknüllt seinen Hut und sitzt wortlos, tränenüberströmt in der Kutsche. Tags darauf schickt er ein Foto mit tief empfundener Widmung. Aber erst ein Jahr später, Ende Mai 1868, treffen die beiden Großen sich das erste und einzige Mal in Mailand. „Was könnte ich über Manzoni sagen?.. Ich wäre vor ihm niedergekniet, wenn man Menschen anbeten dürfte. Man sagt, das sei nicht erlaubt. Nun gut, obwohl wir auf Altären viele Menschen verehren, die weder Manzonis Fähigkeiten noch seine Tugenden hatten und sogar solche, die Erzhalunken waren...“ schreibt Verdi am 7. Juli 1868 an seine Freundin Clara Maffei. Nicht Verdis Anti-Klerikalismus ist an diesem Brief wichtig, sondern seine profunde Verehrung wahrer Humanität, aus der heraus er 1874 mit der „Messa da Requiem“ Manzoni ein tönendes Denkmal für die Ewigkeit errichtet.