Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (6)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im Juni stehen zwei bedeutende Vorbilder der Komponisten im Mittelpunkt.

           „…ohne ihn stünde ich jetzt nicht vor Ihnen“

„Hier ist derjenige, welcher mir zuerst den Glauben entgegengetragen, als noch keiner etwas von mir wusste, und ohne den Sie heute vielleicht keine Note von mir gehört haben würden, mein lieber Freund – Franz Liszt!“ so huldigt Richard Wagner im August 1876, beim Bankett im Festspielrestaurant, vor allen Künstlern seinem zentralen Förderer. Tatsächlich schuldet Wagner dem Künstlerfreund und späteren Schwiegervater Liszt lebenslang viel. Die Bekanntschaft beginnt 1840 in Paris und wächst – im Wechsel von Distanz und Annäherung – zur bleibend tiefen Wertschätzung. Zentrale Stationen: Liszt gewährt 1849 dem steckbrieflich gesuchten „Revoluzzer“ Wagner Unterschlupf in Weimar, versorgt ihn mit falschem Pass und Fluchtgeld; der „Hofkapellmeister“ Liszt setzt die gesellschaftlich und staatspolitisch hochbrisante Weimarer „Lohengrin“-Uraufführung 1850 durch; beide trinken 1853 Bruderschaft auf dem Schweizer Rütli, wobei der Gedanke eines „Bühnenfestspiels“ geboren wird, für das Liszt seine Unterstützung verspricht. 1864 beginnt das turbulente Großkapitel „Wagner – Cosima“, das zunächst Entfremdung und dann doch die lebenslange Versöhnung beider Männer umfasst: nach einer eindringlichen Aussprache kalauerte Wagner auf der Geburtstagsfeier am 22. Oktober 1872: „Ein edler Geist, ein guter Christ – es lebe Franz Liszt!“ Liszts Rolle für die Verwirklichung und Durchsetzung der „Bayreuther Festspiele“ ist immer noch unterbewertet.

Dennoch hat Wagner den Schwiegervater Liszt künstlerisch nicht durch ein Werk „verewigt“, während der europaweit geschätzte Klaviervirtuose mit Klavier-Transkriptionen und Improvisationen über Wagner-Themen nie aus seiner künstlerischen Verehrung des Schwiegersohnes ein Hehl machte. Liszts Klavier-Elegie „La lugubre gondola“ vom Januar 1883 scheint Wagners Tod sechs Wochen später zu ahnen. Noch befremdlicher wirkt 1886 die Gestaltung die Totenfeier für den Vater durch Tochter Cosima: nach einem unwürdigen Umgang mit der Leiche ein Begräbnis-Spektakel zwischen „Staatsakt“ und „Society-Event“, dazu Antons Bruckners Orgel-Improvisation über „Parsifal“ – keine Note Liszt! 

„Ich möchte eine Totenmesse schreiben...“

Drei dunkel gekleidete Herrschaften stehen am 1. Juni 1873 vor dem noch blumenübersäten Grab des am 22. Mai verstorbenen Alessandro Manzoni. Der hat 1826 mit „I promessi sposi - Die Verlobten“ den italienischen Jahrhundertroman, aus Verdis Sicht „das größte Buch unserer Epoche“ geschrieben und ist zum Nationalheros aufgestiegen – vergleichbar nur dem Ansehen, das ein Goethe oder Beethoven in deutschen Landen genossen. Die drei Trauernden sind: Verleger Giulio Ricordi; Clara Maffei, die Intellektuelle und Patriotin, die ab 1839 in ihrem Mailänder Salon dem damaligen Provinztalent Giuseppe Verdi zu wichtigen Kontakten verholfen und das einzige Treffen Verdis mit Manzoni arrangiert hatte – und Verdi selbst: tiefbewegt und stumm. Als 16-Jähriger hatte Verdi den Roman erstmals gelesen, später sogar eine Vertonung als Oper überlegt.

Am 3. Juni 1873 schreibt Verdi an Ricordi: „Auch ich möchte die Liebe und Verehrung beweisen, die ich diesem großen Mann gegenüber hegte und hege... Ich möchte eine Totenmesse schreiben, die wir nächstes Jahr an seinem Todestag aufführen könnten... Ich würde die Noten auf eigene Kosten kopieren lassen und die Aufführung selbst dirigieren, sowohl bei den Proben als auch in der Kirche.“ Tatsächlich beginnt am 22. Mai 1874 in Mailands Kirche San Marco der Triumphzug der „Messa da Requiem“. Paris und London folgen, die Wiener Konzerte vom Juni 1875 mit Sopran Teresa Stolz und Mezzosopran Maria Waldmann bilden einen grandiosen Höhepunkt. Zwar meint Dirigent Hans von Bülow „eine Oper im Kirchengewande“ gehört zu haben und der gleichfalls anwesende Wagner lässt Cosima notieren, dass darüber „nicht zu sprechen entschieden das beste ist“. Doch Brahms erkennt: „so etwas kann nur ein Genie schreiben.“ Der Wagner-Antipode Eduard Hanslick verteidigt die „Italianità“ des „Requiem“ mit der feinsinnigen Frage, ob Verdi „mit dem lieben Gott nicht Italienisch reden dürfe?“ Verdi selbst schreibt: „Im Ganzen war die Aufführung so, wie man sie nie wieder hören wird!“