Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung Wagner trifft Verdi (5)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im Monat Mai geht es um das "liebe" Geld...

„Eigentum ist Diebstahl…“

„Geld ist das Fluchwort, was alles Edle vernichtet“, schreibt ein 26-jähriger deutscher Komponist aus Paris. Es ist Richard Wagner, der 1839 nicht zuletzt wegen seiner Schulden aus Riga geflohen ist und hofft, in der französischen Metropole den großen künstlerischen und damit auch finanziellen Durchbruch zu schaffen – so wie ihm das die erste Einladung bei Franz Liszt im Salon von dessen Nobelhotel vorführt: Wagner ist betäubt und befangen vom glanzvollen Lebensstil des Virtuosen. Andererseits hat auch er die viel diskutierte Schrift des Frühsozialisten Proudhon gelesen, die in dem Satz gipfelt: „Eigentum ist Diebstahl“. Im Mai 1841 stellt Wagner die Urschrift des „Fliegenden Holländers“ fertig und verkauft den Entwurf für 500 Franc, etwa 3 000 Euro, an die Grand Opéra. In der Orchesterskizze findet sich am Schluss des 2. Aktes der Eintrag: „13. August 1841 – Morgen geht die Geldnot wieder los!“ Bis 1842 leidet er bitterste Not, aus der ihm auch die Unterstützung Giacomo Meyerbeers nicht heraushilft. Er erlebt das erste liberale „Enrichessez-vous – Bereichert Euch!“ unter dem sogenannten Bürgerkönig Louis Philippe und schreibt an den Dresdner Freund Theodor Uhlig, er glaube an keine andere Revolution mehr als an die, „die mit dem Niederbrande von Paris beginnt“ – eine Vorahnung des „Götterdämmerung“-Finales?

Geldnot bleibt angesichts des fehlenden Urheber- und Tantiemenrechts in deutschen Landen für Wagner ein lebenslanges Thema. Auch als ihn am 3. Mai 1864 die rettende Einladung durch Königs Ludwig II. von Bayern erreicht und er am 9. Mai aus der königlichen „Cabinets-Kassa“ erstmals 4000 Gulden, etwa 52 000 Euro, zur Begleichung seiner europaweiten Schulden erhält: Zeitlebens borgt und erbettelt Wagner teils große Summen von Freunden, Frauen und Gönnern. Er scheut sich nicht, den „Ring des Nibelungen“ gleich dreimal – an den Züricher Gönner Wesendonck, an den Verleger Schott, schließlich an König Ludwig – zu verkaufen und die späteren Originalpartituren des „Rheingold“ und der „Walküre“, die er Wesendonck überlassen hatte, für den König zurückzufordern. Der 68-jährige verlangt für den „Parsifal“ vom Schott-Verlag 100 000 Gulden und die „Streichung meiner noch an Sie bestehenden Schulden“. Eine „in Deutschland noch nie gezahlte Summe“ kommentiert Schott die Anweisung. Doch Wagner ist dem Geld nicht verfallen, seine früh gewonnenen, antikapitalistischen Überzeugungen bleiben bis ans Lebensende bestehen. Im Jahr 1882 darauf findet sich in Cosimas Tagebüchern Wagners Äußerung, dass der Staat nur eine Veranstaltung zur Sicherung des bürgerlichen Besitzes sei: „Besitz…, den er als Grund-Übel von allem erkennt“. Parallel dazu verurteilt er das Geld: „Mit Geld lässt sich nichts Gutes anfangen, man kann die Menschen damit nicht verändern, vernichten muss man es“.

„Geld für Aida contra Afrikanerin“

Anfang Mai 1872 wird in Parma „Aida“ mit der von Verdi künstlerisch und privat hochgeschätzten Primadonna Teresa Stolz gegeben. Der im benachbarten Reggio ansässige Opernenthusiast Prospero Bertani hat im heimatlichen Opernhaus Meyerbeers „Afrikanerin“ gesehen. Einige Tage später fährt er nach Parma, um sich „Aida“ anzuhören. Die Oper gefällt ihm überhaupt nicht und er ärgert sich über die Ausgaben von 31 Lire 80 Centesimi. So setzt er sich hin und fordert Verdi auf, ihm Fahrkarte, Eintrittspreis und Abendessen zu ersetzen. Am 10. Mai weist Verdi seinen Verleger Giulio Ricordi an, von seinem Verlagskonto exakt 27,80 Lire an Bertani zu zahlen: „Das ist nicht gesamte Summe... aber auch noch das Abendessen bezahlen? Nein, das nicht. Er hätte auch zu Hause zu Abend essen können!!!! Sie lassen ihn selbstverständlich eine Quittung ausstellen und eine kurze Verpflichtung unterschreiben: dass er nie wieder eine meiner Opern besuchen wird...“ Außerdem soll Ricordi den Vorfall publizieren.

Bis Ende Mai amüsiert sich ganz Italien über die Kuriosität. Doch Bertani erhält nicht nur stoßweise Schmähbriefe, sondern auch handfeste Morddrohungen. Verdi, 1872 längst gutsituierter Großgrundbesitzer, kann getrost auf einen Besucher verzichten, denn seit 1840 bekommen italienische Opernkomponisten für ihre Genehmigung einer Aufführung Geld und dann auch Anteile der Einnahmen: eine Parallele zum in Frankreich schon seit 1791 eingeführten Urheberrecht samt Verwertungstantiemen. Im Deutschen Reich kommt dies erst 1901. Als der verschuldete und verzweifelte Wagner 1864 von König Ludwig II. gerettet wird, laufen von Verdi über 20 Opern im Repertoire und bringen gute Einnahmen, die Verdi sein Gut Sant’Agata auf sieben Quadratkilometer vergrößern lassen. Er kann moderne Landmaschinen aus England kaufen und beschäftigt mitunter bis zu 200 Landarbeiter. Während die mittellose Sklavin Aida immer wieder „O terra addio“ singt, hat Verdi 1871 für die Komposition und die Aufführungsrechte nur in Ägypten vom Khediven 150 000 Franc, rund 900 000 Euro, erhalten – davon können deutsche Komponisten nur träumen…