Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung Wagner trifft Verdi (4)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im April geht es um die skandalträchtigen Pariser Erfahrungen der beiden Komponisten.

„Ich bin von allen Mitteln entblößt…“

Anfang April 1861 zieht Wagner in mehrfacher Hinsicht Bilanz. 19 Monate hat er sich in Paris aufgehalten, jener damaligen „Welthauptstadt der Musik“: Erst wer sich hier durchgesetzt hat, gehört zu den ganz Großen – und Wagner schrieb zu Beginn an Ehefrau Minna: „Auf großen Erfolg glaube ich rechnen zu dürfen“. Jetzt bleiben ihm nach Abzug aller Kosten 750 Francs. Angereist war er mit dem Plan, durch Konzerte viel Aufsehen, Anerkennung und Unterstützung zu finden, um dann „Tannhäuser“ an der Grand Opéra aufführen zu können. Die Konzerte bringen Künstler-Kontakte zu Auber, Berlioz, Baudelaire, zum alten Rossini, zu Star-Sopranistin Pauline Viardot-Garcia und vielen gesellschaftlich wichtigen Adeligen – doch am Ende bleibt im Mai 1860 ein Defizit von 10000 Francs, das eine Gönnerin übernimmt. Parallel läuft ein kunstpolitisches Ränkespiel, an dessen vermeintlichem Ende Kaiser Napoleon III. anordnet, „Tannhäuser“ aufzuführen.

Im September 1960 beginnen die Proben unter Dirigent Pierre Dietsch, nach Hans von Bülow der „ekelhafteste, dickfelligste, unmusikalischste aller Kapellmeister“. Wagner tritt unbescheiden auf und erkrankt im Oktober an typhösem Fieber. Man hält ihn für einen Todeskandidaten und die Proben kommen zum Erliegen. Doch bis Ende des Jahres erholt er sich, komponiert die Venus-Szenen zu Ende – und das von der Intendanz als unumgänglich geforderte Ballett: Die verwöhnte Pariser Snob-Aristokratie käme erst nach der ersten Pause vom Souper und wolle dann seine Favoritinnen tanzen sehen. Doch Wagner lehnt dies kategorisch ab und schreibt das „Bacchanale“ des 1. Aufzugs, das Gewagteste an musikalischer Exstase bis dahin. Die Proben dauern länger, das Staatsministerium muss die ständig steigenden Kosten auffangen, der Elan erlahmt – während der Unmut bei den französischen Komponisten wächst, die bislang vergeblich auf eine Aufführung an der Grand Opéra hofften. Nach 164 Proben dann am 13. März 1861 die Uraufführung: Ausgerechnet bei der „keuschen“ Schalmei-Melodie des Hirten beginnt das geplante Lärmen der um „ihr Ballett“ betrogenen Adeligen und Mitglieder des renommierten Jockey-Clubs. Sogar der Beifall des Kaiserpaares geht unter.

Die zweite Aufführung gerät zur akustischen Schlacht: Wagners Musikdrama gegen Jagd- und Trillerpfeifen sowie Flageoletts. Der Tannhäuser-Tenor Niemann schmeißt wütend seinen Hut ins Publikum. Die dritte Aufführung, der Wagner nicht beiwohnt, muss wegen Tumulten mehrfach für eine Viertelstunde unterbrochen werden. Trotz eines sich ankündigenden Vorverkaufserfolges zieht Wagner sein Werk zurück. Die gegnerische Presse konjugiert genüsslich das neue Verb „tannhauser“ nach „tanner – gerben, langweilen, belästigen“: „el tannhause“. Doch Baudelaire hält fest: „Diese Handvoll Rüpel bringt uns alle miteinander in Verruf!“

 „Die Welt ist zu dumm...“

 

„Giuseppe Verdi auf der EXPO“ hätte im April 1855 eine Schlagzeile in der Metropole Paris lauten können – richtig hätte es natürlich heißen müssen: „...auf der 2. Weltausstellung“. Paris hat in den Monaten April und Mai fast so etwas wie Fieber: Auf Veranlassung von Kaiser Napoleon III. findet diese Monumentalschau des industriellen Zeitalters statt. Natürlich kommt „alle Welt“ an die Seine, über 21000 Aussteller und über 5,1 Millionen Besucher: sensationelle Zahlen für die damalige Zeit – und das Paris des Zweiten Kaiserreichs gibt sich als weltoffene Stadt. In den gesellschaftlichen Wirbel werden auch Verdi und Lebensgefährtin Giuseppina Strepponi hineingezogen.

Paris weltoffen? Weit gefehlt. Verdi bereitet – trotz der von ihm so genannten „Ermordung“ seiner Oper „Jérusalem“ - die Uraufführung einer neuen Oper vor: Paris ist ein wichtiger Karrierebaustein für jeden italienischen Opernkomponisten, daher hat er einen Vertrag für „Les vêpres siciliennes“ angenommen. Wie seine Vorgänger begegnet aber auch Verdi einem deutlichem „Anti-Italianismus“. Die Presse fragt, warum nicht ein Franzose die Festsoper komponiert – es ist die klassische Form einer neuen Haltung, die erstmals auch einen Namen bekommt: Chauvinismus. Librettist Eugene Scribe, zu dem schon in der Vorbereitungszeit die Kontakte schwierig waren, hat gegen die historische Wahrheit aus den Sizilianern dunkle Verschwörer mit Dolchen gemacht, zögert mit Änderungen und erscheint nie zu den Proben; das Orchester probt desinteressiert bis widerwillig; die Bühnenarbeiter machen Schwierigkeiten bei den Bauten...

In einer der Endproben macht Verdi in einer wütenden Szene all seinen Frustrationen Luft. Natürlich dringt dies nach draußen. Saint-Saens fragt ironisch, ob Verdi denn nur Kriegsopern komponieren könne – warum also nicht „La battaglia di Pavia“ und „Waterloo“ –, und einige Pariser Blätter nennen ihn von nun an gehässig „Merdi“. Doch die mehrfach verschobene, dann im Juni 1855 als „Gala“ deklarierte Uraufführung wird vom intellektuellen Paris, voran von Hector Berlioz, gefeiert. Über andere Reaktionen schreibt Verdi seiner Brieffreundin Clara Maffei: „Die Welt ist zu dumm, um infam zu sein!“