Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (3)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im dritten Teil der Serie geht es um Mode und Politik...

"Samt-Barett gegen Pickelhauben"

„Die Mode ist das künstliche Reizmittel, das da ein unnatürliches Bedürfnis erweckt, wo das natürliche nicht vorhanden ist;… Die Mode ist... die unerhörteste, wahnsinnigste Tyrannei...; ihre Tätigkeit ist daher willkürliche Veränderung, unnötiger Wechsel..., nicht künstlerische Erzeugung aus sich, sie kann nur ableiten, nicht aber erfinden..., (sie) ist somit der schnurgerade Gegensatz des Bedürfnisses der Kunst...“ Das steht nicht etwa in Naomi Kleins Anti-Kommerzbuch „No Logo“ aus dem Jahr 2000, sondern in Richard Wagners zentraler Schrift „Das Kunstwerk der Zukunft“ von 1849. Doch sein Samt-Barett – womöglich aus den Pariser Jahren stammend und von den dortigen Basken-Mützen abgeleitet – wurde dennoch zu einer Stil-Ikone der „Wagnerianer“. Als sich der über 50-jährige Wagner allerdings ab 1864 immer mal wieder Annehmlichkeiten der außergewöhnlichen Kleidung gönnt, werfen ihm seine Gegner prompt „Luxus“ vor. Dabei gab es zumindest für bestimmte textile Vorlieben des Komponisten ernst zu nehmende gesundheitliche Gründe: Wagner litt an Gürtelrose und Rosazea – und musste daher statt Baumwolle oder Wolle Seidenunterwäsche tragen. Zwar ist Wagner nicht – wie etwa „Pfirsich-Melba“ – zum Speisekarten-Klassiker aufgestiegen, doch tauchen seine Figuren und Werktitel als Markenzeichen der Wagner-Mode immer mal wieder in den Namenszügen unterschiedlichster Institutionen auf, vom „Rheingold-Express“ über ein „Tannhäuser Hotel“ und die "Holländer-Stuben" bis zur „Venus-Grotte“.


Keineswegs eine vorbergehende Mode und deshalb viel problematischer war die jahrzehtelange Vereinnahmung von Wagners Werken und Stoffen für nationalstaatliche Hoffnungen: etwa für eine die 39 Staaten des „Deutschen Bundes“ überwölbende deutsche „Kulturnation“ und deren Entstehungsmythos. In Wagners künstlerischen Gipfelwerken sah man das Mittelalter glorios verklärt und das Kaiserreich verherrlicht. Schlimmer noch: Pauschaliert, zunehmend undifferenziert und gegen die erklärten Intentionen des Komponisten interpretiert, der mit staatlichen Institutionen wenig am Hut (oder am erwähnten Barett) hatte, konnten bald Nationalisten, Rassisten und Völkische aus den Werken einen „ur-teutschen“ Germanen- und Arier-Kult machen: vom Bühnen-Kostüm bis zur braunen Ideologie. Dass Wagner alles preußische Pickelhaubentum hasste und 1880 in einem Brief an Ludwig II. „schon ernsthaft an eine vollständige Übersiedlung nach Amerika gedacht“ hatte, blieb fast 100 Jahre ausgeblendet.

„Bitte Saltimbocca mit Sauce Verdi...“

Ab dem 10. März 1842 gab es auf Mailänder Speisekarten Saltimbocca mit der neuen „Salsa Verdi“. Die vornehmen Geschäfte boten Merino-Wollschals „alla Verdi“ an. Einige modebewusste Milaneser trugen auch neue Hüte „alla Verdi“. Grund für all diese Schickeria-Auswüchse war der Abend des 9. März im Mailänder Teatro alla Scala: „Nabucodonosor“ von dem Nachwuchstalent Giuseppe Verdi war zum bejubelten Erfolg geworden. Ein biblischer Stoff, den der deutsche Komponist Otto Nicolai abgelehnt hatte: „'Nabucco' war unmöglich in Musik zu setzen. Ich musste es refusieren, überzeugt, dass ein ewiges Wüten, Blutvergießen, Schimpfen, Schlagen und Morden kein Sujet für mich sei.“


Verdi hat seine nächtliche Begegnung mit dem von Nicolai abgelehnten Textbuch zu seiner „Errettung aus höchster Verzweiflung“ – nach dem Tod von Frau und Kindern – hochstilisiert. Genau genommen waren es die Dramatik und der Chor „Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen...“, die die Uraufführung zum Durchbruchserfolg für den 29-jährigen Komponisten werden ließen: in sieben weiteren, umjubelten Aufführungen, einer zweiten langen Serie und über 60 weiteren Inszenierungen wurde „Va pensiero“ als Chor des unterdrückten Italien verstanden – und zur heimlichen Nationalhymne. Verdi reifte neben dem Staatsmann Cavour, dem Publizisten Mazzini und dem Haudegen Garibaldi zum musikalischen Nationalheros: In ganz Ober- und Mittelitalien beobachteten Spitzel der österreichischen Besatzungsmacht das öffentliche Leben. Die Idee eines Nationalstaates Italien unter Führung des pietmontesischen Königs Vittorio Emanuele gärte trotz Verfolgung in den Köpfen. Die national Gesinnten grüßten sich nun mit „Evviva V.E.R.D.I!“, was auch als Grafitti an Hauswänden stand – und gemeint war: „Es lebe Vittorio Emanuele Re D’Italia!“