Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (11)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer „Zugabe“ je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im November geht es um die Entstehung und verschiedene Fassungen von Wagners „Tannhäuser“ und Verdis „Don Carlos“...

„… der Welt noch den Tannhäuser schuldig…“

„Mit diesem Werke schrieb ich mir mein Todesurteil: vor der modernen Kunstwelt konnte ich nun nicht mehr auf Leben hoffen“ stellt Wagner bezüglich „Tannhäuser“ schon im Sommer 1851 in seiner „Mitteilung an meine Freunde“ fest. Die pathetische Überzeichnung trifft dennoch Wahres: mittelmäßiger Erfolg der Uraufführungsfassung 1845 in Dresden; Jubel 1849 in Weimar, wo Franz Liszt die nächste Fassung mit veränderter Schlussszene dirigiert; ab 1859 Wagners Lösung von der Nummern-Oper und Hinwendung zum „Musikdrama“ mit der Umbenennung von „Große romantische Oper“ in „Handlung in drei Aufzügen“, beginnende Umarbeitung für die Übersetzung ins Französische und Einfügung des „Bacchanale“ für die „Pariser Fassung“ von 1861 samt Skandal – siehe „Geburtstagbegegung (4)“; 1867 Verkürzung der Ouvertüre und Beginn der Rückübersetzung der französischen Fassung ins Deutsche; 1871 neue Bearbeitung der 1. Szene; am 22. November 1875 Ovationen für den Wiener „Tannhäuser in einer neuen Bearbeitung“, weil Wagner den Übergang Ouvertüre-Bacchanale orchestral fließender gestaltet und Pariser Teile eingefügt hat – Wagner dankt dem Publikum mit einer Ansprache.

Auch wenn in den Folgejahren der Bayreuther Theaterbau, die Festspiele und dann der „Parsifal“ in den Vordergrund treten: Wagner nimmt den „Tannhäuser“ in den Werk-Kanon für Bayreuther Aufführungen auf und Cosima hält am 5. Februar 1883 – also acht Tage vor seinem Tod – im Tagebuch fest: „seinen Wunsch, zuerst Tannhäuser in Bayreuth zu geben; habe er diesen festgesetzt, so habe er mehr erreicht, als wie wenn er Tristan gegeben“. Doch es kommt anders: sowohl durch die Fassungsproblematik wie auch durch Wagners Bemerkung gegenüber Cosima zwei Wochen zuvor, am 23. Januar 1883 „er sei der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ haften dem Werk Züge des Problematischen an. So erscheint 1886 zuerst „Tristan“ auf dem Spielplan der Festspiele und es dauert bis 1891, ehe mit „Tannhäuser“ die zeitlos gültige Problematik ‚Künstler-versus-Gesellschaft’ auf dem Grünen Hügel Einzug hält.

„... genau so wie in der Pariser Opéra...“

Seit Monaten gehen viele Briefe zwischen Verdi und seinem Verleger Giulio Ricordi hin und her – doch am 18. November 1866 fordert Verdi entschieden: „Der ‚Don Carlos‘ muss genau so aufgeführt werden, wie man ihn jetzt in der Pariser Opéra gibt.“ Zurück liegen schon zwei Jahre Ringen um und mit dem Stoff inmitten europäischer Turbulenzen. Den „deutsch-deutschen Bruderkrieg“ zwischen Österreich und Preußen wollen die Italiener nutzen, um in einem zweiten Anlauf die staatliche Einigung zu erreichen. Verdi begleitet die anfangs begeisternden und dann bitter enttäuschenden Ereignisse dieses abermaligen „Risorgimento“-Versuchs intensiv: „Übermorgen donnern die Kanonen… Eine andere Art der Musik! Fürchterlich! Und doch so ersehnt!“

... und so komponiert er parallel das Scheitern der „Freiheit Flanderns“, gipfelnd in der gespenstischen Szene zwischen Philipp und dem Großinquisitor, die inhaltlich auch wie eine künstlerische Vorwegnahme sowohl der „Münchner Konferenz“ von 1938 oder der „Wannsee-Konferenz“ von 1942 verstanden werden kann. Das Riesenpanorama des fertigen Werkes überforderte dann selbst die Pariser Opéra. Und Verdi, der schon vor der Uraufführung kürzen muss, fordert am 12. November 1866 von Ricordi Garantien für Aufführungen in Italien: „damit nicht auch diese Oper in der gewohnten Weise abgeschlachtet wird“... Doch dann verbrennt die französische Originalpartitur und es beginnt eine Fassungsvielfalt zwischen italienischsprachigen Einstudierungen in London und Bologna 1867. Es folgen viele Zwischenstufen, bis sich Verdi zu einer grundlegenden Umarbeitung und dem Erstellen einer vieraktigen italienischen Fassung entschließt, die dann 1884 an der Mailänder Scala herauskommt. Doch schon für Modena erweiterte Verdi das Werk wieder um einen italienischen Fontainebleau-Akt. Erst ab 1971 konnte durch zahlreiche Funde musikhistorisch solide geklärt werden, was in welche Fassung gehörte und in etwa den Intentionen Verdis entsprach. All das führte endgültig zu der Einsicht, dass „Don Carlo“ das Schlüsselwerk in Verdis musikdramatischem Gesamtwerk ist – und letztlich ein Plädoyer für die französische Fassung und die abermalige Einfügung aller „theaterpraktischen“ Kürzungen!