Zwischenruf

Geburtstagsbegegnung: Wagner trifft Verdi (10)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden Sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im Zentrum der Oktober-Ausgabe stehen "Tristan und Isolde"...

„… ernste Stimmung, die nach ekstatischem Ausdruck drängte“

Mitten in der Reinschrift der „Rheingold“-Partitur und Kompositonsskizzen zum 2. Aufzug der „Walküre“ wird Wagner von seinem gleichfalls im Schweizer Exil lebenden Revolutionsfreund Georg Herwegh auf Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ aufmerksam gemacht – und liest es ab Oktober 1954 bis zum Sommer 1855 viermal: die Figur Wotans, insbesondere sein Abschied als Wanderer im „Siegfried“, sind davon geprägt. Doch Ende Oktober – so diktiert Wagner später und etwas selbst-inszenatorisch seiner Cosima in „Mein Leben“ – schlägt seine durch die Lektüre geprägte „ernste Stimmung“ um, drängte „nach einem ekstatischen Ausdruck ihrer Grundzüge“ und gab ihm die erste Konzeption zu einer Dramatisierung von „Tristan und Isolde“ ein.

Da Herwegh Wagners Aufforderung, Ermunterung und Bitte um eine episch-dramatische Dichtung nicht erfüllt, skizziert Wagner im Dezember 1855 den Inhalt der drei „Tristan“-Aufzüge. Darin noch enthalten: der nach dem Gral umherirrende Parzival kommt an Tristans Siechbett und der wunde, aber nicht sterben könnende Tristan gleicht ein wenig dem Amfortas der Grals-Romane… noch ein Jahr später hält Wagner all dies für ein „einfaches Werk“ zum schnellen Geldverdienen. Doch mit seinem Einzug ins von Otto Wesendonck ermöglichte „Asyl“, ganz nahe bei Mathilde Wesendonck, siegt das „musikalische Ausrasen“ über „Siegfried“, den Wagner „unter der Linde“ zurück lässt: am 1. Oktober 1857 beginnt er mit der Komposition, in der sich mit dem chromatisch aufsteigenden Sehnsuchtsmotiv eine neue Harmonik entfaltet, letztlich die musikalische Moderne beginnt. Wie sehr die Muse Mathilde Wesendonck speziell dieses Werk beeinflusst hat, ist vielfach beschrieben worden – bis hin zum Bruch. Doch in den Oktober 1859 fällt auch die erste Ablehnung einer „Tristan“-Aufführung: der Tenor in Karlsruhe wagt sich nicht an die Partie. Nach der Uraufführung 1865 in München beginnt aber im Oktober dieses Jahres auch der Widerstand gegen Wagners enge Verbindung mit König Ludwig II. so anzuwachsen, dass der Komponist im Dezember München endgültig verlassen muss – nochmals ein Bruch mit Parallelen zu „Tristan und Isolde“.

„Lass mich mit dir sterben!“

Auf dem Umschlag steht „5. oder 6. Oktober 1846. Sie sollen diesen Brief auf mein Herz legen, wenn sie mich begraben!“ Es ist Giuseppinas Zusatz auf dem neu versiegelten Kuvert. Der Brief liegt bis heute verschlossen in Sant’ Agata. Er stammt von Verdi. Mitten in einer kompositorisch und künstlerisch turbulenten Zeit – Erfolge und Dirigate von „Ernani“, die Komposition von „Räuber“ und „Macbeth“ – hatte Verdi zwei Vorstellungen mit Giuseppina Strepponi dirigiert und ihr dann den bis heute nicht veröffentlichten Brief geschrieben. Alle seriösen Verdi-Forscher sind sich einig: es ist wohl der zentrale Liebesbrief Verdis an Giuseppina. Sie geht dann zwar nach Paris – doch unmittelbar danach sitzen beide an der Umarbeitung und Verbesserung der „Lombarden“ zu „Jérusalem“... und über hundert Jahre später findet eine Forscherin folgende Einträge im Text zu einem Liebesduett:

In Strepponis Schrift: „Weh mir! Alle Hoffnung ist verschwunden, mein Ruhm vergangen! Familie... Vaterland... alles hab’ ich verloren!“ In Verdis Schrift: „Nein, ich bin immer bei dir! Fürs ganze Leben!“ In Strepponis Schrift: „O Engel des Himmels... Lass mich sterben in den Armen meines Mannes!“ In Verdis Schrift: „Lass mich mit dir sterben! Mein Tod wird...“ In Strepponis Schrift: „... süß sein“... Da kann der Kunstfreund von heute nur verstummen und gerührt feststellen: Tristan und Isolde also schon 1846 … nicht im mythischen Irland oder Cornwall oder ab 1854 in Zürich… vielmehr: früher oder doch erneut und auch in Paris...!