Henning Rischbieter

Henning Rischbieter

© Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Zwischenruf

Der Anwalt der neuen Zeit

von Michael Laages
Mit 86 Jahren starb Henning Rischbieter, der Mitbegründer von „Theater heute“.

Ende März, zum „Internationalen Theatertag“, hatte ihn das Internationale Theaterinstitut noch einmal ausführlich und umfassend geehrt – für das Lebenswerk eines immer wachen Zeitgenossen der Bühnenkünste. Da war Henning Rischbieter, der Theaterkritiker und Gründer von „Theater heute“, gerade 86 Jahre alt geworden. Und wie sehr das Alter den alltäglichen Tribut fordern mochte, er wollte sich fit halten bis zum letzten Augenblick: in Folge eines Schwächeanfalls beim Schwimmen ist Rischbieter gestorben. Ende Juni wird ihm der Preis des ITI nun postum verliehen werden; nicht mit einem Fest, sondern bei einer Feier der Trauer und des Gedenkens.

Bald nach dem 80. Geburtstag war wohl die Lust gewachsen, auch mal von sich selber zu erzählen; nicht immer nur vom Theater, von Autoren und Regisseuren, von Schauspielerinnen und Schauspielern sowie von Aufregung und Abenteuer einer Premiere, davor und danach. Henning Rischbieter begann, Geschichten zu sammeln aus dem eigenen Leben – und unter dem sehr niedersächsischen Titel „Schreiben, Knappwurst, abends Gäste“ erschienen die autobiographischen Skizzen im Frühjahr 2009; dort, wo sie hin gehörten – als Fortsetzung in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Rischbieter war Hannoveraner, der Heimatstadt in einer Art immerwährender Hassliebe verbunden – als sie etwa vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten das neue Schauspielhaus eröffnete, hatte der Kritiker nichts freundlicheres zu tun als die versammelte Fest-Gemeinde an die überaus nazifreundlichen Theatertexte des späteren Fernsehkrimi-Autors Herbert Reinecker zu erinnern. Rischbieter eckte gerne an.

Als er sich nun an sich selber erinnerte, ließ er eine Jugend in Hannover lebendig werden, mittendrin in den Jugendverführungsstrategien der Nazis; von ersten Begegnungen mit der Bühne, aber auch speziellen Vergnügungen wie der Lust am Fliegen auf dem alten hannoverschen Flugplatz erzählte er; und natürlich vom Kriegs-Erleben und –Erleiden des Teenagers, der er ja war, als seine Einheit wie so viele andere verheizt wurde in den letzten Wochen des großen Schlachtens. Mit nur noch einem Arm ist er zurückgekehrt – und den Verlust nahm er hin als Buße für das eigene Mitläufertum in der großdeutschen Generalverblendung.

Vom Studium in Göttingen berichtete er, von der darauf folgenden Arbeit an verschiedenen Volkshochschulen – und von der großen Theaterpassion, die ihn vor allem in der Arbeit für die „Volksbühne“ ergriff, die Besucherorganisation, die sich natürlich auch in der Hauptstadt des neuen Bundeslandes Niedersachsen entwickelte. Hier galt es, die verlorene, verdorbene, vertriebene Kultur des Landes neu zu erfinden; und der Pädagoge fand den eigenen Ort mit der „Volksbühne“ im Theater. Er schrieb und erklärte; er führte das fast aller kulturellen Empfindung und Emphase entwöhnte Publikum der Stadt an den unzerstörbaren Reichtum der Bühnenliteratur heran. Henning Rischbieters Veröffentlichungen jener Jahre trugen schon den Kern dessen in sich, was 1960 folgte – fast parallel zum Start der neuen „Schaubühne am Halleschen Ufer“ in West-Berlin und auch schon kurz vor der ersten Ausgabe vom „Theatertreffen“, gründete Rischbieter im Dörfchen Velber bei Hannover gemeinsam mit dem Theater-Enthusiasten und Verleger Erhard Friedrich jene Theaterzeitschrift, die einflussreich wie kaum eine sonst die Wahrnehmung der Bühnenkünste in Deutschland prägte und bis heute prägt: „Theater heute“.

In dieser Gründerzeit ist er der Anwalt der Jungen und ziemlich Wilden; aber zur Erinnerung sei auch erwähnt: Peter Zadek, der Jude aus Berlin, jetzt Heimkehrer aus englischem Exil, ist vom selben Jahrgang – nur war eben sein „deutscher Weg“ ein ganz anderer gewesen. Konträrer geht’s nicht. Es wird zu Rischbieters Lebensmaximen gehört haben, diesen deutschen Abgrund zu überwinden. Konsequenterweise war und blieb Rischbieters Vorstellung vom Theater, wie es sein sollte, in dieser noch Nachkriegs- und schon Wirtschaftswunderzeit vor allem politisch; er forderte mehr noch als den schönen Schein der Bühne auch und gerade die Verantwortung des Theaters ein – die Verantwortung und das Engagement für die Gesellschaft, in der dieses Theater spielt. Auch darum stand Rischbieter mit Verve dem innovativsten Theater-Intendanten jener Jahre zur Seite: Kurt Hübner, der erst in Ulm und dann in Bremen den Aufbruch jener Jahre beförderte wie keiner sonst. Das Bremer Theater erinnert dieser Tage, zum Ablauf der laufenden Saison, an Hübners spektakuläre Bremer Zeit: unter dem Titel „War da was?“. Ja, da war was. Und Rischbieter hatte gossen Anteil daran – als Beobachter und Förderer.

Intensiv hat gerade er dann auch Peter Steins Weg begleitet, vom Kortner-Assistenten in München über den rasanten Aufbruch in Bremen bei Hübner bis hin zur Berliner „Schaubühne“, damals noch „…am Halleschen Ufer“, der nach Hübner bedeutendsten Bühne der Epoche. Einer, der seinerseits mit der Zeit dieses Haus zu prägen begann, schrieb mit bei Rischbieter – der junge Botho Strauß, der dann als Dramaturg zu Stein wechselte und die eigene Autorenkarriere in Gang setzte. Und noch einer schrieb und dachte mit in Rischbieters Redaktion, den der Berufs- und Lebensweg bald darauf direkt ins Theater führte – der spätere Dramaturg und Regisseur Ernst Wendt. Es wird nicht immer gemütlich gewesen sein in der Redaktion, die Rischbieter führte; zugleich war sie (wie anders?) eine kleine, verschworene Bande. „Unüberwindliche Nähe“ – so beschrieb Kollege Strauß die Atmosphäre in der Arbeit und privat – und es wird wohl so gewesen sein, dass der Chef, wie raubauzig auch immer, in all der Passion für die Menschenkunst der Bühne und allem Streit für die Erneuerung haltbare Freundschaft gesucht hat. 

In allem Schreiben über das Theater und die, die es formen und gestalten, und neben allen Publikationen, die in Rischbieters Schreibwerkstatt entstanden, blieb der Journalist ja immer auch Pädagoge – als Dozent etwa im heimatlichen Hannover, wo er die herausragenden Fernseh-Dokumentationen des gelernten (und einst am hannoverschen Ballhof engagierten) Schauspielers Eberhard Fechner erforschen half, und seit Beginn der 1980er Jahre als ordentlicher Theaterprofessor in Berlin, wo er den vertrauten Unterrichtskanon erfolgreich umkrempelte und auch die Universität als Zentrum zeitgenössischen Theaterverständnisses begreifen wollte. Kern der Theaterleidenschaft blieb aber immer die Zeitschrift, die dem Professor in die alt-neue Hauptstadt gefolgt war; bis 1997 amtierte Rischbieter unter wechselnden Besitzverhältnissen als eigenwilliger und unabhängiger Kopf der Redaktion. Und auch danach ließ er sich von den Nachfolgern nicht zweimal bitten, wenn es (auch und gerade anhand einzelner Aufführungen) ein paar grundsätzliche Fragen zu klären galt.

Noch in den nunmehr letzten Jahren blieb es ein besonderes Bild, ihn im Theater zu sehen, allein oder an der Seite seiner Frau, der Schauspielerin Iris Erdmann. Und wenn er das, was er gesehen hatte, dann auch noch aufschrieb, zeigte er noch immer, was und wie er war: ein genauer, zuweilen auch strenger Analytiker, streitbar und beharrlich, widerborstig und gern auch ein wenig belehrend – mit Rischbieter ging eine der wirklich prägenden Persönlichkeiten des deutschen Theaters, und sein Platz war auf dieser, der Publikumsseite des Vorhangs.