Krzysztof Warlikowski nach der Premiere von Strauss‘ "Die Frau ohne Schatten" an der Bayerischen Staatsoper, München (November 2013).

© Foto: Wilfried Hösl
Zwischenruf

Botschaft zum Welttheatertag 2015

von Krzysztof Warlikowski
"Ein Theater, das in der Tiefe der Wahrheit seinen Anfang und im Unerklärlichen sein Ende findet" , wünscht sich Krzysztof Warlikowski in seiner Botschaft zum Welttheatertag am 27. März.

Der polnische Regisseur ist seit 2008 künstlerischer Leiter am Nowy Teatr, einem interdisziplinärem Kulturzentrum in Warschau. In Deutschland inszenierte er unter anderem am Schauspiel Hannover und an der Bayerischen Staatsoper.

Die Meister des Theaters sind fernab des Theaters, haben mit dem Theater als einer Reproduktionsmaschine von Klischees und Konventionen nichts zu schaffen. Ihnen gelingt es, die pulsierenden Quellen und die lebendigen Zeitströme zu entdecken, die um die Theaterräume eher einen Bogen machen, auch um die vielen Menschen dort, die sich tagtäglich mit dem Nachahmen irgendwelcher Welten abmühen. Wir ahmen nach, reproduzieren, statt eigene Welten zu schaffen, innezuhalten, den Impulsen aus dem Dialog mit dem Publikum nachzugehen, den verborgenen Affekten nachzuspüren, die am besten vom Theater aufgedeckt werden können.

Meine Wegweiser finde ich zumeist in der Prosa, sie begleiten mich ständig. Es sind Schriftsteller, die vor einem Jahrhundert prophetisch, doch nüchtern den Niedergang der europäischen Götter beschrieben haben; einen Niedergang, der unsere Zivilisation in eine bis heute nicht aufgehellte Dämmerung zurückgeworfen hat. Ich denke an Franz Kafka, Thomas Mann oder Marcel Proust und mit Blick auf die Gegenwart an John Maxwell Coetzee.

Gemeinsam ist ihnen das Gefühl des unentrinnbaren Weltendes, nicht unseres Planeten, sondern der Auflösung eines Modells der zwischenmenschlichen Beziehungen, ihrer tradierten Ordnung und Werte, das Infragestellen der ausgefochtenen Revolten – ein Gefühl, das auch uns heute zunehmend bedrängt. Uns, obwohl wir das Ende der Welt hinter uns haben.

Angesichts der Morde und Konflikte, die an immer mehr Orten entbrennen - und das mit einer Geschwindigkeit, der sogar die allgegenwärtigen Medien mit ihrer täglichen Berichterstattung nicht standhalten können – die, kaum benannt, schon wieder langweilig werden, um spurlos aus den Tagesnachrichten zu verschwinden, sind wir machtlos, entsetzt, fühlen uns umzingelt.

Für den Bau von Türmen reicht es nicht mehr und die Mauern, die wir so hartnäckig errichten, bieten uns keinen Schutz. Im Gegenteil. Wir sind es, die unsere Mauern beschützen, intakt und dicht halten müssen; der Großteil unserer Energie geht dabei drauf. Es fehlt dann die Kraft, die Welt hinter dem Tor, hinter den Mauern wahrzunehmen. Und gerade das ist es doch, was Theater ausmacht, hier liegt seine Kraft. Dort hinzusehen, wo das Hinsehen verboten ist.

"Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muss sie wieder im Unerklärlichen enden." schreibt Kafka über den Mythos von Prometheus. Der Gedanke ist sehr aufschlussreich in Bezug auf das Theater, wie es aus meiner Sicht sein sollte. Genau solch ein Theater, das in der Tiefe der Wahrheit seinen Anfang und im Unerklärlichen sein Ende findet, wünsche ich von Herzen all seinen Arbeitern, denen auf der Bühne und denen im Zuschauerraum.

Übersetzung aus dem Polnischen: Ewa Strózczyñska-Wille

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