Torge Møller (l.) und Momme Hinrichs alias „fettFilm“ vor der Bühne von „Giovanna D’Arco“ an der Oper Bonn. Das Bild rechts zeigt eine Szene aus der Inszenierung

Torge Møller (l.) und Momme Hinrichs alias „fettFilm“ vor der Bühne von „Giovanna D’Arco“ an der Oper Bonn. Das Bild rechts zeigt eine Szene aus der Inszenierung

© Foto: Thilo Beu
Leseprobe

Pioniere der Verschmelzung: Momme Hinrichs und Torge Møller von „fettFilm“

Die Theatermacher und Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Møller von „fettFilm“ arbeiten seit Jahren an einer neuen Philosophie der Auseinandersetzung mit allen theatralen Mitteln. Der Dramaturg Andreas K. W. Meyer beschreibt seine wachsende Begeisterung für diese besonderen Theaterkünstler

Die erste Begegnung mit dem Wort traf bei mir auf gleichermaßen Unkenntnis (eigentlich sogar Ignoranz) und Vorurteile: Fünf Jahre arbeiteten sie schon erfolgreich zusammen, ohne dass ich ­darauf gestoßen wäre – erst als 2005 Bernd Eichinger an der Berliner Staatsoper „Parsifal“ inszenierte, wurde mir der Name geläufiger. Und damals war für mich noch ausgemacht, dass der Filmmogul für seine Erstinszenierung sich halt der Zuarbeit von Spezln versichert hatte. Zugegeben: Kein Zeichen für hinlängliche Offenheit und Neugier meinerseits, zumal ich auch noch dem Firmennamen mit etlicher Skepsis begegnete – zu modisch prätentiös klang mir, was spätestens mit Stefan Herheims Salzburger „Entführung“ von 2003 schon international eingeführt war: fettFilm.

Diese etwas ostwestfälische Haltung sollte sich ändern, als ich Momme Hinrichs und Torge Møller quasi hautnah (und im Nachbarbüro) in ihrer Tätigkeit für Phi­lipp Stölzls „Rienzi“-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin erleben konnte. Handfestes Arbeiten und eine ausschließlich sachorientierte Herangehensweise waren zu spüren, nichts Prätentiöses tat sich da auf; und auch der Name verriet plötzlich mehr Schalk oder Ironie als vielleicht Schielen nach Akklamation von bestimmter Seite. Das, was sie dann schließlich zu dieser – auch auf DVD zu überprüfenden – Produktion beitrugen, darf man getrost als die entscheidende Konstituente bezeichnen: Aufstieg und Fall des Diktators (beginnend mit dem unvergleichlichen Schreibtischflug durchs All während der Ouvertüre) fanden vor allen Dingen in den eigens entwickelten und gedrehten Videos ihren Ausdruck, die sich in ihrer Ästhetik an Wochenschauen der Dreißiger Jahre orien­tierten.

Unbestreitbar zur Größe war fettFilm damit für mich geworden; und siehe, das hatten auch weit vorher schon andere Theaterleute gemerkt. Die Liste der Regisseure, mit denen Hinrichs und Møller gearbeitet haben, liest sich ein wenig wie ein Who is Who: Nicolas Brieger, Stefan Herheim, Andreas Homoki, Peter Konwitschny, David Pountney, Joachim Schlömer oder Deborah Warner finden sich darunter, sowohl in Opern- als auch in Schauspielproduktionen, zu sehen bei den Festspielen in Salzburg, Bregenz und Bayreuth oder an Häusern wie der Wiener, Berliner und Hamburger Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Semper-oper, der Opéra National de Paris, de Lorraine in Nancy, du Rhin in Strasbourg, dem La Monnaie in Brüssel sowie gerade eben erst an der Norske Opera in Oslo mit Herheims „La Cerentola“. Daneben fanden sie aber zum Beispiel auch noch Zeit, 2006 im Rahmen von „Spots“ mit ihrer Video-Installation „Signs Fiction“ am Potsdamer Platz in Berlin für Furore zu sorgen.

Kennengelernt haben sich die beiden fettFilmer am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo Torge Møller neben seinem Philosophie- und Germanistikstudium in der Tonabteilung und Momme Hinrichs (Studium der Musik- und Medienwissenschaft) als Regie-Hospitant und Video-Assistent arbeitete. Gemeinsam ent­wickelten sie die Idee vom Film als unterstützendem, nicht illustrierendem Element der Theaterarbeit. 2000 entstand aus der Idee eine Firma, die (ja, auch ich weiß es inzwischen!) für eine neue Philosophie der Auseinandersetzung mit allen theatralen Medien steht.

Verschmelzung, das könnte der Begriff sein, auf den die Arbeit von fettFilm zu bringen ist. Hinrichs und Møller wollen nicht als Solisten glänzen, sondern stellen sich ganz in den Dienst der gesamtkunstwerklichen Sache, ohne sich dabei freilich zu bloßen Dekorateuren oder Bebilderern degradieren zu lassen. Die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Videos sich in den theatralen Ablauf einfügen, lässt sich in ihrer Sachdienlichkeit dann voll ­ermessen, wenn man Gelegenheit hatte, das Ineinanderwachsen der einzelnen Elemente einer von ihnen mitgetragenen Produktion zu erleben. Natürlich weiß man, dass erst mit der Klavierhauptprobe ein verlässlicher Eindruck von der finalen Optik einer Neuinszenierung entsteht; doch ist die ledigliche Zusammenführung von Szene, Kostüm und Licht für den Erfahrenen auch im Vorfeld schon abstrakt möglich. Dann allerdings, wenn hier noch eine vierte Ebene hinzutritt, ereignet sich ab diesem Augenblick das Überraschende: die Entgrenzung, die Enträumlichung, das Abheben in eine mit immer neuen Erstaunlichkeiten aufwartende Dimension.

Bei einigen Produktionen war fettFilm auch bühnenbildnerisch tätig, was angesichts der Erfordernisse ihrer Kunst auch Sinn ergibt. Sentas Bett im den ganzen Raum erfüllenden Meer schwimmen zu lassen, wie es 2012 an der Donbass Oper in Donezk in der „Holländer“-Inszenierung von Mara Kurotschka der Fall war, lässt sich leichter herstellen, wenn die Autonomiebehauptung der Bühne entsprechend uneitel vorgetragen wird. Und bei der vom Publikum einhelligst und nachhaltig bejubelten Produktion von Verdis „Giovanna D’Arco“ an der Oper Bonn, die das Video-Team nicht nur überdies als Bühnenbildnerteam, sondern erstmals auch als für die Inszenierung verantwortlich präsentierte, zeigte sich ihr auf ein zwingendes Endergebnis zielendes gemeinschaftliches Denken besonders deutlich: Es war das nahtlos verwobene Ineinander der verschiedenen Ebenen, auf das sich schon vor Probenbeginn – ohne jedem Zufall irgendeinen Raum zu lassen – das konzeptionelle Augenmerk richtete. Das mag banal klingen, ist es aber angesichts sattsam bekannter vielleicht sogar Unvereinbarkeit von „Künstler-Befindlichkeiten“ durchaus gar nicht. Hierzu passt dann auch das von fettFilm im Vorfeld der „Giovanna“ immer wieder vorgetragene Verantwortungsempfinden gegenüber einer zumindest hierzulande so wenig bekannten Oper. Wie bei einer Uraufführung wollten sie sich dem mittlerweile 170 Jahre alten, dramaturgisch hochproblematischen und historisch, wie schon Schillers Vorlage, unhaltbaren Werk nähern. Tatsächlich gelang ihnen eine faszinierende Zeitreise vom 15. ins 20. Jahrhundert bis zur Heiligsprechung der Jeanne d’Arc, die die Brüche der Vorlage einerseits vergessen machte, andererseits aber skrupulös der Partitur getreu folgte. Und es sind nicht nur einige Bilder, die sich eingebrannt haben dürften, wie die Verwandlung zum Wald oder die Krönungsszene; vielmehr bleibt die Konsequenz in nachhaltiger Erinnerung, mit der sie ihre Vision eines, noch einmal sei es gesagt: Gesamtkunstwerks verfolgten. Ohne Seiten­blicke auf aktuell Modisches schufen sie eine Sicht auf Verdis frühe Oper, die auch in Jahrzehnten noch Bestand haben kann. Es war – Entscheider vorausgesetzt, die nicht nach Kritikern und ihrem ­jeweils aktuellen „Liebling des Monats“ schielen – bestimmt nicht fettFilms letzte Regiearbeit!

Gespannt sein darf man auf die nächste, diesmal wirkliche Uraufführung am Theater Bonn, wenn im Rahmen der ­Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr, dem Zusammenschluss von Deutsche Oper am Rhein, Theater Dortmund und eben Bonn zur Schaffung eines breiteren Repertoires an Familienopern, in der ­Inszenierung von Erik Petersen James Reynolds’ Cornelia-Funke-Vertonung „Geisterritter“ im Dezember 2017 he­rauskommt. Die zusätzlichen Möglichkeiten, die Hinrichs und Møller als ­Video-Künstler und Bühnenbildner diesem Genre mitgeben können, dürften nachhaltig geeignet sein, die so oft vergeblich, weil mit untauglichen Mitteln angestrebten erweiterten Zuschauergruppen für Theater, in jedem Fall für Oper zu ­begeistern!

FETTFILM

sind die Video-Künstler Momme Hinrichs und Torge Møller. Ihnen geht es in ihrer Arbeit um die Verknüpfung von Video mit anderen Medien zu einem Gesamtkunstwerk, das sich nicht in bloßer Koexistenz oder der Dekoration von Bühnenräumen erschöpft, sondern mehrere künstlerische Ebenen miteinander verschmelzen lässt. Sie haben mit Regisseuren wie Stefan Herheim, Peter Konwitschny, David Pountney, Andreas Homoki sowie anderen bildenden Künstlern zusammengearbeitet, unter anderem bei den Salzburger und Bregenzer Festspielen, der Wiener, Berliner und Hamburger Staatsoper, der Semperoper, der Opera National de Paris und bei den Bayreuther Festspielen. Seit dem Frühjahr 2005 sind Torge Møller und Momme Hinrichs als Dozenten an der Technischen Universität Berlin für den Studiengang Bühnenbild tätig.

Über den Autor

Andreas K. W. Meyer, seit 2013 Operndirektor und stellvertretender Generalintendant am Theater Bonn.
- Ab 1981 Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in Münster
- 1993 bis 2003 Musikdramaturg an der Oper Kiel
- 2004 bis Juni 2012 Chefdramaturg der Deutschen Oper Berlin