Szene aus Nicolas Stemanns Uraufführungsinszenierung 
von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“

Szene aus Nicolas Stemanns Uraufführungsinszenierung
von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“

© Foto: Krafft Angerer
Leseprobe

Zahlen, bitte!

von Detlev Baur

„Wer spielte was?“, die Werkstatistik der Deutschen Bühnenvereins, erscheint Anfang August zum 68. Mal. Erstmals hat die Redaktion der DEUTSCHEN BÜHNE sie erarbeitet. In diesem Schwerpunkt präsentieren wir erste Zahlen und schauen hinter die Nummern

Mehr zum Schwerpunkt im Maiheft der Deutschen Bühne:

  • Zur Neugestaltung der Werkstatistik
  • Fokus des Feuilletons vs. Besucherzahlen
  • Köpfe hinter den Zahlen: Die Schauspielautoren
  • Das Geheimnis von „Tschick“
  • Gespräch: „Die Zauberflöte“ als Werk aller Werke
  • Erfahrungen bei der Datensammlung
  • Wie international ist das Repertoire?
  • Die Sparten und ihre Grenzen
  • Essay zum Werkbegriff

Was zählt!

Passen Zahlen und Theater zusammen? In einer durchoptimierten, tristen Welt der steilen Börsenindizes (für den Geldbeutel) und hohen Klickzahlen (für die Seele) sind es doch Kreativität und Utopien, Phantasie und Einfühlungsvermögen, welche die besondere Qualität der darstellenden Kunst ausmachen. Wie sollen da schnöde Zahlen den freien Gedankenflug des Dramas, von Musiktheater, Tanz oder Puppenspiel einschränken können? Im Theater geht es schon immer gerade um den Kontrast von Wunsch und Wirklichkeit, die sich in tragische Finale, komische Verwicklungen oder arienhafte Ausbrüche auflösen. Auch geht es im Theater immer um Machtverhältnisse, die sich auch in Zahlen ausdrücken. Am Ende der „Orestie“ werden die Stimmen für und gegen Orest ausgezählt, in „Terror“, dem Erfolgsstück dieser Spielzeit (das mit einiger Sicherheit in der Werkstatistik des nächsten Jahres eine große Rolle spielen wird) werden nach jeder Aufführung die Stimmen des Publikums gezählt.

Aber abgesehen davon, was nun zahlentechnisch in den Stücken und Inszenierungen des Theaters geschieht: Eine exakte Erfassung dessen, was auf den Bühnen zu sehen ist, zählt aus wissenschaftlicher wie aus kulturpolitischer Sicht durchaus, wahrscheinlich sogar mehr denn je. Auch für uns als Theaterzeitschrift, die den Anspruch hat, die deutsche Theaterlandschaft in ihrer Breite und nicht nur in ihren Spitzen zu erfassen, ist es wichtig, immer wieder den Blick weg von den großen Inszenierungen großer Häuser in großen Städten zu richten. Die Masse macht es eben auch.

Für die Spielzeit 2014/15 hat die Redaktion der DEUTSCHEN BÜHNE nun erstmals die Redaktion der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins übernommen. Von jeher haben wir mit Hilfe der Theater die Premierendaten der deutschsprachigen Theater gesammelt und veröffentlicht. Diese Beschäftigung haben wir nun intensiviert, auf weitere Theater ausgeweitet und mit Aufführungs- und Zuschauerzahlen der Werkstatistik verbunden.

Die 68. Ausgabe der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins wird also Ende Juli in ganz neuer Form erscheinen. Darin werden wir deutlicher auf alle derzeit in der Theaterwelt anzutreffenden Sparten und Theatergenres eingehen, als das bisher der Fall war. Und wir möchten die Ergebnisse klarer differenzieren, etwa indem wir den Anteil zeitgenössischer Werke oder von Bühnenbearbeitungen beschreiben. Die neue Werkstatistik wird also neue Einblicke in die deutschsprachige Theaterwelt bieten.

In diesem Schwerpunkt wollen wir schon einmal Appetit auf diesen Neustart eines etablierten Werkes über Werke machen. Und hinter die Zahlen schauen. Mit dem Schwerpunkt Zahlen bitte! versuchen wir, eine Spielzeit und ihre Werke noch einmal Revue passieren zu lassen, einen Überblick über grundsätzliche Aspekte und einen Einblick in Details zu geben. Dabei steht immer auch die Frage im Hintergrund, was die Zahlen über das Theater erzählen können. Und über das Verhältnis von Theaterrealitäten zur Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und in Fachmedien wie der DEUTSCHEN BÜHNE.