Matthias Lilienthal (Mitte) im Interview mit Detlev Baur und Anne Fritsch

Matthias Lilienthal (Mitte) im Interview mit Detlev Baur und Anne Fritsch

© Foto: Alvise Predieri
Leseprobe

Wir sind so frei - Stadttheater heute

von Detlev Baur, Anne Fritsch (Interview)

Matthias Lilienthal tritt seine Intendanz an den Münchner Kammerspielen an. Ein Berliner Theaterrevoluzzer, der eher in Wohnungen oder auf Straßen spielen lässt als in klassischen Theaterräumen, wird Leiter des altehrwürdigen Münchner Literaturtheaters. Wir trafen ihn in der Kantine.


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Herr Lilienthal, bis 1998 waren Sie Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne, dann haben Sie das Festival „Theater der Welt“ vorbereitet. Damals war Dieter Dorn regieführender Intendant der Münchner Kammerspiele – und es war völlig undenkbar, dass Sie einmal die Leitung dieses Theaters übernehmen würden.
Matthias Lilienthal: Im Jahr 2000 war ich ja selbst ein Stadttheaterfuzzi und freue mich, es jetzt wieder sein zu dürfen. Strukturell gesehen war die Volksbühne damals nichts anderes als ein Stadttheater, was sie heute nicht mehr ist. Obwohl die Arbeit an der Volksbühne im Grunde ja auch etwas von freier Gruppenarbeit hatte: Da gab es den Castorf-, den Kresnik-, den Marthaler- und den Schlingensief-Clan.
 
Die Volksbühne war also schon in den 90er-Jahren viel freier als die Münchner Kammerspiele, die damals ein klassisches Literaturtheater waren?
Matthias Lilienthal: Ja, aber hier hat sich einiges geändert. Frank Baumbauer hat das Theater über Spektakel oder die Videoinstallationen von Chris Kondek geöffnet, und Johan Simons hat Koproduktionen mit dem Paper Tiger Theater und anderen Gruppen innerhalb des Hauses zugelassen. Die Ernsthaftigkeit, mit der diese kontinuierliche Entwicklung hier passiert, schätze ich sehr.
 
Zwischen der Intendanz von Frank Baumbauer und seinem Nachfolger Johan Simons gab es eine starke Kontinuität – Simons war einer der wichtigsten Regisseure unter Baumbauer. Sehen Sie sich als Fortsetzung dieser Kontinuität?
Matthias Lilienthal: Ja, auch Johan Simons sagt, dass ich jetzt die Schritte gehe, die er sonst gegangen wäre.

Immer ein Schritt weiter in Richtung Offenheit?
Matthias Lilienthal: Das ist eine Erweiterung der Möglichkeiten. Es werden weiterhin drei Viertel des Repertoires vom Ensemble der Kammerspiele gespielt.
 
Behalten Sie auch Produktionen aus dem gegenwärtigen Repertoire?
Matthias Lilienthal: Ja, sieben oder acht. Auch 12 der 20 Schauspieler in meinem Ensemble übernehme ich von Johan Simons. Ich kündige als Intendant ungewöhnlich wenig Schauspielern.
 
War es für Sie damals eigentlich eine bewusste Entscheidung weg vom Stadttheater, hin zur freien Szene?
Matthias Lilienthal: Ick habe nüscht anderes gekriegt. Nein, Nele Hertling hat mich angerufen und gefragt, ob ich das Festival Theater der Welt machen wolle. Ich habe Ja gesagt und gar nicht gewusst, worauf ich mich einlasse. Bei Theater der Welt fühlte ich mich wie ein Kapitän, der einen riesigen Tanker zur Verfügung hat und gar nicht weiß, wie man so ein Schiff fährt. Auch am HAU war ich zunächst völlig ratlos, wie man mit freien Produktionsweisen umgeht. Dann habe ich das als große Freiheit entdeckt. Bevor ich am HAU anfing, haben mir alle gesagt: „Wie kannst du diesen Laden nur übernehmen? Da kommt doch kein Mensch, das kann doch nur schiefgehen.“ Ich war auch überzeugt, dass es schiefgehen kann. Meine eigene Psyche geht davon aus, dass es große Schwierigkeiten geben kann. Aber auf jeden Fall will ich dabei Spaß haben.
 
Und sollen die Zuschauer auch Spaß haben?
Matthias Lilienthal: Na klar, ich liebe niemanden mehr als Zuschauer. An den Kammerspielen kann ich weiterhin Ensemble- und Repertoiretheater machen und gleichzeitig freie Gruppen wie zum Beispiel die junge Gießener Truppe Fux integrieren.

Die Kammerspiele werden also eine Mischung aus Stadttheater und Produktionshaus für freie Gruppen?
Matthias Lilienthal: Es gibt hier schon alle Formen: Stadttheater, Mischformen, freie Gruppen, Projekte von einzelnen Personen – und alles dazwischen. Mit Gob Squad werden wir Tolstois „Krieg und Frieden“ als Kriegsprojekt machen, die Hälfte der Darsteller kommt aus unserem Ensemble, die Hälfte der Produktions­mittel bringen Gob Squad mit. Ich finde es spannend, die Erfahrungswelt dieser Gruppe an die Kammerspiele abzugeben.
 
Ist es für Sie kein großer Bruch, wieder zurück zum Stadttheater zu kommen?
Matthias Lilienthal: Nein. Die Münchner Kammerspiele sind eine hoch motivierte freie Gruppe. Ich muss die Schauspieler und Techniker eher bremsen, dass sie nicht zu viel machen. Natürlich ist das ein Ausnahmefall, nicht vergleichbar mit kleinen Theatern der Republik.
 
Inwiefern?
Matthias Lilienthal: Es hat in den letzten 15 Jahren an den Stadttheatern einen großen Verlust an finanziellen Möglichkeiten gegeben. Die Mittel und das Personal sind extrem geschrumpft. Ich erinnere mich an eine Produktion des Theaters Bonn bei Theater der Welt im Jahr 2002, in der Krzysztof Warlikowski 20 Schauspieler hatte. Welches Stadttheater in Deutschland kann das denn noch leisten?
 
Die Kammerspiele.
Matthias Lilienthal: In Zukunft auch nicht mehr, weil dann können sie nichts mehr parallel produzieren.

Was haben Sie denn für Pläne im Bereich Literaturtheater?
Matthias Lilienthal: Der neue Hausregisseur Nicolas Stemann eröffnet die Spielzeit mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Er ist ja jemand, der Schauspieler innerhalb des Stadttheaters an die Grenzen ihrer Performance-Fähigkeiten führt. Das wird sicher ein interessantes Moment. Hier in der Stadt gab es ja das Gerücht, das Ensemble würde stark reduziert, und der Lilienthal macht nur so Politmist. Gerade deswegen eröffne ich mit einem Klassiker.
 
Sie planen also im Schauspielhaus relativ klassisches Literaturtheater und daneben eine zweite, freiere Schiene?
Matthias Lilienthal: Natürlich gehört die Auseinandersetzung mit klassischen Stoffen dazu. Aber ich würde da gar nicht so groß unterscheiden. In dem Moment, wo es ein Klassiker ist, gibt es dazu einen Regisseur, der nicht klassisch ist. Gob Squad und She She Pop arbeiten auf der großen Bühne. Und es gibt Projekte wie die „Shabbyshabby Apartments“, wo der Zuschauer in einem Haus aus Badewannen an der Isar oder im Englischen Garten übernachtet und sich selbst als Performance erlebt. Danach wird er in die Kantine zum Frühstück eingeladen, wo alle Übernachtungsgäste von ihren Erlebnissen erzählen.
 
Also bedeutet Theater in den Kammerspielen nicht mehr: Ein Mensch geht über eine Bühne; vielmehr kann der Mensch, um den sich alles dreht, auch der Zuschauer selbst sein?
Matthias Lilienthal: Ja. Es geht auch darum, den Performance- und Theaterbegriff zu verändern. Ich will auf eine charmante Art die Frage thematisieren, warum Menschen in dieser Stadt mindestens 50 Prozent ihres Einkommens für Wohnen ausgeben müssen. Denn auch wenn ein Schauspieler an den Kammerspielen sehr gut bezahlt wird und 3600 Euro rausbekommt: In dem Moment, wo er eine Frau und zwei Kinder hat und die 100-Quadratmeter-Wohnung 2000 Euro kostet, dann hat von den vieren jeder noch 400 Euro zum Leben. Und das bei einem totalen Luxusgehalt für Schauspieler. Da muss man die Frage stellen: Wer kann sich diese Stadt noch leisten? Hier wird der Mittelstand – und viele freie Künstler – einfach aus der Innenstadt vertrieben. Ich kann mir diese Scheiß-20-Euro pro Quadratmeter leisten, aber ich weiß nicht, wie meine Anfängerschauspieler in dieser Stadt überleben sollen.

Haben Sie in der ersten Spielzeit ein Motto?
Matthias Lilienthal: Wir machen eine Werbekampagne mit Fotos aus dem Archiv von Wolfgang Tillmans zu dem Begriff „Kammern“. Im Münchner Slang redet man von den Münchner Kammerspielen auch als „Kammer“. Ich benenne die drei Spielstätten auch in „Kammer 1, 2, 3“ um. Mich interessieren die Kammern des Verdrängten.

Die da wären?
Matthias Lilienthal: Wir machen gleich zu Beginn ein Wochenende zum Thema Flüchtlinge. Schon im Vorfeld haben wir mit der Initiative Bellevue di Monaco um drei Häuser im Glockenbachviertel gekämpft und verhindert, dass sie abgerissen werden. Momentan sieht es so aus, als würde die Stadt dort Flüchtlinge unterbringen. Ein Flüchtlingshaus mitten in der Innenstadt, 300 Meter vom Viktua­lienmarkt entfernt. Wir versuchen, dort einen Kultur- und Beratungsbereich einzurichten, der die Stadt und die Flüchtlinge miteinander verlinkt. Das läuft unter dem Motto „Munich Welcome Theatre“ – und dieses Motto wird die erste Spielzeit deutlich prägen.

Das heißt, dass es eine größere Öffnung in die Stadt und hin zum Politischen gibt?
Matthias Lilienthal: Klar. Ich steh auf politische Einmischung.
 
Wie passt dazu der gar nicht schäbige Raum des Schauspielhauses?
Matthias Lilienthal: So jemand wie ich auf der Maximilianstraße ist doch super: Ich möchte eine Reibung zwischen dem Jugendstilraum der Kammerspiele und dem in ihn gesetzten Inhalt.
 
Wie wird sich das Verhältnis von freien Gruppen und Stadttheatern entwickeln? Gibt es in Zukunft nur noch freie Gruppen an Stadttheatern?
Matthias Lilienthal: Die Kulturstiftung des Bundes hat mit ihrem Doppelpass-Programm Möglichkeiten geschaffen, freie Gruppen an Stadttheatern zu beschäftigen. Die Stadt München baut ein großes, freies Produktionshaus, das im Sommer 2018 eröffnet werden soll. Das finde ich sehr richtig, weil das im Süden Deutschlands bisher fehlt. Dieses System der Produktionshäuser als zweite Struktur im Land zu etablieren, die Arbeit von freien Gruppen in Stadttheaterstrukturen zu integrieren, das ist ein großer Modellversuch.

Also werden die Grenzen zwischen freier Szene und Stadttheater immer durchlässiger?
Matthias Lilienthal: Das Klischee „freies Theater gleich armes Theater und Stadttheater gleich reiches Theater“ ist ja totaler Quatsch. Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop verdienen mehr als die Mitarbeiter am Theater Augsburg oder am Theater Oldenburg. Ich sehe das erst mal als offenen Prozess unter der Frage: Was kann jede Seite von der anderen lernen? Die freien Gruppen können an den Kammerspielen von völlig neuen Möglichkeiten in Bereichen wie Licht oder Maske profitieren. Gleichzeitig kann sich das Stadttheater den Erfahrungen von Produktionsgruppen und ihren Rhythmen öffnen.
 
Also ein Gewinn für beide Seiten?
Matthias Lilienthal: Ja. Aber es wird mir im ersten halben Jahr eine riesige Inte­grationsarbeit abverlangen, weil ich immer versuchen muss, Missverständnisse zu verhindern.
 
Das ist ja auch logistisch sehr kompliziert. Braucht es dafür eine Veränderung der Strukturen im Stadttheater?
Matthias Lilienthal: Ja. Wir bauen hier zum Beispiel eine Produktionsleitung auf. In der Spielhalle schaffen wir ­einen Einheitsraum mit einer immer gleichen Tribüne, was zwar einerseits ein ästhetischer Verlust ist, mir aber andererseits ermöglicht, statt 120 Vorstellungen 250 zu zeigen. So gewinne ich 130 Vorstellungen für andere Projekte, ohne den Repertoirebetrieb zu schmälern.
 
Eine Mischung aus Repertoire- und En-suite-Theater.
Matthias Lilienthal: Ja. Da gibt es an ­einem Abend die ästhetische Virtuosität einer Stemann-Inszenierung und am nächsten Abend eine Anfängergruppe aus Gießen. Das wird die Zuschauer erst mal total verwirren. Das Größerwerden der Vielfalt als eine Bereicherung erlebbar zu machen, das wird meine Hauptaufgabe.
 
Also zu verhindern, dass das Publikum total vor den Kopf geschlagen ist und nie wiederkommt?
Matthias Lilienthal: Daran arbeite ich. Ich bin eine einzige große Umwerbungsmaschine.

Wie sieht Ihr Wunschpublikum aus?
Matthias Lilienthal: Es gibt hier ein sehr treues Publikum, das mit dem Programm total mitgeht und sehr linksliberal ist. Die Stadt München ist ja auch eher sozialdemokratisch. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Jüngere dazugewinnen kann.
  
Die Berufung von Chris Dercon an die Berliner Volksbühne zeigt, dass es noch viel Diskussionsbedarf gibt hinsichtlich der Öffnung von Stadttheatern.
Matthias Lilienthal: Da geht es meiner Meinung nach weniger um strukturelle Veränderungen, sondern um ganz andere Dinge. Es ist ein Abschied. Und Abschiednehmen tut weh. Was mich an dieser Diskussion ärgert, ist die Gleichsetzung: Stadttheater gleich wertvolle kulturelle Arbeit; freie Gruppen gleich Festival gleich Event. Natürlich gibt es Festivalarbeit mit einem Eventcharakter im negativen Sinne, doch auch das Stadtthea­ter ist alles andere als verschont davon. Ich persönlich habe Lust, intelligente Events zu erfinden.
 
Hat Ihr Aufenthalt in Beirut, wo Sie 2012 mit jungen Künstlern arbeiteten, Ihre Sicht auf das deutsche Theater verändert?
Matthias Lilienthal: Ich habe im Libanon gelernt, mit allem viel gelassener umzugehen. Eher flirtend auf den Wellen zu surfen, die sich mir bieten, als zu versuchen, verkrampft Verabredungen einzuhalten.

Eine im deutschen Theater nicht so verbreitete Haltung.
Matthias Lilienthal: Ach, an den Kammerspielen kann man ganz gut flirten und surfen.

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