Der US-Korrespondent Dirk Hautkapp

Der US-Korrespondent Dirk Hautkapp

© Foto: privat
Leseprobe

USA - Der fremde Freund

Der amerikanische Traum ist in Depression verfallen, das nationale Selbstgespräch wurde umfunktioniert in eine Endlosschleife aus Geschrei, Verunglimpfung und Hass. Eine Zustandsbeschreibung der amerikanischen Nation von dem US-Korrespondenten Dirk Hautkapp


Weitere Artikel des Schwerpunkts

Nation im Grabenkrieg

Washington. Reich gegen Arm, Schwarz gegen Weiß. Ostküsten-Liberale gegen Farmer-Rednecks. Weltbeglücker gegen Isolationisten. Hyperreligiöse gegen Säkulare. Republikaner gegen Demokraten. Staunenswerte Frontstellungen gab es in Amerika bereits, als Peter von Zahn 1953 und 30 Jahre später Klaus Harpprecht „Uncle Sam“ für das deutsche Publikum den Puls fühlten. Im Titel ihrer erkenntnishellen Bücher bereits die Erkennungsmelodie dieses Schwerpunkts: „Der fremde Freund“. Über das, was im Land der unbegrenzten Möglichkeiten damals möglich war, kulturell, ökonomisch und militärisch, dachte man in Deutschland oft mit einer Mischung aus Belustigung, Kopfschütteln und Staunen. „Die spinnen, die Amis“ war ebenso Tadel wie leise Anerkennung, wenn wieder ein Made-in-USA-Superlativ durch den nächsten ersetzt wurde.

Das dosierte Wohlwollen ist verschwunden. Schlagworte wie Irak, Afghanistan, Guantanamo, Folter, Drohnen, NSA-Überwachung, Waffenkult und Wall Street haben eine Melange aus Vergrätztheit und Enttäuschung erzeugt, die den Atlantik immer breiter werden lässt. Das war’s einmal mit Amerika, statt: Es war einmal in Amerika?… Nirgends wird das Ressentiment deutlicher als in jenem robusten Antiamerikanismus, der durch die Ritzen vieler Leserbriefspalten quillt, wenn Barack „Goliath“ Obama in der Krise um die Ukraine als Kriegstreiber verunglimpft und Wladimir „David“ Putin eine Art Notwehrrecht gegen den angeblichen Expansionsdrang des Westens zugestanden wird.

Germany is cool!
Warum sind die Vereinigten Staaten vielen Deutschen so unheimlich geworden, während die Amerikaner, klarer Fall von asymmetrischer Wertschätzung, Fußballweltmeister-Germany cool finden, als wirtschaftlich prosperierenden Hort der Stabilität in Europa wahrnehmen und Angela Merkel mit schöner Regelmäßigkeit zur mächtigsten Frau der Erde küren? Am Verdruss über einen törichten Lauschangriff auf ein ungeschütztes Kanzlerinnen-Handy allein, samt dem unter der Wasserlinie liegenden Teil des Überwachungs-Eisbergs, kann es nicht liegen. Hat Herbert Grönemeyer mit seinem 30 Jahre alten Album „Bochum“ vielleicht immer noch (oder schon wieder) recht? „Ich habe Angst vor deiner Phantasie, vor deinem Ehrgeiz, Amerika, oho Amerika.“ Aus der Innensicht eines Deutschen in Amerika liegen die Dinge leider umgekehrt. Phantasie und Ehrgeiz sind Mangelware geworden in einer Nation, die verunsichert ist wie selten zuvor. Der Klebstoff, der Amerika seit Jahrhunderten zusammenhält, hat Risse bekommen. Dem melting pot droht der Deckel wegzufliegen. Optimismus, Ur-Eigenschaft, die noch jede Einwanderergeneration in ihre DNA aufgesogen hat, ist Zerrissenheit gewichen. Der Glaube, dass trotz noch so großer Schwierigkeiten im Hier und Jetzt schon morgen ein neuer Aufbruch möglich ist, dass man nur zielstrebig hart arbeiten und – „play by the rules“ – die Spielregeln befolgen muss, um es zu Wohlstand und Fortkommen zu bringen, ist erodiert. Eine Mehrheit der Amerikaner, das zeigen alle Umfragen, glaubt nicht mehr wirklich an den Gründungsmythos. Der amerikanische Traum ist in Depression verfallen. Und einem baldigen Comeback stehen gesellschaftlich entfremdete Welten entgegen, denen die Schnittmengen fehlen.

Joe Average hat Abstiegsangst
Die von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht spürt, dass es ihren Kindern in einer globalisierten Welt einmal schlechter gehen wird. Trotz herbeigefrackter Öl- und Gasschwemme, trotz moderater Arbeitslosigkeit, trotz Millionen neuer Jobs, trotz einer wieder boomenden Industrie und eines gestrafften Finanzmarkts kommt schon heute am Ende viel zu wenig an bei der Durchschnittsfamilie von Joe Average. Die Einkommen sinken, das soziale Netz wird weitmaschiger. Auf der anderen Seite steigt in einem obszön hoch verschuldeten Staat die Zahl der börsengetriebenen Millionäre und Milliardäre von Jahr zu Jahr.

Die daraus entstehenden Fliehkräfte zu mildern und wieder zu vereinen, was auch durch aussichtslose Kriege im Irak wie in Afghanistan auseinander­gedriftet war, hatte sich Barack Obama 2008 zur Mission gemacht. „Hope“ und „Change“. Hoffnung und Wandel. Sechs Jahre später sind dem ersten schwarzen Präsidenten-Prediger die Gläubigen abhandengekommen. In den innerlich verfeindeten Staaten von Amerika tobt der Glaubenskrieg über das gesellschaftliche Unten und Oben und die Rolle des Staates in einer Intensität, die zersetzende Wirkung hat. Eine steigende Zahl von Staatsverächtern hat das nationale Selbstgespräch über eine Neu­bestimmung von Amerikas Rolle daheim und draußen in der Welt umfunktioniert in eine Endlosschleife aus Geschrei, Verunglimpfung und Hass. Ideologie regiert. Streng nach Gesinnungslagern getrennt. Common Sense ist verdächtig. Die Wahrheit sowieso. Und kommt sie doch einmal zur Sprache, dann hören nur noch Bescheidwisser zu.

Jesus im Weißen Haus
Das Paranoide daran: Millionen Amerikaner können sich schnell auf die Forderung nach einem schwachbrüstigen Staat verständigen, der dem in der Verfassung hinterlegten Freiheits- und Glücksversprechen für den Einzelnen nicht im Weg steht. Gleichzeitig verlangen jedoch dieselben Bürger, dass der Mann im Weißen Haus für sie jesusgleich das Meer teilt. Also Jobs besorgt, unbezahlbar gewordene Haushypotheken regelt, exzellente Schulen für die Kinder baut und den Besuch beim Arzt erschwinglich hält. Was mit Obamacare übrigens geschehen ist. Und obwohl erste Erfolge sichtbar werden, weil Millionen zum ersten Mal in ihrem Leben krankenversichert sind, machen die Republikaner aus den Kinderkrankheiten der Reform unverändert ein Do or die und vertiefen die Gräben zum politischen Gegner. Polarisierende Medien, die Volksverdummung als breaking news verkaufen, tragen entscheidend bei zum moralischen Bankrott, vor dem das dysfunktio­nale Zwei-Parteien-Modell heute steht. Dass Wahlen zu Misstrauensvoten einer Minderheit geworden sind, weil die Mehrheit desillusioniert zu Hause bleibt, wird leise abmoderiert. Von wegen repräsentative Demokratie. Wie konnte es nur so schlimm kommen?

Der Ego-Shooter als Politiker
Dass sich Washington aus Sicht einer überwältigenden Mehrheit im Lande als unfähig oder unwillig erweist, über ein vernünftiges Wechselspiel von Steuern und Investitionen die Weichen für kommende Generationen zu stellen und nebenbei gesellschaftliche Moderne und religiös grundierte Tradition neu auszubalancieren, wurzelt tief. Das von Lobbyismus zerfurchte politische System, das bis in die Zuschneidung der Wahlbezirke zynische Willkür atmet, belohnt schon lange nicht mehr den auf Augenmaß und Verständigung setzenden Abgeordneten, der die Welt von der Mitte aus betrachtet und der anderen Seite am Ende die Hand reicht. Angetrieben von milliardenschweren Ego-Shootern, die mit höchstrichterlichem Segen vor Wahlgängen tonnenweise demagogische Gülle produzieren, um sie hernach via Fernsehspots übers Land zu kübeln, setzte sich gerade auf republikanischer Seite ein Typus Politiker durch, der an den Rändern sozialisiert ist. Da, wo Kompromiss ein Schimpfwort ist, Klimawandel eine Erfindung der Kommunisten und jeder Gesetzentwurf zum Kreuzzug gegen das Böse gerät.

Das Ergebnis ist ein Parlament, das den Wählerauftrag ignoriert oder in Arbeitsverweigerung verfällt. Symbolisch dafür steht die von der in Wahrheit gemeingefährlichen Waffenlobby National Rifle Asso­ciation (NRA) gesponserte Untätigkeit nach Amokläufen und Massensterben. Das allfällige Tragen von Schusswaffen selbst in Schulen oder Kinos ist nach Katastrophen wie Newtown oder Aurora nicht eingedämmt, sondern vielerorts sogar noch erleichtert worden. Ein Präsident, der einst den gesamten Planeten „heilen“ wollte und heute verzweifelt selbst nach Pflastern greifen muss, um nicht vor Ende der zweiten Amtszeit politisch auszubluten, konnte dieser uramerikanischen Schizophrenie nicht beikommen.

Amerikaner wären nicht Amerikaner, würden sie die Tiefe der Krise nicht längst erkennen und trotzdem an die Kraft zur Selbstkorrektur glauben. Das Land hat in seiner Geschichte immer wieder gezeigt, wie enorm anpassungs- und widerstandsfähig es ist. Was diesmal anders ist: Die strukturelle Selbstlähmung ist so weit fortgeschritten, dass ein echter Aufbruch nicht in Sicht ist. Amerika, der alte Freund, er wird uns in Zukunft noch fremder werden.

Über den Autor

Dirk Hautkapp ist seit 2011 Korrespondent in Washington für Tageszeitungen der Funke Mediengruppe (früher WAZ) in Nordrhein-Westfalen und Thüringen sowie für die Neue Westfälische in Bielefeld und den General-Anzeiger in Bonn. Er wurde 1963 in Witten/Ruhr geboren und war seit 1985 in den Ressorts Sport, Lokales, Reportage, Politik und Parlamentsbüro Berlin bei Zeitungen der Funke Mediengruppe beschäftigt.

Weitere Artikel dieses Schwerpunktes im Heft

  • It‘s Showtime, Folks: Das Festival „Born with the USA“ in Heidelberg
  • Auf der schiefen Ebene: Das Amerikabild in aktuellen Inszenierungen mit US-Stücken
  • „Eigentlich ist es überall Gleich“: Der Dramatiker Noah Haidle im Gespräch
  • Antiamerikanischer Abwehrzauber: Das Projekt „This is not Detroit“ in Bochum
  • Neue Welt am Bodensee: Die USA-Spielzeit am Theater Konstanz
  • Blick zurück auf meine Heimat: Die Regisseurin Lydia Steier über das Theater in den USA
  • Oklahoma in New York: Der Kurator und Dramaturg Florian Malzacher über das „Nature Theater of Oklahoma“