Titus Engel beim Fotoshooting für DIE DEUTSCHE BÜHNE 
in seiner Berliner Wohnung

Titus Engel beim Fotoshooting für DIE DEUTSCHE BÜHNE
in seiner Berliner Wohnung

© Foto: Tobias Kruse
Leseprobe

Der Dirigent Titus Engel im Porträt

von Andreas Falentin

Der Dirigent Titus Engel ist anders. Was vielen seiner Kollegen lästige Pflicht, ist ihm lustvolle Kür: die Auseinandersetzung mit szenischen Konzepten und zeitgenössischen Werken. Deshalb begann er unser Gespräch auch mit einem temperamentvollen Plädoyer.

Die Oper als Modell der Gesellschaft

„Ich glaube, dass Oper eine ex­trem zeitgemäße Kunstform ist, auch weil diese Zusammenführung der verschiedenen Künste die Menschheit schon fasziniert hat, bevor es die Oper überhaupt gab. Ich erlebe es so, dass ihre gesellschaftliche Relevanz, gerade auch im Zeitgenössischen, eher wächst. Bei den Projekten, die ich mache, merke ich keine Überalterung im Publikum. Oft kommen viele begeisterte junge Leute, ob nun bei ,Donnerstag aus „Licht“‘ in Basel oder bei ,Akhnaten‘ in Antwerpen. Was mich extrem begeistert, ist die Idee, dass man sich in der Oper zusammen etwas Utopisches baut, sich ein Spiel ausdenkt, wie man es auch bei Kindern sieht. In der Oper hat man dafür am allermeisten zur Verfügung: Orchester, Sänger, ein Bühnenbild?… Ich erlebe das jedes Mal als total faszinierend, dass jeder in seiner Arbeit sozusagen für sich arbeitet, auch wenn wir ständig kommunizieren, und erst in den letzten Wochen kommt alles zusammen, und es entsteht etwas. Ich glaube, das ist ein Utopiemodell für Zusammenarbeit, das durchaus gesellschaftliche Ausstrahlung haben kann – nämlich, dass wir als Menschen nicht nur für uns denken, nicht nur im kleinen Rahmen für unsere Familie oder unsere Nächsten da sind, sondern dass man zusammen eine Gesellschaft baut. So kann die Oper ein Modell sein für einen positiven gesellschaftlichen Prozess. Darin ist es unsere Aufgabe als Künstler, Angebote zu machen für die Menschen, in denen es um die Differenzierung der Welt und die Differenzierung der Wahrnehmung geht. Wir müssen den Diskurs am Laufen halten, zu einfachen Wahrheiten widersprechen, zumindest Gegenmodelle dafür hinstellen. Was mich interessiert, ist eine Mischung aus Überforderung und Unterhaltsamkeit – bei ,Traviata‘ die Tiefe offenlegen und bei Stockhausen die Unterhaltsamkeit. Die große Besonderheit der Oper ist ja, dass Inhalte über Musik transportiert werden. Es gibt doch diesen berühmten Spruch ,Worüber man nicht schreiben kann, darüber soll man singen‘. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat, jedenfalls nicht Wittgenstein und auch nicht ich. Aber es hat schon was. Es gibt eine Grenze des Sagbaren, der Erkenntnis auf der Welt. Auch wenn heute die Religionen wieder einen viel stärkeren Einfluss haben, ist es aus meiner Sicht so, dass es viele Dinge gibt, die man nicht in Worte fassen, nicht erklären kann. Da kann Gesang, kann Oper, kann Musik eine Ebene sein, die Fragen emotional beantwortet, was in einer aufgeklärten Gesellschaft auch eine Art Ersatz sein kann für Religion.“

Dieses flammende Plädoyer für die Kunstgattung Oper formulierte Titus Engel im Rahmen eines Gesprächs an einem langen Nachmittag in Berlin. Und es kommt nicht etwa von einem der notorischen Parteigänger des zeitgemäßen Musiktheaters, die ja meist aus der Komponisten-, Wissenschafts- oder Kritikerszene stammen. Nein, es kommt – von einem Dirigenten. Nicht nur deshalb ist der 1975 in der Schweiz geborene Titus Engel ein eher untypischer Vertreter dieser Spezies. „Ich bin aktiver in der Opern- und zeitgenössischen Welt als in der Konzertwelt. Das hat sich so ergeben, ist aber auch irgendwie so gewollt“, sagt er über sich und verwendet, wenn er von seinem Werdegang und seinen künstlerischen Idealen spricht, gerne den Begriff Third Stream – der dritte Weg. „Ich versuche meine Projekte mitzudenken, wenn es irgendwie geht. Inhaltliche, dramaturgische Arbeit ist mir wichtig. Ich sammle selbst Ideen, habe immer einige im Kopf, und manchmal gibt es Gespräche, wo ich die loswerden oder sogar realisieren kann.“ Auf diese Weise kam es zu „Donnerstag aus ,Licht‘“ in Basel, eine der wichtigsten Musiktheaterproduktionen der letzten Spielzeit. „Basel hat den Stockhausen gerockt – dabei es ist ein Stück, das die Grenzen eines normalen Theaters sprengt“, sagt er und schwärmt von der Zusammenarbeit mit den Musikern, mit Kathinka Pasveer, der Leiterin der Stockhausen-Stiftung für Musik in Kürten, und mit der Regisseurin Lydia Steier, die für das Werk „eine Fallhöhe“ geschaffen habe. „Vielleicht kann ich ja irgendwann mal den ganzen Zyklus machen. Es gibt einige Hindernisse, aber?…“

Bei seiner intensiven Opernarbeit setzt Titus Engel neben einer hohen Uraufführungsfrequenz vor allem auf Kontinuität. Er unterhält langfristige künstlerische Beziehungen etwa zu den Opern-
häusern und deren Orchestern in Basel, Madrid, Frankfurt und Antwerpen. „Es ist so ein anderes Arbeiten, als wenn man sich zum ersten Mal sieht. Musik hat viel mit Chemie zu tun.“ Die Regisseure „seiner“ Inszenierungen trifft er am liebsten zwei Jahre vor der Premiere und tauscht sich in dieser Zeit immer wieder mit ihnen aus. In das allgemeine Klagelied über unmusikalische Musiktheaterregisseure mag Titus Engel nicht einstimmen: „Ich habe nie erlebt, dass ein Regisseur sagt, er habe kein Interesse, sich mit dem Dirigenten zu treffen. Die Regisseure sind immer offen und müssen nicht unbedingt Noten lesen können. Affinität zur Musik reicht, wenn sie adäquat eingesetzt wird.“

Als Beispiel für einen solchen Regisseur nennt Engel Herbert Fritsch, mit dem er am Theater Bremen „Die Banditen“ erarbeitet hat. „Er hat Offenbachs Witz wirklich hochgetrieben, seine Pointen wirklich gesetzt. Was ich von Fritsch gelernt habe, ist, wie er reingeht in die Interpretation, fast schon ein bisschen gewalttätig, aber mit viel Intuition. In der Musik sind wir fast zu brav erzogen, wir wollen schön spielen, wir wollen elegant spielen. Aber um einen Witz zu machen, um eine Interpretation wirklich spannend zu machen, muss man auch an die Extreme gehen, mit Kraft, auch mal das Tempo brutal übertreiben, einfach mal reinbratschen.“

Herbert Fritsch machte auch vor seinem Dirigenten nicht halt, jagte ihn in einer Szene zwecks Choranimation auf die Bühne – und das Orchester musste allein weiterspielen. Im Prolog zu „Donnerstag aus ,Licht‘“ im Foyer des Basler Theaters agierte Titus Engel gar im Kostüm. „Ehrlich gesagt, ich spiele da nichts. Es kommt aus der Sache. Das Extremste, was ich in der Richtung gemacht habe, war letzte Spielzeit in der Opera stabile an der Staatsoper Hamburg: ‚Weine nicht, singe‘ von Michael Wertmüller in der Inszenierung von Jette Steckel. Da waren die Noten an die Wand projiziert – und ich als Dirigent die ganze Zeit unterwegs.“ Auch dadurch, dass er sich bewusst zum Teil des theatralen Prozesses macht, tritt Titus Engel energisch für eine gesellschaftliche Öffnung der neuen Musik ein. „Es ist sehr gefährlich, die neue Musik in einen Elfenbeinturm zu setzen. Dann gehen die hin, die das immer schon toll fanden, und alle anderen haben die Berechtigung, zu sagen: ‚Nichts für mich!‘ “

Ob und wie Titus Engel in seinen für 2017 geplanten Produktionen auch als Darsteller und Vermittler gefordert sein würde, war zum Zeitpunkt unseres Gespräches noch nicht klar. In Madrid dirigierte er im Februar die Uraufführung von Elena Mendozas „La ciudad de las mentiras“, das letzte noch von Gerard Mortier geplante Projekt, basierend auf vier Kurzgeschichten des uruguayanischen Autors Juan Carlos Onetti. „Da gibt es Sänger, Schauspieler, agierende Musiker auf der Bühne sowie räumlich getrennte Orchestergruppen. Eine Mischung zwischen großer Oper und Théâ­tre musical. Alles spielt in der Phantasiestadt Santa María, aus der es keine Ausgänge gibt. Es geht um Flüchten in die Phantasie, sehr surreal und in der Inszenierung von Matthias Rebstock bestimmt auch witzig.“ Alles andere als witzig wird es vermutlich in der nächsten Uraufführung zugehen, Chaya Czernowins „Infinite Now“ in Gent, Antwerpen und Mannheim über Krieg und Ausweglosigkeit, inszeniert von Luk Perceval, mit hochkomplexer Musik, die Titus Engel bereits vorab aufgenommen hat, „damit der Regisseur eine Klangvorstellung gewinnen kann. Ein möglichst früher Kontakt mit dem Material ist sowohl für Sänger als auch das Orchester wichtig, damit jeder weiß, was auf ihn zukommt, und zu Beginn der szenischen Proben Sicherheit da ist“. Bei „Betulia liberata“ von Mozart in Frankfurt im Juni und bei „La traviata“ („Verdi muss grooven!“) in Basel im Herbst wird es für Titus Engel auch darum gehen, sich weiter mit historischen Instrumenten und der dramatischen Kraft ihrer Klangwelt auseinanderzusetzen. Bei Verdi will er Naturhörner einsetzen, bei Mozart werden die Streicher auf Darmsaiten spielen.

Und es soll Raum bleiben für eigene Vorhaben, Sessions mit Musikern wie dem Berliner Zafraan-Ensemble oder ein selbst erdachtes Songprojekt. Hier will Titus Engel führende Schriftsteller und Komponisten zusammenbringen und auf der Basis des entstehenden Materials einen Liederabend
kuratieren, in einer möglichst attraktiven Location.

Dritter Weg eben.

Titus Engel
wurde als Dirigent vor allem durch ungewöhnliche zeitgenössische Musik- und Opernprojekte bekannt. Daneben setzt er sich intensiv mit Werken des 19. und 20. Jahrhunderts sowie mit Barockmusik und historischer Aufführungspraxis auseinander.
- Geboren 1975 in Zürich
- Studium der Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Zürich und an der Humboldt-Universität Berlin mit Abschluss als Magister
- Dirigierstudium an der Hochschule für Musik Dresden