Der Regisseur Nuran David Calis

Der Regisseur Nuran David Calis

© Foto: Annette Hauschild
Leseprobe

Theater und Repression

Theater unter Repression

Mehr dazu im Oktoberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Das neue Förderprogramm „Artist at Risk“ für Theatermacher, die von Repression bedroht sind
  • Die Dramaturgin Beate Heine über Dresden und sein Staatsschauspiel
  • Márta Vajda, Generalsekretärin des ungarischen Theaterverbandes, über die Lage in ihrem Land
  • Nicht nur Serebrennikov: Russlands Theaterszene in den Wirren unterschiedlichster Pressionen – Berichte von Ruth Wyneken, Sergio Morabito und Mikhail Durnenkov
  • Ein historischer Rundblick auf das Verhältnis zwischen dem Theater und den Mächtigen
  • Theater in Trumpland: Der Kampf um ein freies und kritisches Bühnen­programm in den USA hat erst begonnen

Sie haben sich zuletzt in der Inszenierung „Istanbul“ am Schauspiel Köln theatral mit der aktuellen politischen Situation in der Türkei auseinandergesetzt. Die Inszenierung untersucht, inwieweit der Putsch und seine Folgen die Gesellschaft auch außerhalb der Türkei – zum Beispiel in Deutschland – spalten können.
Nuran David Calis: In Deutschland ist das eine besondere Situation, denn hier lebt eine unglaublich hohe Anzahl an türkischstämmigen Menschen. Deshalb sind die Auswirkungen hierher unmittelbarer, weil sich teilweise über Jahrzehnte zusammengewachsene Strukturen entfremden. Gesellschaftlich ist da eine explosive Mischung: Von fast fünf Millionen türkischstämmigen Menschen wählen 70 bis 80 Prozent Erdogan. Das ist mehr als ein Warnschuss. Aber man bemerkt, dass man das nicht einfach als Despotismus, als blind-blauäugige Gefolgschaft eines Diktators abstempeln kann. Außerdem stellt man fest: Die Türkei ist nicht Erdogan. Und sie wird Nachbarin Europas bleiben, genau wie die fünf Millionen türkischstämmigen Menschen unsere Nachbarn bleiben werden.

Macht Ihnen die Entwicklung in der Türkei Angst?
Nuran David Calis: Wenn ich mich mit Freunden wie dem Regisseur Fatih Akin oder Shermin Langhoff, der Intendantin des Gorki Theaters in Berlin, unterhalte, haben wir natürlich Angst, weil wir Verwandte in der Türkei haben. Im Moment ist meine Mutter in Istanbul. Wenn sie mich fragt: „Warum beschäftigst du dich permanent damit?“, sage ich: „Wir müssen das tun.“ Bleibt mutig als Zivilgesellschaft! Bei mir mag vielleicht manchmal der politische Kopf dem Ästheten im Weg stehen. Eine ästhetische Frage ist mir dann nicht so wichtig wie politisches Engagement. Als Recherchegrundlage für die Inszenierung diente unter anderem ein längerer Aufenthalt in Istanbul – und zwar noch vor dem Putschversuch im Sommer 2016.

Wie haben Sie damals die Stimmung wahrgenommen?
Nuran David Calis: Ich war ein halbes Jahr lang dort, die Repression war sehr stark. Da war gerade ein Theaterfestival, wo Thomas Ostermeier mit „Der Volksfeind“ gastierte und die Stimmung in dem Abend aufgenommen hat. Es gab richtige Tumulte bei dieser Inszenierung. Aber wenn du dir die wirklich problematischen Stücke anschauen wolltest, musstest du andere Wege gehen.

Ist es richtig, dass die öffentlich getragenen Theater mittlerweile größtenteils staatlich kontrolliert werden?
Nuran David Calis: Es ist so: Alle Spielpläne müssen von der türkischen Regierung abgesegnet werden. Außerdem wurden viele Intendanten, Dramaturgen, Regisseure verhaftet oder können sich nicht frei bewegen. Das ist hochproblematisch, trotzdem sucht sich die Kunst andere Räume.

Es gibt also noch progressive Theaterleute, die weiter dafür kämpfen, frei ihre Kunst ausüben zu können?
Nuran David Calis: Ja, Theaterleute gründen Partyclubs oder Cafés, die als Deckmäntel für subversives, hintergründiges Theater dienen. Dort können auch politische Stücke stattfinden. Natürlich gibt es dafür keine Werbung, es existiert kein mit deutschen Theatern vergleichbarer Apparat. Es hat etwas von einem Untergrund: Du verabredest dich auf einen Diskobesuch und gehst durch ein Tanzlokal, durch Hinterhöfe, siehst eine „Hamlet“-Bearbeitung von einem kurdischen Autor, die alles in diesem Land dechiffriert. Dann darfst du nicht zu heftig klatschen und gehst schnell wieder hinaus.

Haben Sie aktuell Kontakte in die Türkei?
Nuran David Calis: Einer der Musiker, mit denen ich derzeit zusammenarbeite, war gerade dort, und ich habe enge Kontakte zum Goethe-Institut und zum Auswärtigen Amt, durch meinen Aufenthalt in der Künstlerakademie Villa Tarabya.

Hat sich die Angst unter den Theaterleuten durch die vielen Festnahmen gesteigert, die im Zuge des Ausnahmezustands erfolgt sind?
Nuran David Calis: Durch die Festnahmen herrscht die nackte Panik. Was soll ein Künstler als nächsten Schritt machen? Zu Waffen greifen? Was sind unsere Waffen? Wir sind darauf angewiesen, dass unser Gegenüber einen Kommunikationswillen zeigt. Momentan greift der türkische Staatsapparat heftig um sich – und zwar bis hierher. Deshalb ist es eine schwierige Situation, wenn ich mit türkischen Schauspielern arbeite. Sie müssen teilweise mit ihrem eigenen Leben geradestehen – auch in Deutschland. Eine Inszenierung kann daher gar nicht den Anspruch haben, alles zu erzählen. Bei „Istanbul“ zum Beispiel trafen komplett verschiedene Universen aufeinander: Da haben ein glühender MHP-Anhänger und jemand, der immer gegen die Repression gekämpft hat, zusammen einen Theaterabend gemacht. Es ist großartig, dass die Auseinandersetzung geglückt und die Konstellation nicht schon innerhalb des Probenprozesses auseinandergebrochen ist. Das hat eine unheimlich kathartische Wirkung.

Wie war es für Ihre Familie, dass Sie in Köln das Stück über Istanbul gemacht haben?
Nuran David Calis: Ich habe kurz vor der Premiere meine Mutter in eine Probe mitgenommen. Sie sagte später: „Du musst tun, was du tun musst.“ Und: „Wenn sie mich ins Gefängnis stecken, sollen sie es tun.“ Meine Mutter hat vor nichts Angst – Gefängnisse, Verhöre, das hat sie alles hinter sich. Ein Stückchen von ihrem Mut nehme ich mit in meine Theaterarbeiten. Da bin ich ja in einem geschützten Raum. Für mich besteht die einzige Gefahr darin, jetzt mit Ihnen über die Türkei zu sprechen. Meine Eltern haben mir den Mut gezeigt, sich Freiheit zu nehmen und sich nicht einschüchtern zu lassen.

Ein wesentliches Ziel der staatlichen Repression ist wohl, dass man aus Angst verstummt?…
Nuran David Calis: Die Angst spielt diesen Kräften zu. Deren Geiseln wollen wir nicht sein! Wenn ich bedenke, dass mein Vater durch die Folter fast zu Tode gekommen ist – was mache ich denn, was so mutig ist? Kunst zu machen ist das Mindeste, um zu kämpfen.

Türken, die in Deutschland leben und sich kritisch über die Türkei äußern, sind auch hier nicht geschützt. Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass jemand hier bedroht worden ist?
Nuran David Calis: Einen Tag nach dem Putsch wurde in Köln jedes dritte Geschäft mit einem Kreuz als Teil der Gülen-Bewegung markiert. Während wir geprobt haben, wurde eine Liste mit Bürgern veröffentlicht, die sich beim Konsulat nicht melden sollen, weil man die Pässe einbehalten würde. Nach einem Gespräch mit dem Staatsschutz stand fest: Meine Theatertruppe war nicht betroffen.

Erdogan hat angekündigt, er wolle am Taksim das größte Opernhaus Europas bauen. Welche Rolle spielen Kultur und insbesondere Theater aus Ihrer Sicht für ihn?
Nuran David Calis: Es geht natürlich darum, identitäre Themen aufzugreifen. Und der Trick der Identitären ist es, sich des vermeintlich liberalen Handwerkszeugs zu bedienen, indem man Protest in ein politisches Theater verpackt. Im Grunde ist man aber zutiefst fremdenfeindlich und hat nationalistische Tendenzen.

Einschüchterungsversuche durch identitäre Kräfte gibt es auch in Deutschland, wenn beispielsweise die AfD ein Ende des „Willkommens-Trallalas“ der Theater fordert.
Nuran David Calis: Ich würde noch weitergehen: Inzwischen greift die Bewegung der Identitären voll in die künstlerische Elite hinein. Wenn ich manche Regisseure über Kunstbegriffe reden höre, bin ich entsetzt, dass auch hier eine Spaltung vollzogen wird: Was ist gute Kunst, was ist schlechte Kunst, was gehört in ein Theaterhaus, was nicht? Ein Künstler sollte nur den Raum für Konfrontation schaffen – und nicht ständig Partei ergreifen. Es offenbart sich eine „Wir da oben, ihr da unten“-Kunst. Das spielt letztendlich in die Karten der identitären Kräfte, die noch mehr zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ein Regisseur wie Alvis Hermanis vom Leder zieht.

Hermanis hat sich gegen die deutsche Flüchtlingspolitik geäußert und damit stark polarisiert. Was wäre der richtige Weg für Theaterkünstler, gegen die Spaltung einer Gesellschaft anzugehen?
Nuran David Calis: Die Hauptaufgabe sollte sein, Debatten anzustoßen, die in der Gesellschaft weitergehen können. Ein Beispiel sind die Aktionskünstler vom Zentrum für politische Schönheit. Dass diese Truppe uns auf künstlerische Art den Spiegel vorhält und stark politisch wird, davor ziehe ich den Hut.

Viele Künstler und Intellektuelle kommen aus der Türkei und möchten in Deutschland arbeiten. Es gibt Stipendienprogramme, zum Beispiel „Artist at Risk“. Wie wichtig ist es, den Hierherkommenden eine Öffentlichkeit zu bieten?
Nuran David Calis: Mehr als wichtig. Man muss Brücken bauen, damit sich Künstler und Intellektuelle organisieren und von hier aus versuchen können, ihr Land aufzuklären. Das geht mit unterschiedlichen Mitteln: mit denen der Kunst oder der Medien. Vielleicht müssen sich Künstler untereinander mehr vernetzen, weil die Brüchigkeit auch in Europa einzieht. Gegen Brüchigkeit hilft nur Zusammenstehen. Und vielleicht müssen wir im Moment eher politische Köpfe sein als Künstler.
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Über die Autorin

Bettina Weber ist Redakteurin bei der Deutschen Bühne.