Leopold Altenburg als Clown in seiner Tätigkeit bei ROTE NASEN Deutschland e.V.

Leopold Altenburg als Clown in seiner Tätigkeit bei ROTE NASEN Deutschland e.V.

© Foto: Gregor Zielke
Leseprobe

Theater ist Arbeit

von Jens Fischer

Mehr zum Schwerpunkt “Theater ist Arbeit” im Aprilheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Interview: Schauspieler Sebastian Rudolph, Intendant Hasko Weber und Oberbürgermeister Peter Kurz über ihre Arbeitswelten
  • Kunst in harten Zahlen: Zwei Mitarbeiter der Unternehmensberatung „actori“ über den Theaterbetrieb
  • Gespräch I: Intendant Oliver Reese und Bankvorstand Johannes Reich
  • Gespräch II: Krankenpfleger Joannes Drechsler und Chorsänger Stephan Hönig
  • Porträt: Der Theaterkünstler und Verleger Dincer Gücyeter
  • Diskussion: Bei „ART AT WORK“ wurde auf „Kampnagel“ in Hamburg über Arbeitsbedingungen in der Kulturwirtschaft diskutiert

Der Job als Schauspieler reicht oft nicht für den Lebensunterhalt. Hier berichten Theaterkünstler aus ihrem Patchwork-Arbeitsleben.

Sie heißen Abdul, Mohammad, Denis, Mustafa, Sadet, Priscilla, Arzu, Tamila, Osama oder Marvin. Liegen auf dem Boden der Aula einer Bremer Oberschule. Mit ihrem Dauergequatsche schwillt die Stimme Ulrike Knospes muttermächtig an und findet zu Beruhigungsworten in einem liebevoll ernsthaften Ton. Sorgt geradezu hypnotisch fürs entspannende Verstummen. Handyvibrationen rhythmisieren die Stille. Eines dieser Geräte gibt den Muezzin und ruft zum Gebet. Erste Schnarchgeräusche sind zu hören. Knospe animiert, sich Lieblingslandschaften vorzustellen. Sich darüber auszutauschen. Und leitet mit schwesterlicher Lässigkeit zu Improvisationsübungen über. Gespielt werden Kriegserlebnisse – auf der Flucht nach Europa sowie im Küchen- oder Schulalltag. Einmal die Woche trifft sich diese Gruppe: ein autistischer Integrationsschüler, 15-Jährige aus dem ehemaligen Hafenarbeiterstadtteil Walle sowie ältere unbegleitete Jungs aus einer nahe gelegenen Flüchtlingsunterkunft.

„Sehnsucht Europa“ ist das Angebot betitelt, wird bezahlt vom kulturellen Bildungsverein Quartier mit dem Ziel, „Visionen des Zusammenlebens“ zu behandeln. Für Knospe ist es „Basisarbeit“, alle sollen Deutsch lernen, üben, sich einzuschätzen und das Selbstbewusstsein stärken. „Mit spielerischer Kreativität Wege finden, mit dem Schicksal umzugehen“, sagt sie. Die Sozialpädagogin? Nein. Schauspielerin! Mit ganz normaler Karriere. Jung, begabt und gut ausgebildet für die leidenschaftlich geliebte Theaterarbeit – gibt es für die gebürtige Essenerin schnell erste Festengagements in Wiesbaden, Heidelberg, Mannheim, 1999 kommt sie ans Schauspielhaus Zürich. Hier hat sie mit Stephan Kimmig gearbeitet, dann besetzt Katrin Henkel sie. Bis zu ihrem siebten Schwangerschaftsmonat steht Knospe auf der Bühne. Dann aus und raus aus dem Ensemble.

Karriere einer Schauspielerin
Ihr Schauspielergatte bekommt einen Job in Bremen. Sie nicht. Bald ist er arbeitslos und sie die gestresste Hausfrau. Geld muss her. Mit dem Jobben hatte Knospe bereits in Zürich begonnen, unterichtete Deutsch für Ausländer. Nun pflegt sie auch Senioren auf 400-Euro-Basis. Arbeitet als Hörfunk-Sprecherin. Bekommt kleine TV-Rollen. Und große Rollen an kleinen Theatern. Aber die Honorare für die etwa fünf Vorstellungen im Monat reichen nicht. Knospe, inzwischen alleinerziehende Mutter, sammelt Job um Job. Spricht Audioguides für Museen ein, konzertiert mit einem professionellen Chor, sorgt als Windbraut an der Seite von zwei Wikingermimen auf Mittelaltermärkten für Aufsehen. Ist Synchronstimme für Zeichentrickfilme und Computerspielfiguren, nimmt Hörbücher für Blinde auf. Lässt sich zu Lesungen einladen. „Wir brauchen was mit Brecht oder was über Liebe, das sind so die Aufträge.“ Und gibt Rollenfachtraining an der Freien Schauspielschule Hamburg. „Aber die zahlt nicht mehr als Volkshochschulen: 25 Euro für 45 Minuten.“ Für Workshops und Coachings gebe es bis zu viermal mehr. Aber da sei die Konkurrenz groß.

Wenn es klappt, dann gibt Knospe leitenden Angestellten, Politikern oder Lehrern Sprach-, Atem- und Präsentationsunterricht. Eine „Grundausbildung“ wie für die Jugendlichen in Walle. Auch bei Werbespots sagt sie nicht Nein. Sie kann mit erotisch vibrierendem Juchzen die prickelnden Vorzüge eines Duschgels und mit hysterischer Teeniestimme eine Süßigkeit preisen. Der skurrilste Job bisher? „Für die PR-Aktion einer Brauerei war ich mal die Stimme einer Getränkekiste, die in einem Baumarkt Kunden für eine Biersorte anlocken sollte.“ Positiv gesehen, so Knospe, „ist mein Arbeitsalltag sehr abwechslungsreich und ich lerne viel dabei.“ Negativ gesehen: Es sei ein ständiger Kampf, jeden Monat wieder die notwendigen 2000 Euro zusammenzubringen.

Freie Gruppen jenseits der Bühne
Mit chronischer Unterfinanzierung umzugehen, funktioniert bei freien Theatern ähnlich. Und anders. Der Intendant des Münsteraner Wolfgang Borchert Theaters, Meinhard Zanger, betont, man spiele 300 Vorstellungen im Jahr, da sei keine Zeit, um für ein Zubrot auf noblen Partys Kulturhäppchen zu servieren. Und bei einer Auslastung von über 90 Prozent sei abends daheim mehr einzunehmen als bei Auswärtsspielen. Hingegen mischt die shakespeare company in Bremen überall vernetzend mit: von politischen Aktivitäten in ihrem Stadtteil bis hin zur Gremienarbeit des Kulturressorts. „Es gibt kaum eine Institution, mit der wir hier in der Stadt noch nicht zusammengearbeitet haben“, sagt Geschäftsführerin Renate Heitmann. Auch kaum einen Fördertopf, der noch nicht genutzt und in soziokulturelle Arbeit umgesetzt wurde. Flüchtlingsarbeit beispielsweise. Dank des „Kultur macht stark“-Förderprogramms werden 15 Jugendliche von zwei Theaterpädagogen angeleitet, beim Schauspielen etwas über Deutschland zu erfahren. Für die Bildungsbehörde wird das Pilotprojekt Leistungskurs Theater an einem Gymnasium gestaltet.

Auch spielen die Shakespeare-Darsteller ihre Rollen jenseits der Bühne weiter: Szenische Stadtführungen entstehen und Möglichkeiten, in Ausstellungshäusern zwischen der stumm beredten Kunst an den Wänden und dem Verstehenwollen im Kopf des Betrachters zu vermitteln. „Es rufen auch Leute an, die sagen, meine Oma hat Geburtstag, könnt ihr nicht kommen und ein Gedicht aufsagen“, erzählt Heitmann. Wenn es zeitlich passe und 250 Euro Minimum gezahlt werde, komme auch das zustande. Einträglicher sind Engagements für Firmenfeiern oder Kundenaktionen in Autohäusern. „Mit Wort und Spiel liefern wir gern das Backpulver für solche Veranstaltungen“, so Heitmann. Insgesamt aber bringe dieser Nebenerwerb nur etwa fünf Prozent des Jahresumsatzes. Er sei aber ein ideales Marketinginstrument, um Publikum, Förderer, Sponsoren, Kooperationspartner, Politiker und Mundpropaganda für sich zu gewinnen.

Spielen im Hospiz
Leopold Altenburg wollte von vornherein freier Schauspieler sein. Er bildet sich nach Schauspielstudium mit Pantomime-, Masken-, Clowns-Workshops weiter und seine Baritonstimme professionell aus. Lernt Gitarre, Ukulele, experimentiert mit Nasenflöte und Kazoo. Macht Straßentheater, singt Opern, beginnt zu inszenieren und gründet als Typ trunkener Wiener mit einem Typ verdruckster Ostwestfale (Thorsten Wodowski) ein Kabarettduo. Kürzlich durfte er als Ururenkel der Sisi-Liason des Kaisers Franz Joseph I. auch eine TV-Serie lang bei der Habsburger-Familie auf Spurensuche gehen – und anschließend die „Sisi Experience“ bei Madame Tussauds Wien eröffnen.

Den roten Faden der Schauspielkarriere strickt er weiter – bei den Roten Nasen. Ein Berliner Ensemble von 25 Krankenhausclowns, die jährlich 33000 Patienten Humorvisiten schenken. Altenburg: „Ausgangspunkt der Arbeit ist die Verletzlichkeit des Künstlers.“ Gespielt wird direkt an Klinikbetten der Kinderchirurgie, auf Onkologie- und Intensivstationen, in Geriatrie- sowie Rehabilitationszentren, Hospizen und psychiatrischen Einrichtungen. „Wir gestalten die Auftritte als Duo, es gilt die von Krankheit und Tod beherrschte Atmosphäre auf- und anzunehmen, dann etwas Wildes, Freches oder Poetisches zu machen. In der finalen Pflege merke ich immer wieder, welch kraftvolles Mittel der Humor ist, um sich mit dem Lebensende auseinanderzusetzen.“ Fünf bis zehn Minuten dauern die Performances. „Wenn wir spüren, dass sich durch den Auftritt die Stimmung bei den Menschen positiv verändert hat, vielleicht ein hoffnungsvoller Moment erzeugt wurde, dann ist das unser Applaus.“ Clownskunst soll einen Umgang mit der Ohnmacht ermöglichen. Im Zimmer eines todkranken Kindes, bei dem die Familie zu Besuch ist, führt ein Gesangsvortrag schnell zu kollektivem Weinen. Aber es flössen eben nicht Tränen der Verzweiflung, sie wären Ausdruck von Verbundenheit, von Gemeinschaft. Mitgefühl im positiven Sinn. „Eine sterbende Bewohnerin eines Altenheims trafen wir im Halbschlaf an, plötzlich riss sie die Augen auf, als fragte sie sich: Was passiert hier mit mir, bin ich schon im Jenseits? Dann haben wir ihr erklärt, dass sie jetzt auf eine große Reise gehe, und dialogisch erkundet, wen es da alles zu grüßen gebe, ich sang ,Am Brunnen vor dem Tore‘, dann haben wir uns verabschiedet“, erzählt Altenburg. Als er anschließend das Protokoll des Auftritts zu schreiben beginnt, sagt ihm eine Pflegekraft, die Frau sei verstorben. „Vielleicht haben wir ihr geholfen, loszulassen“, denkt Altenburg. „Das ist schon eine sehr berührende Arbeit, ständig mit Grenzerfahrungen und der Traurigkeit der Welt konfrontiert zu sein.“

Zehn Tage im Monat widmet er sich dem Schauspielberuf. Seiner Berufung. Insgesamt würde er 2000 Euro monatlich bei den Roten Nasen verdienen. Das reiche zum Leben. „Das schafft mir Freiheit. Denn die Krankenhausarbeit kann keiner ausschließlich machen, ich brauche all die anderen Schauspielmöglichkeiten als Ausgleich. Die Phantasie- und Energieschübe bei aufgedrehten Bühnenperformances, die darstellerische Präzision der Filmarbeit, das Inszenieren eigener Texte.“ Aber die Clownsarbeit ist auch eine ständige Schauspielschule. „Ich könnte sofort in Arzt-Serien mitspielen mit meinen Krankenhauserfahrungen – und auch Shakespeares König Lear geben aufgrund meiner Arbeit mit Demenzkranken.“ Der skurrilste Job bisher? „Fortbildung für Callcenter-Mitarbeiter“, sagt er. Einen Handytarif mussten die verkaufen. Und dabei den Gesprächspartnern vorlügen, selbst völlig überzeugt von dem Produkt zu sein. „Da die dafür auswendig gelernten Sätze nicht so aufgesagt klingen sollten, habe ich mit ihnen sprechen geübt: Einfach mal darüber reden, was sie toll im Leben fanden. Dann sollten sie versuchen, die Begeisterung für das erinnerte Glückserlebnis in das Verkaufsgespräch zu überführen.“ Was Altenburg da so professionell lehrt, lernt er auch. Für die Vermarktung, Fördergeldakquise, PR-Arbeit in eigener Sache. Eine Hauptrolle, die jeder Ich-AG-Schauspieler mit sich selbst besetzen muss. „Wobei ich im Gegensatz zu den Callcenter-Verkäufern überzeugt davon bin, das Richtige zu machen.“