Stück der Saison: „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek bei einer szenischen Lesung im Segal Theatre in New York

Stück der Saison: „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek bei einer szenischen Lesung im Segal Theatre in New York

© Foto: Johannes Schmitt-Tegge/dpa
Leseprobe

Saisonvorschau 2017/18

von Detlev Baur

Saisonvorschau 2017/18

Unsere Prognosen für die neue Spielzeit!
Mehr zur Saisonvorschau im Septemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Vorschau in der Oper
  • Vorschau im Tanz
  • Vorschau im Kinder- und Jugendtheater
  • Die neuen Chefs an den Theatern
  • Bühnenbilder und Kostüme: Entwürfe für die Saison

Die Stücke mit den meisten Neuinszenierungen in der kommenden Spielzeit sind: der Dystopie-Roman „1984“ und das noch wesentlich ältere utopische dramatische Gedicht „Nathan der Weise“. Beide werden voraussichtlich jeweils zehnmal neu inszeniert. Je nach Sichtweise lässt sich im „Nathan“ ja ein gewisser Optimismus hinsichtlich des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen finden; auf jeden Fall ist das Stück immer auch ein Kommentar der Theater zur fragilen Weltlage. Das scheint nun auch für Orwells Science-Fiction-Roman zu gelten – allerdings mit wenig Raum für Hoffnung. Beide Werke sind inhaltlich, stilistisch oder was ihr Alter angeht sehr unterschiedlich, sind also gleichsam ungleiche Zwillinge. Diese Konstellation von zwei miteinander verbundenen und dabei sehr unterschiedlichen Stücken ist für die kommende Spielzeit bezeichnend.

Die beiden herausragenden neuen Stücke

Die beiden meistinszenierten neuen Stücke stehen stilistisch für sehr widersprüchliche Dramenkonzepte: „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek (mit sieben Inszenierungen inklusive Uraufführung) und „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann (mit sechs Inszenierungen einschließlich deutscher Erstaufführung). Zwar kommen beide Autoren aus Österreich; ansonsten haben sie eher nicht viel gemeinsam: Kehlmann ist ein ausgemachter Gegner von Regietheater und Anhänger klassischer Dramaturgie, während Jelinek die Textflächenautorin ist und ausdrücklich den Regisseuren keine Vorgaben machen will.

Jelineks neues Werk „Am Königsweg“ ist wieder eine monologisch-chorische Suada im Angesicht des neuen US-Präsidenten, in der Politik, Geistesgeschichte und Sprachspiele zu einer großen Sprechsymphonie um menschliche Abgründe mäandern. Hier wird mit dem Sprachbohrer tief in die Vergangenheit und damit auch in die Oberflächlichkeit der Gegenwart hineingebohrt. Der Titel nimmt – abgesehen von möglichen Assoziationen, etwa mit dem Holzweg – Bezug auf den Fall des König Ödipus, der am Dreiweg seinen Vater erschlug. So gewagt die Verbindung zwischen Donald Trump und Ödipus ist, so wenig beschränkt sich Jelineks ungekürzt kaum spielbarer Text auf dieses Motiv. Es geht zunächst um „Weltanschauungen“, um Blindheit, letztlich um den Sinn von engagierter Dramatik in Zeiten absurder Politik, um die machtlose Seherin Jelinek und den blinden Herrscher Trump. Politisches Gegenwartstheater wird von Jelinek auf einzigartige Weise mit antikem und abendländischem Denken zu einem Text verbunden, der von der Regie viel Arbeit verlangt und die Schauspieler zu großem Sprechtheater zwingt.

Im Gegensatz dazu ist Kehlmanns „Heilig Abend“, das bereits in der letzten Saison am Wiener Theater an der Josefstadt uraufgeführt wurde, ein well made play. Es entwickelt zwischen einer festgenommenen Professorin und dem sie verhörenden Polizisten einen speziellen Fall und versucht dabei, immer neue Spannung aufzubauen. Dieses Verhör vor dem Hintergrund von Terrorangst hat allerlei psychologische Finessen; die Verdächtige denkt in ihren Seminaren gerne über den Sinn von Gewalt als politisches Mittel nach. Nun soll sie oder ihr Ex-Mann eine Bombe gebaut haben, die am Heiligabend um Mitternacht explodieren könnte. Das ist ein schöner Psychothriller – wirkt aber auch sehr konstruiert. Fragen über gewaltsamen Protest oder die Ambitionen des Überwachungsstaates bleiben letztlich im Hintergrund. Denn das Konstrukt überstrahlt hier alles.

Sind well made Plays noch spielbar?

Ganz anders als bei Jelinek findet in Kehlmanns „Heilig Abend“ kein engagierter, auch selbstironischer Diskurs des Autors über die Gegenwart statt, sondern eine Spielerei vor der Folie von gesellschaftspolitisch brisanten Motiven. Das Stück bestärkt mich in dem Verdacht, dass (auch politisch ambitionierte) Dramatik, die im stillen Kämmerlein entsteht, wo der Autor sich eine Welt kon­struiert – dass solch ein Stück nicht mehr dem Theater von heute entspricht. Auch wenn Moritz Rinke jüngst in der Süddeutschen Zeitung behauptete: „Die Welt wird immer antagonistischer, radikaler, gespaltener, auch verrückter, irrsinniger. Wieso bitte sollte das unerzählbar sein? Diese Welt entzieht sich nicht der Form des Dramas, nein, sie entspricht ihr!“ Aber den genialischen Autor aus Schillers Zeiten kann es womöglich gar nicht mehr geben, da die strenge Form im klassischen Figurendrama den Inhalt für heutige Zuschauer zu stark dominiert; somit besteht die Gefahr, dass hier die Künstlichkeit des Theaters seine Relevanz verdrängt. Ältere Stücke dieser Bauart können durch die historische Distanz als Teil der Inszenierung noch eher spielbar sein. Ob ein Dramatiker aber heute noch als unbeschränkter Herrscher über eine Welt von Sprechpuppen eine Theaterwelt konstruieren kann, ist doch zumindest fraglich. Berufsfelder ändern sich, das des Dramatikers dürfte davon nicht ausgenommen sein.

Der große Erfolg von Ferdinand von Schirachs „Terror“, das in gewisser Weise ein klassisches Gerichtsdrama mit eindeutig umrissenen Figuren ist, dürfte gerade darin bestehen, dass hier die Frage nach einem gerechten Mord alle psychologischen Aspekte der Figuren oder die klassische Spannungsdramaturgie überstrahlt. Auch durch die Publikumsbeteiligung als Schöffen des Falles, nimmt sich der Autor als Schöpfer zurück. Das Stück ist nur auf den ersten Blick altbacken. Auch in der kommenden Spielzeit wird „Terror“ noch in sechs neuen Inszenierungen gezeigt – in den letzten beiden Spielzeiten war es das Stück mit den bei Weitem meisten Neuinszenierungen.

Immerhin sechs Theater waren jedoch in Bezug auf „Heilig Abend“ ganz anderer Meinung und halten es für das richtige Stück. Das Mülheimer Theater an der Ruhr plant sowohl Kehlmanns „Heilig Abend“ zu inszenieren wie auch Jelineks „Am Königsweg“ (dieses wird kombiniert mit Alfred Jarrys Popanz-König „Ubu“). Sechs weitere Inszenierungen von Jelineks neuem Stück kommen hinzu, die Uraufführung zeigt das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg in der Regie von Falk Richter.

Ein neuer Theaterroman?

Vielleicht wird aber, mit immerhin vier Premieren, auch ein Roman das Stück der Saison: Juli Zehs 2016 erschienenes Werk „Unterleuten“ beschränkt sich auf den Mikrokosmos eines Dorfes in Brandenburg, in dem Alteingesessene und Berliner Aussteiger nicht immer harmonisch zusammenleben. Die Romandramaturgie erinnert mit ihren kurzen Kapiteln und offenen Enden an TV-Serien. Der Reiz des Buchs ergibt sich daraus, dass die Konflikte jeweils aus wechselnden Perspektiven geschildert werden. Eine geeignete Vorlage für Theater sehe ich in diesem monologisch-epischen Ansatz eigentlich nicht, jedenfalls nicht ohne radikale Texteingriffe. Ähnlich wie bei Houellebecqs „Unterwerfung“, das in der Spielzeit sogar auf beachtliche sechs Neuinszenierungen kommt.

Noch ein Königsdrama

Immerhin drei Inszenierungen lassen sich momentan für Albert Camus’ Drama „Caligula“ festmachen. Das lange fast vergessene Stück (das ich noch nie auf der Bühne gesehen habe) scheint mir eine Renaissance zu erleben. In Frankfurt wurde es unter Intendant Oliver Reese in der vergangenen Saison schon einmal inszeniert. Nun eröffnet gar Reese am Berliner Ensemble die Spielzeit und seine Intendanz mit dem Stück über den wahnsinnigen römischen Herrscher, Regie führt nun Antú Romero Nunes; Parallelen zum aktuellen Herrscher über das mächtigste Land der Erde sind wie bei Jelineks Königsdrama mit Sicherheit nicht zufällig. Auch am Staatstheater Darmstadt beginnt die Schauspielsaison programmatisch mit „Caligula“ (Regie: Christoph Mehler). Am Düsseldorfer Schauspielhaus wird mit Sebastian Baumgarten ein Spezialist für klassische Mo­derne und schräge Figuren das Erstlings­drama des Existenzialisten Camus inszenieren.

Angelsächsisches Drama

Das neue Berliner Ensemble hat sich mit Moritz Rinke als Leiter des Autorenprogramms Gegenwartsdramatik auf die Fahnen geschrieben. Für die erste Spielzeit fällt auf, dass hier vor allem angelsächsische Stücke erstaufgeführt werden. Das well made play hat zumindest in Großbritannien und den USA noch eine stärkere Bedeutung – und vielleicht damit auch eine höhere Qualität in der Verarbeitung aktueller Themen. An der Spitze steht dabei (nicht aber am BE) an sechs Theatern das neu inszenierte „Am Boden“ des amerikanischen Autors George Brant. Der Monolog beschreibt die inneren Konflikte einer US-Soldatin und Mutter, die über den Joystick als Drohnenpilotin Leben in fernen Ländern auslöscht.

Deutsches Migrationstheater

Auffällig ist auch eine neue Art heimischer Dramatik. Autoren, ob geflüchtete aus dem Nahen Osten oder in Deutschland geborene, oft türkischstämmige, erfahrene Dramatiker oder Drehbuch­autoren mit einem ersten Ausflug ins Theaterstück, beschreiben das Zusammenleben im neuen Deutschland. Am Schauspielhaus Bochum etwa (in einem insgesamt ziemlich spannendes Theater verheißenden Spielplan in der Interimsintendanz von Olaf Kröck) steht ein Liederabend „Istanbul“ auf dem Programm und die Uraufführung „Träum weiter“ der Drehbuchautorin („Almanya“) Nesrin ¸Samdereli. An der (neuen) Berliner Volksbühne zeigt der in Berlin lebende Schriftsteller Mohammad Al Attar mit dem Regisseur Omar Abusaada mit einer Gruppe syrischer Frauen eine Neufassung der „Iphigenie“ des Euripides. Und in Köln inszeniert Intendant Stefan Bachmann die Uraufführung von Ibrahim Amirs neuem Stück „Heimwärts“, in dem es um eine freiwillige Reise zurück ins zerstörte Aleppo geht.

Integriertes Jugendtheater

Ayad Akhtars Desintegrationsdrama „Geächtet“, das well made play und Migrationsthemen verbindet, ist übrigens mit acht Neuinszenierungen genauso erfolgreich wie Lutz Hübners heimisches Fremdenfreundlichkeitsdrama „Willkommen“. Nun sind Lutz Hübner und seine Koautorin Sarah Nemitz kaum nur dem Schauspiel oder dem Jugendtheater zuzuordnen. Und das scheint ein weiterer, begrüßenswerter Trend der Spielzeit zu sein: dass sich die starke Spartentrennung insgesamt und speziell zwischen Schauspiel und Kinder- und Jugendtheater immer weiter aufzulösen scheint. Besonders auffällig wird das im Spielzeitheft des Theaters Oberhausen, das bislang überregional erfolgreiches, aber nicht unbedingt für unerfahrene Zuschauer geeignetes Theater zeigte. Der neue Intendant Florian Fiedler hat zuvor das Junge Schauspiel in Hannover geleitet und scheint mit seinem Team einen ebenso bunten wie runden Spielplan für die Stadt und ihre Bewohner aller Altersstufen geformt zu haben.

Klassiker im Paket

In der letzten Spielzeit fiel schon auf, dass antike Dramen verstärkt im Doppel gezeigt werden. Am Schauspiel Frankfurt waren das „Sieben gegen Theben“ und „Antigone“, am Maxim Gorki Theater „König Ödipus“ und „Antigone“. Ähnliches planen nun das Theater Magdeburg mit „Antigone und Ödipus“ und das Theater Bremen mit „Ödipus?/?Antigone“. Je weniger die Theater die Bekanntheit der einzelnen Stücke voraussetzen können, umso mehr suchen sie mit großen verbindenden Linien die Stoffe zu verankern. Im Doppelpaket erklären sich die einzelnen Stücke offenbar besser. Die Frage, wer dabei die Nase vorn hat, spielt dann auch eigentlich keine Rolle mehr.