"Figaros Hochzeit" von David Marton, spartenübergreifend an den Münchner Kammerspielen in der letzten Saison

"Figaros Hochzeit" von David Marton, spartenübergreifend an den Münchner Kammerspielen in der letzten Saison

© Foto: Christian Friedländer
Leseprobe

Saisonvorschau 2016/17

von Anne Fritsch

Saisonvorschau 2016/17

Die Theater befreien sich von der Last des Werkes für die Ewigkeit. Eine Vorschau auf werklose und spartenübergreifende Projekte.

Mehr zur Saisonvorschau im Septemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Vorschau auf die Spielzeit im Schauspiel
  • Die Köpfe der Saison – Schauspiel
  • Vorschau auf die Spielzeit in der Oper
  • Die Köpfe der Saison – Oper
  • Vorschau auf die Spielzeit im Tanz
  • Die Köpfe der Saison – Tanz
  • Die neuen Chefs an den Theatern

Waren Projekte früher eher eine Spezialität der freien Szene, haben sie sich mittlerweile einen festen Platz in den Spielplänen der großen Häuser gesichert. Ob als Stadtprojekt, Mehrspartenprojekt, Jugendprojekt oder themenbezogene Stückentwicklung: Solche offenen Formate erlauben es den Theatern, die ihnen nachgesagte Schwerfälligkeit zu überwinden, spontaner und individueller zu reagieren auf das, was um sie herum geschieht. Denn die Welt ist schneller geworden. Oder zumindest: unsere Wahrnehmung von Welt. Jeder ist immer online; was am einen Ende der Welt geschieht, wissen Sekunden später alle. Das Theater nun ist nicht gerade bekannt dafür, besonders schnell zu sein, wenn es darum geht, auf aktuelle Geschehnisse zu reagieren. Da muss erst das passende Stück gefunden oder gar geschrieben werden, der richtige Regisseur muss her und, und, und. Schneller geht da nur eins: das Projekt, Stückentwicklung und Inszenierung in einem. Da muss zunächst nur ein Thema her – und los geht’s.

Die Gruppe Rimini Protokoll geht in ihrer Produktion „Hausbesuch Europa“ der Frage nach, was dieses Europa eigentlich ist: geographische Grenze? Kulturelle Identität? Staatenverbund? Rimini Protokoll fängt im Kleinen an und geht in Privatwohnungen der Frage nach, wie viel Europa in einem einzelnen Menschen steckt. Auf einer Reise durch Hunderte europäische Wohnungen soll ein neues Netzwerk aufgebaut werden, das nicht von einem Zentrum ausgeht, sondern von Individuen. Theater als politische Utopie. Zu sehen wird das Ganze unter anderem in Aalen sein.

Jan-Christoph Gockel widmet sein Projekt „Der siebte Kontinent – Reise zur größten Mülldeponie der Erde“ am Theater Bonn dem Thema Plastik(-müll). Aus dem unzerstörbaren Material hat sich im Pazifik zwischen Kalifornien und Japan eine Insel aus Plastikresten formiert, so groß wie Indien. Eine Feldforschung zwischen globaler Müllindustrie und einsamen Idealisten im Kampf gegen den ewigen Schrott. In einem Rechercheprojekt am Nationaltheater Mannheim mit dem Arbeitstitel „Überzeugungstäter“ will Josefine Rausch gemeinsam mit Jugendlichen Ursachen für die Radikalisierung junger Menschen aufspüren. Welche privaten oder gesellschaftlichen Leerstellen geben Anlass zur Radikalisierung? Was treibt diese Menschen an? In einem spartenübergreifenden Projekt mit Musik und Tanz kämpfen die jungen Darsteller sich durch unangenehme Fragen und Antworten, durch Angst und Gewalt. Ein Werk, ein Genre, eine Theatersparte. Das war einmal. Adieu, geschlossenes System. Bonjour, Offenheit. Schaut man auf die Spielpläne der Theater, wird man gewahr, wie groß die Bandbreite der gezeigten Produktionen geworden ist, wie sich die Theater frei machen von allen möglichen inhaltlichen wie strukturellen Zwängen, wie Stücke von einer Sparte in eine andere überführt werden – oder zumindest mit Elementen aus anderen Genres angereichert werden.

Am Anhaltischen Theater Dessau inszeniert K.?D. Schmidt Goethes „Faust“ mit Musik, Puppenspiel, Gesang und Tanz. Mehr Sparten sind kaum möglich, aus dem Klassiker der Sprechtheaterstücke wird ein alle Theaterbereiche umfassendes Gesamtkunstwerk. Aus Shakespeares „Sturm“ kreiert Regisseur Urs Häberli am Pfalztheater Kaiserslautern gemeinsam mit Uwe Sandner (musikalische Leitung) und James Sutherland (Choreographie) ebenfalls ein „alle Sinne ansprechendes Theaterspektakel“ mit der Musik von Henry Purcell. Da stehen dann alle gemeinsam auf der Bühne: Schauspieler, Sänger, Tänzer, Chor und Orchester. Dass bei derartigen Produktionen oft von „Spektakel“ die Rede ist, verwundert kaum: Wird doch hier aus den verschiedenen Sparten das Eindruckvollste zu einem großen „Best of“ zusammengequirlt. Nicht selten wird mit Produktionen wie diesen das Sommertheater bestritten, wo ohnehin mehr der Eventcharakter zählt als der inhaltliche Mehrwert.

Ehrgeiziger wirkt hier die Überführung von Elfriede Jelineks „Wut“ in eine „psychogeographische Konzert-Performance“, wie sie am Staatsschauspiel Dresden geplant ist. Ist doch jede Jelinek-Inszenierung aufgrund ihrer speziellen Textstrukturen im Grunde eine neue Fassung, geht diese noch einen Schritt weiter, indem sie dem Rhythmus der Sprache den der Musik von Mendelssohn, Bach, Mozart und Wagner gegenüberstellt. In Zusammenarbeit mit den Dresdner Musikfestspielen inszeniert der Dirigent, Komponist und Filmemacher Christian von Borries einen Wut-Chor in der Frauenkirche. Einen Chor auch gegen die Wutbürger da draußen, die Dresden seit Jahren belagern. An der Neuköllner Oper nähert sich Regisseur Michael Höppner Puccinis „Tosca“ an – oder entfernt sich vielmehr vom ursprünglichen Werk, überschreibt es zu seinem Projekt „Tosca G8“ und stellt sich der Frage, was die Oper als Kunstform noch bewirken kann angesichts einer immer unübersichtlicher werdenden Wirklichkeit. Höppners Projekt zeigt Proben zu „Tosca“: Mit ihrer Inszenierung will eine junge Regisseurin „der Oper endlich ihre politisch-kritische Dimension“ zurückgeben. Zwischen Polizeiübergriffen im Rahmen des G-8-Gipfels in Genua 2001 und Puccinis Musik schlingern die Proben zwischen Realität und Musik, bis am Ende die Realität die Oberhand gewinnt. Ob dieses Theater im Theater aufgeht, wird sich zeigen.

Die Offenheit gegenüber dem zugrunde liegenden Werk, die großen inhaltlichen Eingriffe, die vorgenommen werden, führen natürlich auch zu einem veränderten Werkbegriff. Zum einen entstehen völlig neue Werke, zum anderen haben diese nicht den Anspruch, Spielvorlage für andere zu sein. Der Großteil der im Probenprozess entstehenden Texte genügt sich selbst in der Einmaligkeit einer Produktion. Gespannt sein darf man auf das „Joyce-Projekt“, das der Regisseur und Musiker David Marton an den Münchner Kammerspielen realisieren wird. Marton, der in der ersten Spielzeit unter der Intendanz von Matthias Lilienthal das hauseigene „Opernhaus“ leitete und zwei Miniaturfassungen klassischer Opern – „La sonnambula“ und „Figaros Hochzeit“ – mit Schauspielern und Sängern auf die Bühne zauberte, überführte das Genre Oper vom Monumentalen ins intime Kammerspiel und bewies, dass weniger oft mehr sein kann. In der kommenden Spielzeit verlässt er sich nicht mehr auf das bewährte Opernrepertoire, sondern kreiert einen ganz neuen Abend: Ausgehend von James Joyce und der Musikalität seiner Sprache wird ein Kollektiv aus Musikern und Musikerinnen ein neues Werk komponieren. Um Sinn und Unsinn soll es in dieser Uraufführung gehen, um Sprache und Welt.

Wenig überraschend beschäftigt sich eine ganze Reihe von Projekten mit dem Thema Heimat oder eben der Fremdheit. In der eigenen Heimat oder einer neuen. Gleich zwei Abende tun dies unter Titel „Kein schöner Land“: Katja Czellniks „musikalische Heimatbeschwörung“ am Theater Halle wird so etwas wie ein Dialog mit den geistigen und kulturellen Größen unseres Landes. Am Schauspiel Frankfurt bezeichnet Lydia Steier ihr Projekt mit dem gleichen Titel als „musikalisches Familientableau“. Ein auf die Erde zurasender Komet bricht Familiengeheimnisse und Zerwürfnisse auf. Jeder sagt, was er schon immer sagen wollte, der Mikrokosmos Familie implodiert sinnbildlich für ein ganzes Land.

Julia Roesler geht in ihrem dokumentarischen Musikprojekt „Die Georgier“ am Theater Ingolstadt einem stadtspezifischen Phänomen nach: 1990 wanderte das Georgische Kammerorchester geschlossen von Tiflis nach Ingolstadt aus. 25 Jahre später ist es fester Bestandteil der Ingolstädter Kulturszene geworden. Der Theaterabend fragt nach den Geschichten hinter dieser Geschichte: Warum ist das gesamte Orchester geflohen? Welche Lücke haben die Musiker hinterlassen? Lässt sich durch Musik das Gefühl von Fremdheit überwinden? Auf der Basis von Interviews mit aktiven und ehemaligen Orchestermitgliedern sucht die Regisseurin nach Antworten.

Eine Feldforschung der anderen Art betreiben Constance Cauers und Malte Andritter am Wiener Volkstheater. Ihre Uraufführung „Die Summe der einzelnen Teile“ begibt sich auf die Suche nach nichts Geringerem als der „österreichischen Identität im 21. Jahrhundert“. Wer sind wir? Was macht uns zu Indi­viduen? Was verbindet uns? Warum haben wir Angst? Und wovor? Was wollen wir bewahren? Was lieber aufgeben? Aus biographischen Texten entstehen Musik, Tanz und Bilder. Im Idealfall ein Abend über die Vielfalt im Gemeinsamen.

Aber es gibt nicht nur neue Gesichter im Bereich des Mehrspartenprojekts. Ein Meister dieses Genres – der fast schon die Vorsilbe Alt- verdient hätte, klänge das nicht so bieder, wo das doch gar nicht zu ihm passt – ist Christoph Marthaler. Bei ihm wird im Grunde jede Inszenierung zum Mehrspartenprojekt. Ohne Musik geht bei ihm gar nichts, ohne Choreographie im Grunde auch nicht. An der Berliner Volksbühne inszeniert er nun eine sehr persönliche Uraufführung, eine Erinnerung an seine ganz eigene Berliner Theatergeschichte: „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. Vor 23 Jahren kam er das erste Mal an die Volksbühne, mit seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock und einer Reihe Schweizer Schauspielern und Musikern. Seitdem hat sich viel verändert, vieles aber auch nicht. Wer sind die, die sich heute da wiedertreffen? Die Alten oder doch irgendwie auch Neue? Ist das, was sich da auf der Bühne abspielen wird, eine Geisterstunde? Oder doch eher eine „Verkettung glücklicher Umstände“? Wer sieht, wer sich da trifft – Irm Hermann, Ueli Jäggi, Sophie Rois, Ulrich Voß und andere –, darf wohl eher von Letzterem ausgehen.

All diese Projekte sind eine Reaktion auf unsere Zeit. Das klassische Repertoiretheater, das ja auch durch neue Texte und Autoren in einem permanenten Wandel begriffen ist, werden sie nicht verdrängen. Vielmehr sind sie eine Bereicherung des Bestehenden, wenn man so will, die Antwort des Theaters auf Twitter, Facebook und Co. Sie bieten dem Theater die Möglichkeit, schneller und präziser zu reagieren auf eine sich verändernde Welt. Bei all diesen Projekten handelt es sich quasi ausnahmslos um Uraufführungen. Heraus kommen keine nachspielbaren Repertoirewerke, keine Texte für die Ewigkeit. Das Theater ist stärker denn je im Moment angekommen, ist mehr denn je eine Kunst für den Augenblick. Vergänglich, aber – so es gut geht – am Puls der Zeit.