Recht, Gerechtigkeit, aber auch Auseinander­setzungen bei der Nahrungsaufnahme sind häufig wiederkehrende Motive im Sprechtheater der Saison 2015/16

Recht, Gerechtigkeit, aber auch Auseinander­setzungen bei der Nahrungsaufnahme sind häufig wiederkehrende Motive im Sprechtheater der Saison 2015/16

„Onkel Wanja“ am Berliner Maxim Gorki Theater in der Regie von Nurkan Erpulat

© Foto: Barbara Braun/DRAMA
Leseprobe

Saisonvorschau 2015/16

Mehr zur Saisonvorschau im Septemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Köpfe der Saison 2015/16: Wer wird wichtig, wer ist interessant?
  • Vorschau Musiktheater: Detlef Brandenburg staunt über die neue Vielfalt im Opernrepertoire
  • Vorschau Tanz: Auf performativen Flügeln hinaus in die Stadt: Bettina Weber über neue Trends
  • Die Kunst der Selbstdarstellung: Wie die Theater ihre neuen Spielpläne der Öffentlichkeit präsentieren
  • Wer kommt, was läuft, was geht daneben? Neue Intendanten, alte Krisenherde und Baustellen in der kommenden Spielzeit

JÜNGSTE GERICHTE

„Wer ist wir?“, fragt die Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden im Spielzeitheft zur kommenden Saison. Die Frage nach dem Wir bestimmt zahlreiche Publikationen der Theater zur kommenden Spielzeit. „Lust auf anders“ titelt noch recht optimistisch das Theater der Jungen Welt in Leipzig, während das Schauspielhaus derselben Stadt fragt: „Wieso dürfen die und wir nicht?“ „Wir sind Thema!“ verkündet ambivalent das Theater Magdeburg und deutet damit – wie auch das Theater Bielefeld, „Wir sind viele“ – an, dass die Fixierung auf eine begrenzte Gemeinschaft auch in die Isolation führen kann. „Festung. Ich“ lautet demgemäß zugespitzt das Motto an den Bühnen Chemnitz, während es in Gießen nur lapidar heißt: „Selbst“.

Sehnsucht nach Zusammenhalt und Solidarität spiegelt sich in diesen Motti wie in vielen Spielplänen genauso wie die Sorge um den Verlust von kollektiver Identität, aber eben auch die Reak­tion auf Abgrenzung gegenüber vermeintlich anderen, gegen Eindringlinge in eine geschlossene Gesellschaft. Das Stück der Spielzeit ist damit – wieder einmal! – von Elfriede Jelinek: „Die Schutzbefohlenen“ (siehe auch unsere Autorenumfrage im vorigen Heft). Diese Umschreibung antiken Dramas von Asylsuchenden ist zwar nicht das meistgespielte neuere Drama, scheint aber dennoch Anstoß gebend hinter zahlreichen Spielplänen zu stehen. Auch in „Die Schutzbefohlenen“ spricht ein „Wir“, nämlich das der unbekannten, uns nahe gekommenen Fremden. In Zürich wollen im Mai 2016 zahlreiche Theater der Stadt „Die Schutzbefohlenen“ als Theaterparcours für die Bürger anbieten. Das städtische Wir möge bei dieser großen künstlerischen Koalition gewinnen.

Die Bürgerbühnen der städtischen Theater treffen nicht nur unter dem Aspekt der Suche nach mitspielendem Publikum den Puls der Spielzeit, sondern auch wegen der zentralen Frage nach dem Kern oder den Grenzen von Gemeinschaft in unseren Städten. Weiter in die Vereinzelung getrieben finden sich die vereinzelten Wirs im Motto des Schlosstheaters Moers: „Freie Radikale“ lautet der Arbeitstitel der Saison – womit wir im Umfeld des Terrorismus gelandet wären.

Das bemerkenswerteste neue Stück der Spielzeit ist zweifellos Ferdinand von Schirachs „Terror“ (siehe auch Seite 67), mit mindestens 12 Inszenierungen nur kurz nach der Doppeluraufführung in Berlin und Frankfurt legt das Stück einen rekordverdächtigen Neueinstieg hin (siehe die Liste unten). Der Text des Rechtsanwalts und Bestsellerautors (der seine Erfahrungen vor Gericht zuvor schon belletristisch verarbeitet hat) spielt darin das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Unzulässigkeit des Luftsicherheitsgesetzes von 2005 durch: Ein Pilot der Bundesluftwaffe ist des Mordes an 164 Menschen angeklagt. Er hat trotz anderslautender Befehle ein Linienflugzeug abgeschossen, das von Terroristen auf ein voll besetztes Fußballstadion gelenkt werden sollte. Seine Absichten scheinen lauter gewesen zu sein, aber durfte der Mann sich in dem Moment zum Herrn über Leben und Tod aufschwingen? Das Stück ist einerseits ein altmodisches Rechtsdrama. Andererseits wirkt es wie ein Dokumentarstück, in dem es eher um Fakten als um die Ausgestaltung bühnenwirksamer Charaktere geht. Schließlich hat es aber auch partizipativen Charakter, weil es das Publikum als Schöffen entscheiden lässt, wie das Urteil ausfallen soll. Für beide möglichen Mehrheitsfälle gibt es in sich stimmige Urteilsbegründungen für das Finale des Dramas, die je nach Publikumsvotum gespielt werden.

Theater vor Gericht ist in „Terror“, aber nicht nur hier, eine der Leitlinien der neuen Spielzeit. Das Schauspiel Frankfurt verbindet seine Uraufführung mit der Inszenierung von Kleists „Der zerbrochne Krug“. In Gera wird das Nachkriegsgerichtsdrama „Die Ermittlung“ von Peter Weiss wieder ausgegraben. Auch Familientreffen und große Tafelrunden eignen sich bekanntlich gut für tribunalartige Abrechnungen, für jüngste Gerichte. Vornehmlich in französischen Konversationsdramen wie dem Erfolgsstück „Der Vorname“ entspinnen sich die tiefgreifenden Dramen am Rande eines gemeinsamen Mahls. Auch Sibylle Bergs „Viel gut essen“ scheint ein Stück der Spielzeit zu werden. Immerhin fünf Nachinszenierungen des in der letzten Spielzeit uraufgeführten Monologstücks sind geplant.

„Geächtet“ von Ayad Akhtar, das im nächsten Jahr an mindestens drei deutschen Bühnen zu sehen sein wird, verbindet eine Dinner-Katastrophe mit einer politischen Auseinandersetzung, die von jüdischer und muslimischer Religion nicht zu trennen ist. Die deutschsprachige Erstaufführung des amerikanischen Stücks findet im Januar in der Regie von Klaus Schumacher am Deutschen Schauspielhaus Hamburg statt; einen Monat später inszeniert am selben Haus die Intendantin Karin Beier die deutschsprachige Erstaufführung von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, der Schreckensvision eines islamisierten Frankreich, die fast zeitgleich zu den Pariser Anschlägen zu Beginn des Jahres erschien – der Roman ist an zwei weiteren großen Schauspielhäusern (Deutsches Theater Berlin und Staatsschauspiel Dresden) geplant, auch das ein rasanter Einstieg auf die Bühnen.

Weiter auf dem Vormarsch in den Theaterspielplänen ist insgesamt das Thema Religion. Sei es in Produktionen um das Thema islamistischer Terror, sei es in der faustischen Frage nach dem Kern der Welt – Goethes „Faust“ wird 19-mal neu inszeniert. „Der leere Himmel“ lautet das Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin. Und damit steht auch wieder ein deutscher Klassiker besonders im Interesse der Theater: Lessings „Nathan der Weise“, mit 14 Neuinszenierungen, inszeniert von auffällig vielen prominenten Regisseuren wie Volker Lösch (in Bonn), Wolfgang Engel (in Dresden), Armin Petras (in Stuttgart) oder Andreas Kriegenburg (eben am Deutschen Theater Berlin). Selten waren die Theater mit ihren Spielplänen so nah an den gesellschaftspolitischen Fragen der Zeit. Fehlt nur, dass die Inszenierungen auch Abend für Abend überzeugend ausfallen.

Über den Autor

Detlev Baur ist Schauspielredakteur und stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Bühne. Ab 1989 Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Griechischen Philologie in München. Während des Studiums zahlreiche Aktivitäten als Schauspieler, Stückbearbeiter und Regisseur. Nach einem Studienaufenthalt im schottischen Glasgow folgte die Promotion zum Thema Chor im Theater des 20. Jahrhunderts. Anschließend Kritiken und Reportagen für Tageszeitungen und Zeitschriften. Seit 2002 ist Detlev Baur Redakteur bei der Zeitschrift Die Deutsche Bühne in Köln. Im Jahr 2007 erschien unter seiner Leitung erstmals die Jugendtheaterzeitschrift junge bühne.