Ulrich Rasches gewaltige Bühne seiner „Räuber“-Inszenierung am Münchner Residenztheater zählt zu den Höhepunkten der Saison

Ulrich Rasches gewaltige Bühne seiner „Räuber“-Inszenierung am Münchner Residenztheater zählt zu den Höhepunkten der Saison

© Foto: Thomas Dashuber
Leseprobe

Saisonbilanz 2016/17

von Detlev Baur

Wer sind die erfolgreichen Theatermacher der vergangenen Spielzeit?

Unsere Autorenumfrage: 68 Fachjournalisten haben abgestimmt.
Mehr zur Saisonbilanz im Augustheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Schöpfer großer Bilder: Der Umfrage-Gewinner Ersan Mondtag im Porträt
  • Die Umfrage im Überblick: Alle Antworten unserer Autoren in Tabellenform

Die Kontinuität der Innovation

Und der Gewinner der Autorenumfrage für die Spielzeit 2016/17 ist?… Ersan Mondtag. Mit sechs Namensnennungen in einer Kategorie überflügelt der junge Berliner Theatermacher alle anderen Künstler. (Ein ausführliches Porträt des Mannes, der auch auf dem Cover abgebildet ist, finden Sie ab Seite 64.) Die beiden anderen herausragenden Künstler nach Meinung unserer Autoren sind der Regisseur Frank Castorf, der in Oper und Schauspiel auf insgesamt fünf Nennungen kommt, und der Bühnenbildner Sebastian Hannak mit ebenfalls fünf Nennungen. Mondtag ist Regisseur, entwirft aber häufig auch die Bühnenbilder und Kostüme seiner Inszenierungen. Haben da unsere Kritiker den Regisseur also mit dem Bühnenbildner verwechselt?

Die Bühnenräume und die unkonventionellen Kostüme sind prägend für Mondtags Inszenierungen (selbst wenn sie nicht immer von ihm selbst entworfen sind), wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Die Bilder seiner „Ödipus“/„Antigone“-Paraphrase am Berliner Maxim Gorki Theater etwa bleiben mit ihren abgetakelten Greisengestalten als Stellvertreter einer morschen Gesellschaft stark im Kritikergedächtnis haften, auch wenn das dramaturgische Konzept etwas glatt wirkt.

Ähnliches gilt auch für einen anderen jungen Regisseur. Ulrich Rasches überwältigendes Bühnenbild für „Die Räuber“ am Münchner Residenztheater ist in dieser Umfrage auch zweimal genannt, anders als Mondtag erhält Rasche immerhin auch zwei Nennungen unter den herausragenden Regietaten der Spielzeit. Bei jüngeren Regisseuren (auch bei Kay Voges) spielen Bühnenräume konzeptionell eine zentrale Rolle in den Inszenierungen. Das vergiftete Paradies in der „Vernichtung“ von Mondtag oder das Laufband in den drängenden „Räubern“ Rasches sind schon im Wesentlichen die installative Botschaft, die von den Darstellern nur noch gefüllt werden muss.

Sinn für konstante Qualität

Doch wollen wir dem genaueren Blick auf die Auswertung der acht Kategorien unserer Umfrage nicht vorgreifen. Vielmehr geht es um die wichtigste Tendenz, die sich aus den Nennungen und den Kommentaren unserer freien Mitarbeiter von Oberelchingen bis Kiel ergibt. Und auch da gibt der Aufsteiger Ersan Mondtag einen Hinweis. Denn ganz so neu ist der junge Mann in der Theaterszene gar nicht; bereits im letzten Jahr war der regieführende Bühnengestalter (gemeinsam mit Bert Neumann, damals aber nur mit je zwei Nennungen) mit der Kasseler Produktion „Tyrannis“ der führende Bühnenbildner unserer Autoren. Mondtags deutlicher „Sieg“ bei der Gestaltung des Bühnenraums in diesem Jahr ist also auch die Konsequenz kontinuierlichen Wirkens.

Konstanz in der Arbeit, handwerkliches Können, aber auch das permanente Neuerfinden künstlerischer Prozesse beeindrucken die Kritikerkollegen, so scheint es, in diesem Jahr besonders. Schnellschüsse interessieren weniger als hochwertige Arbeit von Dauer, die sich dabei weiterentwickelt. Marion Schwarzmann lobt Oliver Reeses Arbeit der letzten Jahre in Frankfurt – und steht damit nicht alleine: „Oliver Reese gelingt zum Abschluss seiner achtjährigen Intendanz noch einmal eine überzeugende Gesamtleistung. Die Berliner dürfen sich auf ihn freuen!“ Marieluise Jeitschko wiederum ist von der Arbeit des Theaters im Pumpenhaus in Münster stark beeindruckt: „Das kleine Theater- und Tanzhaus im Norden des bevölkerungsreichsten Bundeslandes kämpft unverdrossen für hohe Qualität freier Theaterarbeit im Verbund der NRW-Tanzproduzenten für die Avant­garde von Tanz und Performance aus aller Welt.“

Gerade bei kleineren Theatern oder freien Gruppen scheint sich unaufgeregte, verlässliche Zusammenarbeit künstlerisch auszuzahlen. Hartmut Krug stellt fest: „Immer noch Das letzte Kleinod mit seinem herumreisenden Zug als Spielort – und mit Aufführungen, die mit thea­traler, einfacher Sinnlichkeit soziale Verhältnisse untersuchen, wie in ‚Flucht/Ucieczka‘, in dem es um Flucht und Vertreibung geht.“ Anne Fritsch ist sich der mangelnden Originalität ihres Urteils voll bewusst: „Natürlich: Es ist nicht besonders kreativ, an dieser Stelle wieder und wieder das kleine Metropoltheater im Münchner Norden zu nennen. Aber was soll man machen? Zumindest im Süden der Republik ist es konkurrenzlos, was Anspruch und Qualität angeht.“

Ausdauernd gut

Das Lob der konstanten Arbeit durchzieht alle Kategorien und Sparten. Juliane Sattler-Iffert aus Kassel: „Johannes Wieland, seit zehn Jahren Tanztheaterdirektor am Kasseler Staatstheater. Erst kürzlich wurde der Choreograph zu Recht für sein Stück ‚You will be re­moved‘ für den FAUST-Preis nominiert. Sein genauer Blick auf unsere globalisierte Welt, die Vereinzelung und das Suchen der Menschen spiegelt sein Tanztheater in abstrakt metaphorischen Körperpartituren wider, die Grenzen zu Schauspiel und Performance sind fließend. Zuletzt hat Wieland mit seinem ‚Le sacre du printemps‘ eine rauschhafte Choreographie auf die Bühne gebracht.“ Auch in Stuttgart gibt es, so Manfred Jahnke, seit zehn Jahren kontinuierlich gute Arbeit an einem kleinen Tanztheater: „Zehn Jahre existiert nun die Gruppe um Eric Gauthier am Stuttgarter Theaterhaus, der sein Ensemble mit immer neuen internationalen Choreographen konfrontiert und sie damit zu immer neuen Erfolgen führt. (…) Er will nicht unbedingt den Tanz neu erfinden, aber er nimmt alle Neuentwicklungen wahr und versucht diese behutsam und mit Humor an sein Publikum zu vermitteln. Und ist immer für Überraschungen gut. Trotz der harten Arbeit bleibt noch Zeit für die Arbeit mit Behinderten, mit Schulen und in Altersheimen.“ Und Michael Laages bringt das Verhältnis von kontinuierlichem Tanz und innovativer Bewegungskunst auf den Punkt, wenn er Constanza Macras „für die Kontinuität der Innovation“ lobt.

Auch im Kinder- und Jugendtheater schätzen die Kritiker ausdauernd gute Arbeit vor Ort und in die Stadt hinein; Andreas Falentin etwa beim Consol Theater in Gelsenkirchen: „Ein kleines Haus, das vor allem für Kinder und Jugendliche nicht nur ästhetische Impulse setzt, sondern Kunst und soziales Engagement in ziemlich einzigartiger Weise verschmilzt und so in den vergangenen Jahren fast zu einem kleinen Therapiezen­trum für die – nicht nur in Gelsenkirchen – kriselnde Stadtgesellschaft geworden ist.“ Auch sonst sind Kinder- und Jugendtheater in der Umfrage gut vertreten, obwohl sie als eigene Kategorie nicht auftauchen: Tobias Prüwer lobt etwa das Theater der Jungen Welt in Leipzig im Jahr seines 70. Jubiläums, Adrienne Braun nennt das Junge Ensemble in Stuttgart oder Barbara Behrendt das Berliner Theater o.N., das Theater für die Allerkleinsten anbietet.

Nun könnte in konstanter, verlässlicher Theaterarbeit auch die Gefahr des Einrostens und damit eines künstlerischen Qualitätsverlusts bestehen. Und unsere Autoren müssen, so scheint es, auch gewisse Hemmungen überwinden, um ein zunächst nicht einfallsreich wirkendes Votum abzugeben: „Besonders originell ist das Votum nicht“, heißt es dann, oder „weiterhin“ oder „immer noch“. Das bedeutet aber keineswegs, dass diese Urteile zweifelhaft wären. Denn für die „Gewinner“, die meistgenannten Künstler oder Theater in unserer Umfrage, gilt es eben gerade nicht, dass sie in ihrer Kunst uninspiriert oder unflexibel wären: „Volksbühne Berlin. Ensemblepflege vorbildlich. Ästhetik mutig. Spielplan forsch frisch – ein Dauerexperiment, das zum Abschluss im 25. Jahr Castorf noch mal in die Vollen ging, um zu zeigen, was Theater bedeutet“, schreibt Ruth Bender zur Castorf’schen Volksbühne.

Geteilte Meinungen, gleiche Trends

Die Berliner Volksbühne steht auch im Zentrum der Kategorie „Ärgernisse“. Hier sind die Meinungen unserer Kritiker sehr geteilt, bis hin zum – nur auf den ersten Blick verwundernden – Votum von Alexander Jürgs, der die Volksbühne zugleich zum besten Theater wie zum Ärgernis der Saison erklärt. Die Vorverurteilung Dercons wird insgesamt (tendenziell stärker von jüngeren Autoren und von solchen außerhalb Berlins) ebenso kritisiert wie die Koketterie ebendieses weitgehend unbekannten neuen Intendanten. Klar ist nur: Das Thema steht im Zentrum der gesamten Spielzeit wie unserer Umfrage. Denn die Volksbühne ist insgesamt das meistgenannte Theater unserer Expertenbefragung, Frank Castorf und andere Künstler des Hauses werden in verschiedenen Kategorien viel erwähnt, oft positiv (14-mal), aber eben auch auffallend häufig unter Ärgernissen (13-mal) genannt.

Die Kritiker können in ihren oft auseinandergehenden, sich auch widersprechenden Urteilen kaum alle recht haben – einen Sinn für die entscheidenden Themen, so mein Resümee aus dieser Auswertung, haben sie aber sehr wohl. Und das nicht nur beim Thema Ersan Mondtag und beim Trend zur Regie­bühne – die wird nämlich von Hartmut Krug durchaus negativ gesehen: „Eher ist ein unangenehmer Hang bei jüngeren Bühnenkünstlern (Regie und Bühnenbild) zur äußerlichen Originalität zu be­merken.“

Auch sind die Münchner Kammerspiele unter (Ex-Volksbühnen-Dramaturg) Matthias Lilienthal ein viel genanntes und umstrittenes Theater dieser Spielzeit. Und das, obwohl es unter positiver Gesamtleistung nur einmal auftaucht (zusammen mit 22 anderen Theatern von Würzburg bis Magdeburg); andererseits erscheint es aber in anderen Kategorien auffällig häufig, etwa in Schauspielregie mit je zwei Nennungen für Christopher Rüpings „Hamlet“ und Yael Ronens „Point of No Return“ sowie einmal mit Susanne Kennedys „Selbstmord-Schwestern“. Während Wolf-Dieter Peter die Kammerspiele „als multikulturelle Eventbude“ sieht und sich ärgert, „wie diese Degradierung wortreich verstiegen und bräsig selbstverliebt kaschiert – und vom Kulturamt der Stadt geduldet wird“, sieht Anne Fritsch das differenziert und dennoch grundlegend anders: „Auch wenn es in dieser Spielzeit viel Kritik am Profil der Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal gab; auch wenn tatsächlich nicht alles ganz rund lief an der Maximilianstraße: Die beeindruckendsten, relevantesten und berührendsten Abende habe ich eben dort erlebt. In diesem streitbaren, widerspruchsvollen und mutigen Theater.“ Vielleicht liefert auch Florian Welles Kommentar zum Thema „Ärgernis“ die rechte Kammerspiel-Synthese: „Von Heiner Müller stammt der Ausspruch ‚Theater ist Krise‘, insofern ist alles gut an den Münchner Kammerspielen unter Intendant Matthias Lilienthal. Oder?“

Nicht nur in Berlin, selbst im saturierten München ändert sich also die Theaterwelt. In Berlin sorgte die zu Ende gehende Ära Frank Castorf für großes Theater. Wolfgang Behrens konstatiert: „Fast alles, was die Castorf’sche Volksbühne in ihrer letzten Spielzeit anpackte, wurde zu Gold. Ob Castorf selbst, ob Marthaler, Fritsch oder Pollesch – sie alle schwangen sich noch einmal zu künstlerischen Höhen auf, die einem den Abschied von der Intendanz Castorf schwer, sehr schwer machen.“ In Dresden war der Wechsel am Staatsschauspiel insofern Programm, als dort eine Übergangsspielzeit zwischen zwei Intendanzen stattfand. Michael Laages war von dieser Zwischsenlösung mit guten Argumenten sehr angetan: „So ein überzeugendes Plädoyer für die ‚Interimsintendanz‘ gab’s lange nicht mehr; Jürgen Reitzler, zuvor eigentlich ‚nur‘ Chef vom künstlerischen Betriebsbüro, Chefdramaturgin Beate Heine und Berater Wolfgang Engel haben ‚ihr‘ Staatsschauspiel für ein Jahr zum vielleicht mutigsten und muntersten Haus der Republik gemacht. Besonders die politisch so fatale Situation in der Hauptstadt der Pegida-Bewegung und anderer Rechtsaußen hat das Theaterteam extrem offensiv angenommen; und weil hier niemand mehr was zu verlieren hatte im Übergang von Wilfried Schulz auf Joachim Klement, musste auch keine politische Rücksicht mehr genommen werden. Absolutes Highlight in diesem Marathon der starken Stücke: ,Homohalal‘ von Ibrahim Amir – in Wien vom Volkstheater nicht zur Uraufführung gebracht, aber für Dresden mit Regisseurin Laura Linnenbaum zum Stück der Saison umgearbeitet. So klug, so mutig, so frech wird’s sicher lange nicht wieder sein – es lebe die Übergangszeit!“ Bei aller Bedeutung konstant guter Arbeit: Theater ist eben auch immer eine flüchtige Kunst. Das sei gerade für die Spielzeit 2016/17 hier festgehalten.

DIE WICHTIGSTEN ERGEBNISSE IM ÜBERBLICK

Frage 1 – Gesamtleistung: Theater Basel, Bühnen Frankfurt, Volksbühne

Aller guten Sieger sind drei: Das Theater Basel in der zweiten Spielzeit von Intendant Andreas Beck wird sechsmal genannt, wegen seiner „Basler Dramaturgie“ (Bettina Schulte), ja „stilbildenden Impulse für das Schauspiel“ (Elisabeth Maier), aber auch „mit einer ungemein klugen Vernetzung von Schauspiel- und Musiktheaterregisseuren“ (Alexander Dick).

Ebenfalls sechs Nennungen erhalten insgesamt die Bühnen Frankfurt mit ihren unabhängigen künstlerischen Leitungen von Oper (Bernd Loebe) und Schauspiel (Oliver Reese). Gerade die Frankfurter Oper ist kein Neuling unserer Umfrage und doch immer noch – oder immer wieder – künstlerisch außerordentlich. So lobt Andreas Falentin: „Reicher Spielplan mit zunehmendem Raum für neue Musikdramatik und ein phantastisches Ensemble. Auch wenn nie alles funktioniert: immer wieder vorbildhaft.“

Die Volksbühne Berlin schließlich erhält mit fünf Nennungen zwar eine Erwähnung weniger als die beiden Mehrspartentheater, ist aber eben ausschließlich ein Schauspielhaus. Zudem kommen die Volksbühnen-Künstler Frank Castorf, Herbert Fritsch, René Pollesch und Aleksandar Denic in diversen Kategorien auf bemerkenswerte 14 zusätzliche Nennungen, während Basel neun und Frankfurt sieben weitere Voten erringen.

Drei Nennungen erreichen die Staatstheater Stuttgart, gefolgt von zahlreichen zweifach genannten Häusern: die Staatsoper Hamburg, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das Badische Staatstheater Karlsruhe, das Staatsschauspiel Dresden mit seiner erfolgreichen Interimsintendanz, die Bayerische Staatsoper wie auch das Gärtnerplatztheater, das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen und die Wuppertaler Bühnen.

Frage 2 – Abseits der Zentren: Altenburg-Gera

Selten gab es hier einen Sieger mit so vielen Stimmen: Das Theater Altenburg-Gera erhält fünf Nennungen. Joachim Lange lobt: „In ihren beiden Spielstätten in Gera und Altenburg liefern Theater & Philharmonie Thüringen Gera/Altenburg nicht nur ambitionierte Produktionen in allen Sparten auf durchgehend hohem künstlerischen Niveau mit einem deutlichen Bekenntnis zu dem international zusammengesetzten Ensemble. Das Theater ist damit auch ein Ort und engagierter Akteur der politischen Auseinandersetzung mit Kräften, die bis zu Boykott­aufrufen gegen das Theater und Angriffen auf ausländische Ensemblemitglieder gehen.“

Bemerkenswert sind aber auch die drei Nennungen für die künstlerische Leistung des Theaters Augsburg in Umbauwirren und des Theaters Hagen. Guido Krawinkel stellt (nach seinem Lob Wuppertals bei Frage 1) für Hagen fest: „Auch hier eine ausge­wogene Mischung aus Repertoirestücken und mutigen Entdeckungen, und das angesichts der seinerzeit schwierigen Lage dort.“ Hier wie in Augsburg verlassen übrigens die Intendanten das Haus.

Beachtlich sind noch weitere sechs Theater mit jeweils zwei Nennungen: das Theater Freiburg, das Theater und Orchester Heidelberg, das Theater Erlangen, das ETA Hoffmann Theater Bamberg, das Theater Regensburg, das Theater Osnabrück und die Oper Wuppertal (siehe auch bei Frage 1!). Frieder Reininghaus bemerkt zu Wuppertal: „Ambitioniert und profiliert erschien das Programm der Oper Wuppertal bereits in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten Berthold Schneider. (…) Insbesondere operiert die Oper Wuppertal mit einem breit gefächerten und differenzierten ‚Vermittlungsprogramm‘ (‚KlangWELTEN‘) – mit dem Ziel, einem Publikum verschiedener Altersstufen ‚einen möglichst niederschwelligen Zugang zur Oper‘ zu ermöglichen.“

Frage 3 – Off-Theater: Metropoltheater, Pumpenhaus und Kleinod

Dreimal zwei Nennungen und ansonsten 45 Einzelnennungen. Das bedeutet, dass es über 50 von Theaterkennern geschätzte kleine Theater, freie Gruppen oder Produktionshäuser in der deutschsprachigen Theaterlandschaft gibt, die zu besuchen keine vertane Zeit wäre. Schon das ist ein großartiges Ergebnis!

Darunter finden sich kleine, überregional völlig unbekannte Preziosen wie das Theader Freinsheim an der pfälzischen Weinstraße, das Theater HochX in München, Schads Ensemble in Kiel oder die Burschenschaft Hysteria in Wien. Aber auch größere oder bekanntere Theater gehören dazu, etwa PACT Zollverein in Essen, das Zürcher Theater an der Winkelwiese oder das Wolfgang Borchert Theater in Münster.

Drei bereits oben erwähnte Theater gehören mit zwei Nennungen zu den drei Siegern der Kategorie: das Theater im Pumpenhaus in Münster und zwei Theater, die in unserer Umfrage keine Unbekannten sind und damit die These von der Qualität dauerhafter Theaterarbeit stützen, nämlich das Metropoltheater in München und aus Schiffdorf in Niedersachsen Das letzte Kleinod.

Frage 4 – Schauspiel: Bauer, Castorf, Stone, Rau

Klare Gewinner gibt’s in einer – im Vergleich mit der vorangegangenen Spielzeit – wohl eher als stark einzuschätzenden Saison in der Schauspielregie nicht. Überhaupt hatten wir zu Beginn bei der Würdigung des bühnenbildnerischen Regisseurs Ersan Mondtag bereits einen gewissen Trend zur Dominanz von Bühnenräumen ausgemacht, zumal Mondtag diesmal unter Schauspielregie gar nicht genannt ist. Ulrich Rasche ist mit zwei Nennungen unter den zehn Regisseuren mit Erwähnung von zwei verschiedenen Kritikern. Vor dieser großen Gruppe von Zweitplatzierten gibt es vier Gewinner mit jeweils drei Nennungen. Frank Castorf für „Faust“ beziehungsweise für seine 25 Leitungsjahre an der Volksbühne, Claudia Bauer für Inszenierungen in Leipzig, Simon Stone für Arbeiten in Basel und Hamburg sowie Milo Rau für die internationale Produktion „Five Easy Pieces“. Auch bei Castorf (sein „Faust“-Bühnenbildner Aleksandar Denic ist die Nummer zwei unter den Bühnenbildnern) und bei Claudia Bauers ungemütlichen Puppenwelten spielt Bühnengestaltung beziehungsweise Schauspielerumhüllung eine große Rolle.

Ein weiterer Trend bei der Schauspielregie beziehungsweise bei den Beobachtungen unserer Autoren kommt allerdings aus einer ganz anderen Richtung. Es ist der Drang, nicht nur Namen von Regisseuren zu nennen, sondern auch den von Schauspielern – oder die Rolle des eingespielten Ensembles zu betonen. Bei Tobias Gerosas Lob für Simon Stones Basler „Drei Schwestern“ heißt es: „Konsequent ins Heute gedacht und übersetzt, die Mittel des (bestens ausgestatteten Stadt-)Theaters so angewandt, dass auch (auch!) Serienschauer sich darin wiederfinden. Dazu toll gespielt, wie es nur ein Ensemble kann.“ Zum zweimal gelobten Christopher Rüping und seiner „Hamlet“-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen erwähnt Martin Bürkl „das Darsteller-Trio Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald“. Und Anne Fritsch bemerkt: „Inmitten all der Diskussionen um die Rolle der Schauspieler an den Münchner Kammerspielen inszeniert Christopher Rüping ganz souverän Theater mit Schauspielern und für Schauspieler.“

Von anderen Teilnehmern nicht wiederholt, aber bezeichnend ist auch das Votum von Wolfgang Behrens für den Schauspieler Joachim Meyerhoff und den Regisseur Jan Bosse für „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle am Wiener Burgtheater: „Joachim Meyerhoff definiert das Schauspielersolo neu: Nach seinem autobiographischen Projekt ‚Alle Toten fliegen hoch‘ zieht er sich nun in ‚Die Welt im Rücken‘ drei Stunden lang Thomas Melles Bericht von einer bipolaren Störung derart auf den Leib, als wäre es sein eigener Text.“ Humane Schauspielkunst ist vielleicht eben noch ansprechender als kluge Regiearbeit.

Frage 5 – Oper: Perceval, Serebrennikov und Castorf

Frank Castorf teilt sich bei zwei Nennungen mit vier anderen Regisseuren Platz zwei in der Liste der prägenden Opernregisseure der Saison. Wenn wir uns aber erinnern, dass Castorf mit drei Nennungen schon zu den Regie-Gewinnern im Bereich Schauspiel zählt, ist er, wie bereits erwähnt, in der Tat eigentlich der Regisseur des Jahres. Dass er in verschiedenen Sparten auf starke fünf Nennungen kommt, spricht ja wahrlich nicht gegen seine Arbeit. Zumal sich interessanterweise die Nennungen (sofern überhaupt Inszenierungen genannt sind) auf zwei „Faust“-Stücke beziehen. Womit wir auch wieder beim Stichwort kontinuierliches Arbeiten wären. Denn die zweite „Faust“-Arbeit, Goethes Drama an der Volksbühne, war konzeptionell unübersehbar von der Oper Gounods und dem in ihr abgebildeten Frankreich des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Frank Castorf ist also der Regisseur der Spielzeit – und nebenbei mit der führenden Volksbühne auch ein führender Intendant der Saison.

Ebenfalls zweimal genannt als Opernregisseur ist ein wichtiger Volksbühnen-Künstler: Christoph Marthaler mit der Hamburger „Lulu“. Außerdem zwei Nennungen haben Tatjana Gürbaca, David Hermann und Hendrik Müllers „Freax“- Uraufführung am Theater Regensburg nach einer Idee von Jim Lucassen. Martin Bürkl nennt das „Retro-Avantgarde“.

Die beiden Opernregie-Gewinner mit je drei Nennungen sind aber Kirill Serebrennikov mit dem „Barbier von Sevilla“ an der Komischen Oper in Berlin sowie Luk Perceval für die Uraufführung von Chaya Czernowins „Infinite Now“ in Gent beziehungsweise am Nationaltheater Mannheim. Hierzu schreibt Ekaterina Kel unter Einbeziehung des Bühnen- und Videobildners Philip Bußmann: „Die Art, wie hier Komponistin und Regisseur zusammengearbeitet haben, hat sich offenbar direkt auf die Bühne übertragen, denn Bußmann erschafft eine mit der Musik und den Narrationssträngen in einer perfekten Symbiose lebende Bühne.“

Frage 6 – Tanz: Cherkaoui, Platel, Linning und Thoss

Vier Choreographen sind zweimal genannt und damit die Sieger unter den Choreographen: Sidi Larbi Cherkaoui, den wir jüngst im Heft porträtierten, zählt ebenso dazu wie Alain Platel und die Heidelberger Tanzleiterin Nanine Linning. Der Vierte im Bunde ist der Mannheimer Tanzintendant Stephan Thoss. Während Volker Oesterreich die Choreographien von Thoss lobt, begeistert sich Elisabeth Maier auch für seine Arbeit im Umfeld der Tanzcompagnie; sie begründet ihr Votum ausführlich und eindrucksvoll: „In der deutschen Ballettszene ist Stephan Thoss ein Star. An seiner neuen Wirkungsstätte am Mannheimer Nationaltheater ebnet er jungen Choreographen den Weg. (…) Thoss, dessen kraftvolle und körperstarke Choreographien im modernen Tanz Maßstäbe setzen, lässt sich von den Arbeiten seiner Gäste inspirieren. So ebnet er den Weg für eine neue Generation von internationalen Choreographen, die in der bundesdeutschen Szene wichtige Impulse setzt. Mit Gesprächsrunden und Workshops im Tanzhaus Käfertal holt Thoss mit seinem Team ein neues Publikum ins Haus – vom jungen Flüchtling bis hin zu kulturbegeisterten Mannheimern, die seit Jahren ihr Abo haben und nun die Nähe zu den Künstlern genießen.“

Positiv fällt aber noch etwas anderes auf; dass sich nämlich zahlreiche unserer Autoren zum Tanz äußern und nicht als Schauspiel- oder Opernkritiker einfach einen Strich bei dieser „dritten“ Sparte machen, die traditionell weniger Fürsprecher und Experten hat. Der Siegeszug des spartenübergreifenden Theaters scheint bei unseren Kritikern also auf einem sehr guten Weg zu sein. Deswegen tauchen in dieser Kategorie 26 weitere Einzelnennungen auf. Darunter erklärt die ausgewiesene Tanzkritikerin Melanie Suchy die transkontinentalen Vernetzungsprojekte „Out of Joint“ und „Shifting Realities“, „die von Bremen, Düsseldorf, Dresden nach Afrika hinüberreichten“ zu ihren Lieblingschoreographien. Sie erläutert: „Sie brachten (…) Tanzkünstler aus Afrika mit hiesigen, also deutschen und internationalen, zusammen, und zwar als Versuch der Postkolonialisierung oder Gleichberechtigung, als Versuch thematisch-künstlerisch-stilistisch-menschlicher Zusammenarbeiten. Klar holpern die Bühnenergebnisse manchmal, guter Wille ist noch keine Kunst; doch entkrampft sind die Verhältnisse im Vergleich der ökonomischen und ausbildungsmäßigen Möglichkeiten ja auch nicht. Aber das Dranbleiben, im Marktsprech: Nachhaltigkeit scheint sich zu lohnen.“ Wobei wir wieder beim Thema Konstanz samt künstlerischer Wagnisse wären.

Frage 7 – Bühne/Kostüm: Mondtag, Denic, Hannak

Wie zu Anfang bereits ausführlich gewürdigt, ist Ersan Mondtag mit sechs Nennungen der meistgenannte Bühnenbildner und somit auch der Gewinner unter den Nennungen innerhalb einer Kategorie. Eine Begründung für den Erfolg von Mondtags Bühnenräumen liefert Elisabeth Maier: „Der Erfolg dieses Shootingstars ist wohl auch durch seine hyperrealistische Bildersprache und die flirrende Bühnensprache zu erklären, die vom Computerbildschirm inspiriert zu sein scheint. Da trifft er ins Mark seiner medienüberfütterten Generation, die vor dem Smartphone versinkt.“

Nur knapp hinter Mondtag landet mit fünf Nennungen Sebastian Hannak auf dem zweiten Platz. Er ist damit, wie zu Anfang erwähnt, zusammen mit Mondtag und Castorf einer der drei erfolgreichsten Künstler der Saison. Zweimal wird Hannak für seine Bühne für die „Walküre“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe genannt, dreimal für seine (in unserem Werkstattbericht zur Oper „Sacrifice“ bereits ausführlich vorgestellte) Raumbühne HETEROTOPIA an der Oper Halle. Roland H. Dippel lobt Hannaks Bühne in Halle: „Die zyklische Achse durch eine Spielzeit (für Intendant Florian Lutz, Katja Czellnik, Ballett Rossa, GMD Josep Caballé Domenech und andere), die Vielfältigkeit der Raumlösungen von der langen Konzertnacht mit neuer Musik über die Uraufführung ‚Sacrifice‘ bis zum Fallen der vierten Wand im ‚Fliegenden Holländer‘.“

Aleksandar Denic erhält für die satten Drehbühnen in Castorfs „Faust“ (Oper wie Schauspiel) vier Nennungen. Auf je zwei Nennungen kommen dann Herbert Fritsch, Ulrich Rasche und Romeo Castellucci für seine „Tannhäuser“-Räume an der Bayerischen Staatsoper.

Frage 8 – Ärgernis: Selbstzerfleischung in Halle

Die Volksbühne, weniger als Ärgernis denn als Aufreger und als eines der wichtigsten Theater der Saison, wurde oben schon erwähnt. 13 Nennungen sprechen da stark für eine Herzensangelegenheit. Wolfgang Behrens bringt es auf den Punkt, wenn er sich bedauernd ärgert: „Dass alles enden muss. Selbst Castorfs Volksbühne.“ Dabei sind die Kritiker ja selbst Teil des Streitthemas der Spielzeit. Der Dercon-Kritiker Michael Laages spricht von „Beiläufigkeit, Ignoranz und bösem Willen nennenswerter Teile im Kulturjournalismus“ im Zuge dieses Intendantenwechsels, während Dieter Stoll aus fränkischer Sicht von einer „Berliner Glaubenskrise um die Volksbühne“ spricht und die Affäre auch „für den Kulturjournalismus“ für „kein Ruhmesblatt“ hält.

Ein Dauerthema der Kategorie sind neben ignoranter Kulturpolitik die Sanierungs- und Baudesaster. Allerdings nehmen sich die drei Erwähnungen der Kölner „Dauerbaustelle“ (Konstanze Führlbeck) überraschend bescheiden aus. Auf drei Nennungen kommt auch die jüngste, über die Presse in die Stadtpolitik geratene Krise um die Oper Halle. Auch die Rolle des wohl auch künstlerisch ambitionierten Geschäftsführers der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Stefan Rosinski, beschäftigt die Autoren. Georg Kasch ärgert sich, „dass der Neustart eines jungen Teams an der Oper Halle finanziell nicht gestützt, sondern untergraben wird – unter einem Geschäftsführer Rosinski, der bereits an der Rostocker Theaterkrise beteiligt war“. Der Niedergang des Volkstheaters Rostock samt seinem Geschäftsführer war übrigens im letzten Jahr das Ärgernis der Saison. Und Rosinski war, man glaubt es kaum – oder hat es wohl lieber schon wieder vergessen –, auch einmal für knapp ein Jahr Chefdramaturg an Frank Castorfs Volksbühne, in einer fernen Zeit, als dieses Theater (auch laut unserer Umfrage) kaum künstlerische Erfolge feierte.