Szene aus der Produktion „Die Grünen. Eine Erfolgs­geschichte“ am Stadttheater Freiburg.

Szene aus der Produktion „Die Grünen. Eine Erfolgs­geschichte“ am Stadttheater Freiburg.

© Foto: Maurice Korbel
Leseprobe

Saisonbilanz

LEP: Saisonbilanz – Schwerpunkt im Heft 8/2011

Wir blicken zurück auf eine eine bewegte Spielzeit: Die Theater schienen fast süchtig zu sein nach Wirklichkeit! Auch die Auswertung unserer alljährlichen Autorenumfrage zeigte spannende Ergebnisse.


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2011 ist anders. Seit 2003 fragen wir die regelmäßig für uns tätigen Autoren alljährlich danach, welche Leistungen sie in der abgelaufenen Saison am stärksten beeindruckt haben. Und es war von Anfang an unsere Absicht, die reine Hitparade der Meistgenannten durch eine inhaltliche Auswertung zu untermauern. Deshalb die acht inhaltlich differenzierten Fragen, deshalb die ausführlichen Begründungen, auf die die Teilnehmer viel Mühe und Gedanken verwenden. Dass eine solche Differenzierung einer klaren Rangordnung abträglich ist, war uns immer klar. Aber bislang hatten wir die knappen Ergebnisse eher bei den auf Institutionen zielenden Fragen („Nennen Sie ein Theater…“), während die Ergebnisse der personenbezogenen Fragen meist eindeutig waren. Dieses Mal aber ist es umgekehrt: In der Kategorie Überzeugende Gesamtleistung eines Hauses haben sich das Schauspiel Köln und die Oper Frankfurt deutlich von ihren Verfolgern abgesetzt. Selbst in den naturgemäß breit streuenden Fragen nach Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren und einer kleinen Bühne oder eines Off-Theaters ist das Ergebnis klar– bei den Personen aber ist es so breit gefächert wie selten.

Wie das? Und was steckt dahinter, dass unsere Autoren trotz klarer Ergebnisse offenbar keineswegs der Meinung sind, dass die von ihnen genannten Häuser einsam an der Spitze stehen? Hartmut Krug beispielsweise hält sein Plädoyer für das Staatsschauspiel Dresden „stellvertretend für etliche andere Theater.“ Krug begründet: „Unter Wilfried Schulz hat das Staatsschauspiel einerseits das bildungsbürgerliche Publikum Dresdens mit Klassikern, großen Themen und gesellschafts- und stadtpolitischen Texten aus seiner Nachwende-Reserve gegenüber dem Theater gelockt und andererseits ein junges Publikum mit modernen Spielweisen und jungen Inszenierungsteams wieder für das Stadttheater interessiert. Dazu werden viele neue Texte geboten, oft im Kleinen Haus, dass aber ganz bewusst nicht zur modernen Alternative eines repräsentativen Schauspielhauses mutiert ist. In Dresden gibt es ein Staatsschauspiel, das auf ein Publikum zielt und nicht, wie viele Theater, im Spielplan bereits die Trennung des Publikums nach Alter und vermeintlich unterschiedlichen Interessen akzeptiert. Die Bürgerbühne, in der viele Altersgruppen und Voraussetzungen (Club der anders begabten Bürger, Club der erzählenden Bürger) Ausdrucksmöglichkeiten finden, dazu Ausstellungen, Vorträge, Einführungen, Gastspiele, Konzerte: hier wird ein Stadttheater wieder zum intellektuellen Kommunikationszentrum der Stadt.“

In der Tat: Ähnliche Argumente werden ins Feld geführt für die Stadttheater in Bremerhaven, Freiburg, Heidelberg, das Staatstheater Stuttgart, Dessau, Bochum … und so hat Alexander Dick sein Votum unter Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren gleich „ganz allgemein dem mittleren deutschen Stadttheater“ gewidmet: „Was hier landab-landauf bei allenfalls gleichbleibenden, real eher schrumpfenden Etats … geleistet wird, verdient höchsten Beifall.“ Diese Stadttheater suchen neue Wege in die Stadt, indem sie neue Publikumsschichten mit neuen Formen der künstlerischen Recherche, der Partizipation, der Artikulation urbaner Milieus einbeziehen. Sie richten sich tendenziell an alle Milieus der Stadt, dabei aber auch sehr gezielt an diese Stadt. Und das beutetet: Sie definieren sich nicht nach einem ortlos allgemeinverbindlichen Konzept, sondern formulieren sich im Austausch mit der jeweiligen Stadtbevölkerung überall anders und immer wieder neu. Dass daraus in den Fragen nach künstlerischen Einzelleistungen keine Konzentration auf eine Person erwachsen kann, sondern eine differenzierte Vielfalt – das liegt in der Natur der Sache. Und dass sich diese Vielfalt in der Institution Stadtheater als Zentrum und Gehäuse bündelt, auch. Es sind nicht mehr nur die „wichtigen“ Regisseure, die Kriegenburgs, Thalheimers, Kimmigs oder Stemanns, auf die sich die Wahrnehmung konzentriert; es sind die Häuser und die durch sie verkörperten vieldimensionalen künstlerisch-kommunikativen Strategien.

Vom Stadttheater zur Theaterstadt

Wenn sich aber Theater so dezidiert als Stadttheater versteht, könnte es umgekehrt aufschlussreich sein, einmal nach der Physiognomie besonders häufig genannter Theaterstädte zu fragen. Dazu müssen offenbar zwei Faktoren zusammenkommen: ein starkes Zentrum, meist ein Mehrspartentheater; und eine lebendige freie Szene. Wenn das stimmt, führen alle Entweder-Oder-Verteilungskämpfe, wie sie von einigen Kulturfunktionären immer wieder aufgemacht werden, in die Irre. Es geht nicht darum, die Freie Szene gegen das Stadttheater, das Privattheater gegen die Off-Bühnen auszuspielen, denn Reichtum definiert sich im Stadttheater der neuen Art über Vielfalt. Es geht also darum, eine Szene sinnvoll zu vernetzen.

Schaut man auf die meistgenannte Theaterstadt dieser Umfrage (21 Nennungen), landen wir in Stuttgart (siehe auch S.46) und dort zuallererst beim laut dieser Umfrage attraktivsten Mehrsparten-Stadttheater der Republik (das de jure natürlich ein Staatstheater ist). In keiner einzelnen Kategorie könnte das Staatstheater Stuttgart einen Spitzenplatz einnehmen, aber in den Kategorien Gesamtleistung, Schauspiel, Oper, Tanz und Bühne/Kostüm/Raum verzeichnet es 14 Voten– nur eine weniger als der Sieger der Kategorie Gesamtleistung! Wir zitieren Hartmut Regitz’ Votum für „die Staatstheater Stuttgart als Erfolgsmodell. Das ,die‘ ist entscheidend, denn das größte Dreispartentheater lässt für Oper, Ballett und Schauspiel gleichermaßen hoffen. Jossi Wieler setzt als neuer Opernchef wieder auf Ensemblearbeit, Ballettintendant Reid Anderson hat seinen Vertrag verlängert, und Hasko Weber will sich im Schauspiel von Stuttgart so verabschieden, dass man ihn noch lange in guter Erinnerung behält.“

Die anderen sieben Nennungen verdankt Stuttgart seiner enorm lebendigen Off-Szene. Genau mit dieser Kombination aus breiter Vielfalt und starkem Zentrum überflügelt es sogar Berlin (18 Nennungen), das zwar allein im Off-Bereich elf Voten einfährt, mit den großen Häusern aber nur sieben weitere. Und daraus folgt: Allen, die in der Kulturförderung auf „Leuchttürme“ setzen, ebenso aber auch denen, die die Stadttheater am liebsten schleifen und stattdessen kleine Spezialbühnen für spezielle Publikumsgruppen fördern würden, muss man entgegenhalten: Eine Stadt, die als attraktive Theaterstadt wahrgenommen werden will, braucht die großen Häuser als milieuübergreifende Identifikationspunkte ebenso wie die Vielfalt der Kleinen, Freien und Privaten.

Frage 1 – Gesamtleistung: Schau­spiel Köln, Oper Frankfurt

Im Grunde könnten wir hier auf das Augustheft des letzten Jahres verweisen– und müssen mit Respekt festhalten, dass das von Karin Beier geleitete Schauspiel in Köln seitdem mit acht Nennungen unter Gesamtleistung und 15 insgesamt sogar noch um drei Stimmen zugelegt hat. Wir zitieren unseren Berliner Autor Wolfgang Behrens: „Es hilft nichts, es muss die gleiche Nennung wie im Vorjahr sein. Den Kölnern ist etwas gelungen, was schon lange keinem Theater mehr gelungen ist: Sie haben mit Karin Beier an der Spitze – und nicht zuletzt mit der Produktion von ,Das Werk / Im Bus / Ein Sturz‘– eine Strahlkraft in die Stadt und die Gesellschaft hinein entwickelt, die dem Theater fast wieder etwas von dem zurückgibt, das es verloren zu haben schien: Relevanz.“

Und auf Platz zwei erneut mit eindrucksvoller Stimmenzahl (sieben unter Gesamtleistung, zwei weitere) die Oper Frankfurt: „Auch im neunten Jahr der Intendanz Bernd Loebe beweist das Leitungsteam, dass ein hochmotiviertes Haus der utopielosen Krise mit herausforderndem Spielplan gegensteuern kann“, kommentiert unser Münchner Autor Wolf-Dieter Peter. Auch sein Kölner Kollege Andreas Falentin nennt neben der Frankfurter Opernleistung den krisenhaften Hintergrund des derzeitigen Musiktheaters: „Am ehesten die Oper Frankfurt, mit eigenständigem dramaturgischem Profil und hohem musikalischen (und darstellerischen) Niveau. Aber: Alle Supertanker schwächeln zur Zeit, egal ob Sprech- oder Musiktheater. Zu groß? Auf jeden Fall zu schwerfällig! Die Utopien und Visionen fehlen…“

Wobei zumindest im Sprechtheater einige Supertanker so schlecht ja nicht aufgestellt sind. Wir zitieren Elisabeth Maier: „Johan Simons erweitert den internationalen Horizont der Kammerspiele München: … Mit dem lettischen Regisseur Alvis Hermanis neben dem Hausherrn Simons arbeitet eine zweite europäische Regiegröße an der deutschen Vorzeige-Bühne… . Für sein Stadtraum-Projekt ,Die Perser‘ in der Bayernkaserne in Freimann, in das er die dort lebenden Flüchtlinge zumindest als Chor einbezog, arbeitete Simons selber im Stadtteil. Zwar erntete er dafür Kritik. Aber das Experiment, einen Klassiker vor dem Hintergrund aktueller Emigrantenschicksale neu zu lesen, weckt Lust auf mehr. Spannender sind die künstlerischen Blicke auf die Schickeria-Stadt, die ein Baustein von Simons Spielplan sind: Die Uraufführung ,Alpsegen‘ von Feridun Zaimoglou/Günther Senkel (Regie: Sebastian Nübling) erschließt den Münchnern einen neuen Blick auf die pulsierende Metropole, erlebt aus der fiebertraumatischen Perspektive des Einwanderers. … Das Münchner Nachtleben der 90er-Jahre fasst ,Mjunik Disco‘ (Rainald Goetz und andere) in der Regie von Stefan Pucher in grelle, schnelle Bilder…“ Fazit: drei Nennungen unter Gesamtleistung, drei unter Schauspiel.

Und noch ein Opernhaus macht auf sich aufmerksam (drei Nennungen unter Gesamtleistung, zwei weitere): die Oper am Theater Basel. „Operndirektor Dietmar Schwarz gelingt es, das seit Jahren bestehende außerordentliche Niveau nicht nur zu halten, sondern sogar zu steigern“, schreibt Elisabeth Feller. „Einerseits wird die erste Linie mit altvertrauten Gästen wie Christoph Marthaler und Calixto Bieito fortgesetzt; anderseits eine zweite Linie mit neuen Gästen wie etwa David Hermann (,Pique Dame‘), Benedikt von Peter (,Parsifal‘) und Tobias Kratzer (,Telemaco ossia L’isola di Circe‘) verfolgt.“

Frage 2 – Abseits der Zentren: Bremerhaven, Freiburg, Heidelberg

Bremerhaven? Ja Bremerhaven. Das ist eine Großstadt von 114000 Einwohnern, die zusammen mit Bremen das Bundesland Freie Hansestadt Bremen bildet und sich als Seestadt und als Wissenschaftsstadt vermarktet. Als Theaterstadt spielte Bremerhaven in dieser Umfrage noch nie eine Rolle – und diesmal gleich der Spitzenplatz unter Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren! Marieluise Jeitschko erklärt uns, warum: „In der 99. Spielzeit des Theaters trat der neue Intendant Ulrich Mokrusch an, ,Theater in der Stadt sichtbar‘ zu machen und setzte dabei auf Teamwork, in das er Städtische Institutionen und Gebäude (z.B. Deutsches Schifffahrtmuseum und Deutsches Auswandererhaus für Schauspielaufführungen, Theater im Fischereihafen für neue Choreografien von Tänzern) ebenso einbezog wie Einwohner mit ihrem ganz persönlichen Schicksal (,Verzögerte Heimkehr – Einige Reisen nach Eldorado‘)…. Die Qualität und Motivation des Ensembles in allen Sparten ist ebenso beeindruckend wie der Zuspruch des Publikums.“ (Siehe auch S. 34)

Damit hat Bremerhaven sogar das Theater Freiburg ganz knapp überflügelt, (beide haben drei Nennungen unter abseits großer Theaterzentren, Bremerhaven dazu eine unter Gesamtleistung, während Freiburg lediglich noch eine unter Oper verzeichnet), dessen Arbeit für viele Beobachter zum Paradigma des neuen Stadttheaters geworden ist. Elisabeth Maier schreibt: „Die markante Ästhetik des Schauspiels Freiburg setzt in der deutschen Szene Akzente und weist damit weit über das hinaus, was ein Stadttheater dieser Größe eigentlich leisten kann. Die Schauspieldirektorin Viola Hasselberg und ihr Team setzen ihr Konzept nicht zuletzt deshalb so erfolgreich um, weil sie ebenso tief wie lustvoll in ihrer Region verwurzelt sind. … Ohne auf die Dokumentartheater-Welle aufzuspringen, die Rimini-Protokoll entfacht haben, entwickelt Hasselberg seit Jahren mit dem Regisseur Jarg Pataki ein ästhetisches Konzept, das Politik und Kunst überzeugend verknüpft. … Damit erreicht das Schauspiel Publikumsschichten, die sich sonst schwer für das Theater motivieren lassen. “

Und schließlich – jedem Abschied wohnt ein Zauber inne – erreichte der nach Karlsruhe scheidende Intendant Peter Spuhler mit seinem Team am Theater Heidelberg noch einmal eine gute Platzierung: zwei Nennungen unter abseits der Zentren und zwei weitere unter Oper und Schauspiel. Susanne Benda aus Stuttgart: „Das Theater Heidelberg–trotz oder vielleicht gerade wegen seines umbaubedingten Auswärtsspiels im Zelt: Die letzte Spielzeit des Intendanten Spuhler hatte vielleicht nicht mehr ganz die Kraft der vorangegangenen, aber weiterhin punktet das Heidelberger Team durch Ideen, Mut – und eine exzellente Einbindung in die Stadt.“

Frage 3 – Off-Theater: Ballhaus Naunynstraße, Heimathafen Neukölln

Den Sprung aufs Siegerpodest der Theaterhauptstadt hat Berlin zwar verpasst (s.o.), aber Hauptstadt des Off-Theaters darf es sich allemal nennen. Und das verdankt es – wen wundert’s? – dem Ballhaus Naunynstraße, das mit vier Voten unter Ungewöhnlich überzeugende Arbeit einer kleinen Bühne oder eines Off-Theaters und zwei weiteren für Schauspiel für ein klares Ergebnis gesorgt hat, wie wir es so in dieser Kategorie noch nie hatten. Hartmut Krug würdigt das Haus in Kreuzberg „als gleichermaßen ästhetisch wie gesellschaftspolitisch aufregendes Theater, das Shermin Langhoff zum Zentrum eines Netzwerkes von Künstlern mit und ohne ,Migrationshintergrund‘ ausgebaut hat. In überwiegend deutsch-türkischen Produktionen werden die Geschichten von Migranten mehrerer Generationen erzählt. Aus einem Widerstandsimpuls, nämlich der unseren Kulturbetrieb dominierenden Klischee-Darstellung von Migranten (mit Kopftuch und Ehrenmord) die Realität individueller Lebenswelten entgegen zu setzen, hat sich ein ästhetisch und theatralisch differenzierter uneinheitlicher Spielstil entwickelt, der oft komödiantisch grundiert ist. Dass hier sowohl Profis wie Laien gemeinsam oder für sich (in der Akademie der Autodidakten) spielen, dass hier Dokumentartheater wie Fiktion zu sehen und erlebte Realität wie gedachte Realität spielerisch vermischt werden, zieht zu Recht Publikum aus ganz Berlin an.“

Von Kreuzberg nach Neukölln: „Dem 2007 gegründeten Privattheater Heimathafen Neukölln gelingt mit Produktionen wie Nicole Oders Inszenierung von ,ArabQueen‘ (nach dem Roman von Güner Balci), worum viele große Häuser sich vergeblich bemühen: die Konflikte unserer Zeit, die Probleme von Jugendlichen mit so genanntem Migrationshintergrund lebensnah, ohne Anbiederung oder falsches Pathos auf die Bühne zu bringen und mit einer kleinen, kraftvoll gespielten Aufführung tatsächlich etwas über das Leben der Menschen in diesem Land zu erzählen und aktuellen Debatten eine Seele einzuhauchen.“ So Anne Fritsch aus München.

Frage 4 – Schauspiel: Karin Beier, Herbert Fritsch

Wie gesagt: Unter den folgenden Fragen ist das Rennen knapp ausgegangen. Dafür liegen wir diesmal genau im Trend des Berliner Theatertreffens und anderer Rankings: Karin Beier und dann erst mal gar nichts. „Karin Beiers fulminante Inszenierung von Elfriede Jelineks ,Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz‘: Es ist selten, dass ein Theaterabend so den (bloßliegenden) Nerv einer Stadt trifft. Die Zuschauer merken das sofort, sind wie erleichtert, dabei betroffen und schließlich den Theaterleuten überaus dankbar. Hilft aber nix, denn die (vom Stadtvolk ja gewählten) Politiker haben die Theatermacherin aus der Stadt gejagt. Wann verjagen die Städter ihre Politiker? Ästhetisch besticht der Abend in Rhythmus, Formenvielfalt und Ausdrucksstärke.“ So schreibt Annette Poppenhäger.

Auf Platz zwei folgt Herbert Fritsch, dessen Arbeit Michael Laages auf eine interessante Formel bringt: „Herbert Fritsch– für die Versöhnung von Regietheater und Ensemble.“ Laages schreibt: „Gerade droht der Theaterbetrieb den Regisseur (und Bühnenbildner!) Herbert Fritsch ja geradezu zu erdrücken mit Sympathie, zuletzt mit gleich zwei Einladungen zum Theatertreffen nach Berlin. … Fritsch arbeitet atemlos, und die Gefahr ist groß, dass der Markt ihn genau so schnell verbrennen lassen wird, wie er ihn zum Hype des Jahres erkor. Aber unabhängig von all dem ist Herbert Fritsch– gerade 60 geworden am Beginn des Jahres, begabt (oder geschlagen) mit der Energie eines großen Kindes – etwas extrem Außergewöhnliches gelungen: Er hat beigetragen zur Versöhnung zwischen den oft verfeindeten Parteien von Regietheater und Ensemble. Fritsch arbeitet immer und überall, ob in Oberhausen, Halle, Schwerin, Bremen, Leipzig oder Magdeburg, nur mit den jeweiligen Haus-Ensembles, kein Gast reist mit. Und er befeuert praktisch jeden und jede in jeder Stadt mit dem unstillbaren Appetit auf Neuigkeiten, er lässt sie den Mut und die Lust am Theaterspiel wieder entdecken, was so viele schon verdrängt und vergessen hatten in den Routinen des Alltags.“

Frage 5 – Musiktheater: Calixto Bieito

Selten war so deutlich spürbar, dass viele aktuelle Entwicklungen des Sprechtheaters an der Oper (noch?) vorbeigehen. Zwar identifizieren auch die Nominierungen zur künstlerischen Leistung im Schauspiel nicht den klaren Spitzenreiter. Aber all die Tendenzen zum neuen Stadttheater können hier – auch bei Einfach- oder Doppelnennungen – an Künstlern oder Gruppen wie Karin Beier, Nuran David Calis, Nurkan Erpulat, Volker Lösch, Rimini Protokoll oder auch am Theater Baden-Baden und seinem Abiturthemenfestival Fit fürs Abi in 5 Tagen festgemacht werden. Im Musiktheater aber liegen Namen an der Spitze, wie sie seit Jahren hier auftauchen. Das ist nicht abwertend gemeint – Calixto Bieito (drei Nennungen), Dietrich Hilsdorf (zwei) oder Tilman Knabe (zwei) machen starkes Musiktheater. Aber es fehlt hier das Besondere, die Zukunftsperspektive. Oder doch nicht?

Wir schauen genauer hin: Eine Verortung der Arbeit von Calixto Bieito zwischen Kreativität und Gefährdung hat uns Dieter Stoll geschickt: „Es kann ja sein, dass sich der katalanische Provokateur in der Menge seiner Arbeiten demnächst mal selbst verfängt und die Phantasie lahmlegt. Momentan ist er für mich die sicherste Adresse für angenehme Überraschungen in der Oper. In Stuttgart, wo schon sein ,Parsifal’ neue Maßstäbe setzte, hat er die zwischen Possierlichkeit und Pop inzwischen etwas berechenbar herumkurvende Händel-Rezeption neu positioniert. In ,Trionfo del Tempo e del Disinganno‘ … hat er ein beißend scharfes, mit einem Bühnen-Karussell am Totentanz kreisendes Meisterwerk entdeckt. Eine geglückte Synthese zwischen der Radikalität des frühen Konwitschny-Händel in Halle und der amüsanten Münchner Revue-Ästhetik der Jonas-Intendanz.“.

Ein interessantes Phänomen zur aktuellen Situation der Oper bringt Andreas Falentin anlässlich der Uraufführung des „Sonntags“ aus Stockhausens Opernzyklus „Licht“ auf den Punkt, wenn er feststellt: „Herausragendes ereignet sich zur Zeit ,nur‘ durch Synergien. Wenn herausragende Künstler und Kollektive am ,richtigen‘ Ort von der ,richtigen‘ Leitung das ,richtige‘ Material in die Hand bekommen…, dann geht was. Wo nicht neu und innovativ, so doch zumindest auf- und/oder anregend. So geschehen m.E. zuletzt in Köln mit ,Sonntag aus Licht‘ und an der Oper Frankfurt mit ,Murder in the Cathedral‘“ Also statt der Oper der „großen Regisseure“ jetzt, wie im Schauspiel, ein Musiktheater der Teams und Konzepte? Und der jüngeren Künstler, die noch nicht durchgesetzt sind? So wäre zu erklären, dass mehrere Autoren unter Oper tatsächlich Teams oder Institutionen benennen: das Stadttheater Gießen (Wilhelm Roth); das „Gespann“ Cornelius Meister (Generalmusikdirektor) und Joscha Schaback (Opern-Direktor) am Heidelberger Theater (Volker Oesterreich); oder den Operndirektor Matthias Kaiser am Theater Ulm (Manfred Jahnke), die Junge Oper Hannover (Jens Fischer). Und dass auffällig oft Produktionen zeitgenössischer Komponisten benannt werden, die als Gesamtprojekt überzeugen (Stockhausen, Georg Friedrich Haas, Luigi Nono, Aribert Reimann, Wolfgang Rihm, Salvatore Sciarrino, Ludger Vollmer). 13 der insgesamt 33 Voten in dieser Kategorie weisen in diese Richtung, dazu kommen Stimmen für jüngere Regisseure wie Tilman Knabe („…hat in Mannheim aus Wagners ,Lohengrin‘ einen spannenden Politthriller gemacht“, Joachim Lange), Eva-Maria Höckmayr („…ihr Freiburger ,Otello‘ verrät hohe Werkkenntnis, Leidenschaftlichkeit und Musikalität.“, Alexander Dick) oder Benedikt von Peter („Nonos ,Intolleranza 1960‘ an der Staatsoper Hannover: Die Zuschauer füllen die Bühne, werden durchs Geschehen getrieben– packender und direkter geht nicht mehr.“, Andreas Berger).

Das erinnert an die Situation im Schauspiel vor einigen Jahren (Zeit des Suchens überschrieben wir die Umfrage 2006). So wagen wir jetzt die Prognose: Die nächsten Jahre werden spannend in der Oper– auch deshalb, weil es darum geht, den Anschluss an das zeitgenössische, mit gesellschaftlichen Themen aufgeladene Theater zu halten. Darin kann man durchaus eine Überlebensfrage sehen.

Frage 6 – Tanz: Wim Wenders, Eric Gauthier

Schon immer war diese Kategorie besonders lebendig. Aber dass sich hier kein Choreograf, sondern ein Filmregisseur an die Spitze setzt – das hatten wir nun wirklich noch nie. Es ergibt sich aber folgerichtig aus der Formulierung unserer Frage, die ja nach der zeitgemäßen Entwicklung und Wahrnehmung des Tanzes fragt. Konsequenterweise nennen hier vier Autoren Wim Wenders’ Film „Pina“, „weil er der Erfinderin einer neuen Kunst ein filmisches Denkmal setzt“, wie Juliane Sattler-Iffert schreibt. „Der 3 D-Film des innovativen Regisseurs collagiert Facetten des Wuppertaler Tanztheaters von Pina Bausch mit Por­trät­haf­tem, erzählt von Tanz und Tänzern und vor allem von der Choreografin Pina, die 2009 gestorben ist. Lebendiger und berauschender kann Tanz nicht bewahrt werden.“ Das beschert uns ein selten deutliches Ergebnis und einen erfrischenden Kontrast zum Konkurrenten mit gleichhoher Stimmenzahl: Neben drei weiteren Autoren plädiert Manfred Jahnke für „Eric Gauthier mit Gauthier Dance / Dance Company am Theaterhaus Stuttgart und in Kooperation mit der Schauburg München. Dass Humor, choreografische Intelligenz und die Beherrschung des klassischen Tanzes wie Modern Dance zusammengehen können, das beweist Eric Gauthier in jeder seiner Choreografien.“ Und bei den Doppelnennungen ergibt sich ein buntes Feld von Stars wie Sasha Waltz & Guests, Sidi Larbi Cherkaoui oder Marco Goecke bis zu engagierten Stadttheater-Künstlern wie Goyo Montero am Opernhaus Nürnberg oder Gregor Zöllig am Theater Bielefeld mit dem Zeitsprung-Projekt, „das die Heranführung neuer Publikumsschichten an den Tanz via Selbertanzen stärkt“ (Andreas Berger).

Frage 7 – Ausstattung: Viele Namen, keine Sieger

Hier das Team des „Sonntags“ aus „Licht“, Bettina Meyer oder Katrin Brack zum Sieger auszurufen – dazu erscheint uns das knappe Ergebnis von je zwei Nennungen zu dünn. Besonders schön fanden wir aber Volker Oesterreichs Plädoyer für „das gesamte Team der Zeremonienmeister bei der Prinzenhochzeit in London: Kostbare Requisiten, aufwändige Kostüme und eine riesige, zum Teil berittene Statisterie haben dazu beigetragen, Edelkitsch zur Kunst zu adeln.“ Leider wollte sich dieser Entscheidung niemand anschließen. Trotzdem gibt es auch hier aufschlussreiche Begründungen: Hartmut Krugs ziemlich ambivalentes Votum für (oder gegen?) Katrin Brack beispielsweise: „Habe keinen Beitrag von Nachhaltigkeit entdeckt, sondern eine Entwicklung, die ich als ,Brackisierung der Bühnenbildlandschaft‘ bezeichnen würde. Also Bühnenbilder, die aus einem einzigen, variierten Grundeinfall geboren sind und mit ihm das Stück erklären und den Darstellern Stehräume bieten, statt sich auf die unterschiedlichen Anforderungen von Stücken wirklich einzulassen.“ Oder Andreas Falentins Hinweis auf den niederländischen Licht-Raum-Forscher Edwin van der Heide mit seinen Laserbildern in „Death Fragments – Büchner, 23 Years old“ in Bielefeld: „Wie er mit seinen beweglichen Laserflächen und -rastern komplette Theaterräume neu erfindet, ist sensationell. Dieses kostspielige und aufwendige Mittel – in den 90ern kurzzeitig schon mal auf viel niedrigerem Niveau en vogue– könnte prägend werden, wenn es auch andere so virtuos und sensibel zu handhaben verstehen wie van der Heide.“

Hier deutet sich eine Aufwertung und Differenzierung der Kategorie Bühne/Kostüme/Raum an, die für die Ästhetik des Theaters immer prägender wird. Dabei weisen unsere Autoren auf Aspekte wie „On-location“-Inszenierungen ebenso hin wie auf die rasante Entwicklungen von Licht und Video. Vor diesem Hintergrund können Regie, Bühne, Kostüme, Licht und Video oft kaum noch isoliert voneinander betrachtet werden, so dass einige Autoren in dieser Kategorie sogar Regisseure nennen und umgekehrt bestimmte Bühnenbild-Teams als prägend für eine Reihe von Inszenierungen wahrnehmen.

Frage 8 – Enttäuschung: Nicht nur Kulturpolitik

Natürlich: die Kulturpolitik bleibt das Ärgernis. Aber Joachim Lange schlägt einen eleganten Bogen zur Benennung dessen, was in den Theatern schief läuft: „Es ist müßig, über die mangelnde Kompetenz der Politik im Umgang mit der Hochkultur zu lamentieren. Daran hat sich nichts geändert. Es gibt aber auch im Kulturbereich selbst Tendenzen, die auf lange Sicht kontraproduktiv wirken. Dazu gehört ein … wachsendes Ausweichen auch großer Häuser vor den Herausforderungen eigener Neuproduktionen auf Koproduktionen, Übernahmen und konzertante Aufführungen. Was kurzfristig eine ökonomische Entlastung bringt, geht langfristig zulasten der künstlerischen Substanz.“ Christian Strehk, wie Joachim Lange ein Autor, der primär die Oper beobachtet, zielt in eine ähnliche Richtung: An vielen Häusern sei „das künstlerische Wagnis ein seltenes Pflänzchen geworden“. Deshalb werde „allerorten mit populären Werken in kunstgewerblich soliden Insze­nierungen das Publikum in eine Art Theatermuseum gelockt“.

Ein Grund solcher Stagnationen könnten Entwicklungen sein, die Hartmut Krug und Volker Oesterreich benennen. Krug moniert, dass zu den reisenden Star-Schauspielern die reisenden Star-Regisseure gekommen seien: „Jedem Theater seinen Kimmig oder Kriegenburg, oder, wie in Berlin, Thalheimer sowohl am Deutschen Theater wie an der Schaubühne. Promi-Theater statt Theater-Profil. Und dann die Hektik, in der angesagte Regisseure derzeit arbeiten: Manche inszenieren zugleich zwei Inszenierungen in zwei Städten in einem Monat. Das merkt man ihren Arbeiten auch an.“ Oesterreich sieht eine Tendenz, „aus Kostengründen junge Schauspieler frisch von den Schauspielschulen weg zu engagieren und sie schon nach ein, zwei Spielzeiten nicht mehr zu verlängern. Wer Qualität will, muss sie aufbauen, pflegen und stetig weiterentwickeln. Ein mühsames, aber langfristig lohnendes Konzept, das leider immer mehr in Vergessenheit gerät.“

Über den Autor

Der Einleitungsessay stammt von Detlef Brandenburg, seit Oktober 1996 Chefredakteur der Deutschen Bühne. Er ist vor allem im Musiktheater, aber auch im Schauspiel unterwegs.

Weitere Artikel dieses Schwerpunktes im Heft

  • Die erste Spielzeit von Ulrike Hessler an der Dresdner Semperoper
  • Der Drang in die Stadt: Theater von Bremerhaven bis Oldenburg
  • Die erste Spielzeit von Michael Grosse in Krefeld/Mönchengladbach
  • Stuttgart 21: Theater und öffentliche Intervention
  • Die erste Spielzeit von Jürgen Flimm an der Berliner Lindenoper
  • Polyglotte Regie: Wie verändern ausländische Regisseure die Sprache im Schauspiel?