Szene aus Falk Richters "Fear"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne

Szene aus Falk Richters "Fear"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne

© Foto: Barbara Braun/drama-berlin.de
Leseprobe

Rechtsdruck

von Jens Fischer

Flüchtlingsströme, Verlustängste, brauner Shitstorm: Was bedeutet dieses Klima fürs Theater?

Mehr zum Schwerpunkt im Maiheft der Deutschen Bühne:

  • „Wir müssen unübersehbar werden“: Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, über das Theater als Freiraum der Demokratie
  • Heimatkunst: Über den Kunst- und Kulturbegriff der AfD
  • Angstfrei gegen die Angst: Der Regisseur Volker Lösch über ein Theater der Einmischung und Bedrohungen von rechts
  • Münchner Shitstorm: Die Münchner Kammerspiele im Antipathieklima
  • „Wir sind naziphob“: Der Mainzer Intendant Markus Müller über ein musikalisches Statement, das hohe Wellen schlug
  • Wir sind die anderen: Dresdner Staatsschauspiel – Wie macht man Theater in der Pegida-Hauptstadt?
  • Die Frage nach dem WIR: Der Regisseur Robert Schuster fordert Theater, das Gemeinschaft generiert
  • Was tun? Bibiana Beglau und andere Theatermacher über die Lage der Bühnen in ungemütlichen Zeiten

"DREI MAL AUF HOLZ KLOPFEN"

Scheu weggeduckt? Eingeschüchtert durch verbal, physisch, juristisch formulierte Aggression? Von Anfeindungen in Leserbriefspalten, direkten Beschimpfungen, Shitstürmen im Internet? Angst vor rechter Gewalt? Gar Panik? Pogromstimmung? „So weit ist es Gott sei Dank bei uns noch nicht“, heißt es im Deutschen Theater in Göttingen. „Nein, alles nein. Das verwundert uns selber“, sagt Christian Schwandt, geschäftsführender Direktor des Theaters Lübeck, geradezu stellvertretend für die deutschen Theater. Wirklich nichts, rein gar nichts Derartiges sei bisher passiert, toi, toi, toi, drei Mal auf Holz klopfen, Hut ab vor unserer Stadt – so loben bundesweit Sprecher der Stadttheaterzunft. Andernorts möchte man namentlich nicht zitiert werden, meint aber: „Die Rechten haben eine große Klappe, und zum Glück ist nichts dahinter.“

Angriffen mit alten Symbolen und neuen Parolen ist die absolute Mehrheit der Bühnen Deutschlands nicht ausgesetzt. Das ergab unsere von der Ost- bis zum Bodensee, von Cottbus bis Saarbrücken reichende Umfrage an den Gralsstätten der dramatischen Kunst. Alle von uns recherchierten Gegenbeispiele scheinen nicht Beweise der allmählichen Verfertigung eines Kulturkampfes zu sein, sondern eher Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Es ist auch nicht so, dass Konflikte kleinlaut gehalten werden und Stillschweigen vereinbart ist – um eine Gewaltspirale gar nicht erst zu befeuern. Kommt es wirklich mal zu rechtsradikalen Attacken, werden damit meist auch die multimedialen Verbreitungsmechanismen gefüttert.

„Unsere Rechtspopulisten scheinen eher der bildungsfernen Klientel zuzuordnen zu sein?… und jene, die dem Bildungsbürgertum zuzuordnen sind, scheinen sich nicht outen zu wollen“, ist aus Bamberg zu hören. Und auch in Regensburg heißt es: „Die Rechten gehen uns einfach aus dem Weg.“ Ob das für die Theater spricht oder gegen sie? Das fragen sich einige Bühnen. Zu Unrecht. Anschlagziel zu werden kann nicht Aufgabe der Kunst sein. Angriffsflächen zu bieten dagegen schon. Und da herrscht kein Mangel. Uns ist jedenfalls kein Theater aufgefallen, das sich nicht deutlich für Weltoffenheit, Toleranz, Respekt und so weiter positioniert, das nicht klar für Flüchtlinge Partei genommen hat. Das geschieht allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Hier ein Banner gegen Fremdenfeindlichkeit, dort ein „Refugees welcome“-Poster, überall Einladungen an Flüchtlinge. Ob Nathan seine Lessing-Weisheit ausspielt, Arthur Millers „Hexenjagd“ als Stück über Xenophobie neu gesehen oder gleich mit Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ im Repertoire aufgetrumpft wird: Die für den gesellschaftlichen Frieden gerade explosiven, von den geistigen Brandstiftern der hetzenden Neurechten aggressiv besetzten Themen Flucht, Religion und Integration sind auf den Bühnen präsent, in den Rahmenprogrammen und Gesprächsangeboten sowieso.

Das Publikum zeigt sich meist bürgerlich vorschriftsmäßig aufgeklärt und den Rechtspopulisten gegenüber abgeklärt verschlossen. Mehr ein Ohneeinander statt ein Gegeneinander. Wenn Theater gegen rechts aktiv werden, muss es auch nicht gleich so enden wie in Mainz (siehe Artikel auf Seite 64): Als eine Abordnung des Schauspiels Hannover den vorletzten AfD-Bundesparteitag besuchte und die „Ode an die Freude“ intonierte, guckten die Delegierten amüsiert irritiert – und gingen einfach weiter. So weit die Tendenz: Kunst zeigt Flagge, Andersdenkende packen ihre Ignoranz in Watte. Wenn man mal die Deutschlandkarte rechter Aktivitäten mit den vereinzelten Attacken auf Theater vergleicht, sind keine auffälligen Korrelationen festzustellen – Ausnahme: Dresden.
 
Theatermacher haben auch schnell gelernt. Wer Flüchtlingskinder einlädt, der lädt auch gleich den Nachwuchs von Hartz-IV-Empfängern ein – um Sozialneid à la „Was ist mit unseren deutschen Kindern“ gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wie in Vorpommern, wo der Theatersprecher „glücklicherweise“ auch nur von zwei Begegnungen mit der „mickrigen Rechten“ zu berichten weiß: Bei einer Ehrenamtsbörse habe eine Frau „Begrüßungsgeld für arische Babys“ gefordert. Zudem wurde auf einem Parkverbotsschild vorm Haus mal ein Aufkleber gesichtet, „auf dem stand in Nazischrift: ,Merkel muss weg‘“.  
 
Was ist sonst passiert? In Cottbus wurde ein Aufsteller erst beschmiert und später zerfetzt. „Verweile doch! – Akzeptanz Toleranz Hilfsbereitschaft“ stand darauf. Im Volkstheater Rostock musste ein AfD-Button von einer Tür entfernt werden. In Schwerin hat man einen Aufmarschplatz der Rechten zwar vor der Haustür, aber keine Zwischenfälle zu vermelden. „Die Stadtratsfraktion Pro Chemnitz, eindeutig rechts orientiert, schießt in Abständen gegen das Theater im Sinne von Verschleuderung von Steuergeldern, aber dies hält sich in Grenzen“, ist aus der ehemaligen Karl-Marx-Stadt zu hören. In Regensburg empörte sich mal eine Stromkundin beim Energieversorger der Stadt, dass dieser als Theatersponsor ein Konzert von Geflüchteten mit unterstützt hatte. Auch in Magdeburg: keine Zwischenrufe von rechts, sondern Gesprächsangebote an alle. Ausgrenzen sei sinnlos, schaffe nur Märtyrertum, deswegen werde ab der nächsten Saison auch die AfD in den Politischen Salon eingeladen, um mit einer Rechtsextremismusexpertin des MDR zu diskutieren, heißt es. Nur einmal musste das Theater gegen rechte Hetze einen offenen Brief aufsetzen. Aber nicht weil es selbst, sondern weil ein Mitglied des Theaterausschusses attackiert wurde, das sich als Grünen-Politiker stark für Flüchtlinge engagiert. „Volksverräter Sören Herbst“ und ein Männchen am Galgen wurden an sein Haus und sein Lieblings-Café gesprayt.

In Oldenburg schmuggelte mal jemand rechtsradikale Pamphlete als Beilage in die offen im Foyer ausliegenden Spielplan-Leporellos. Das Theater reagierte mit einer Anzeige gegen unbekannt. Für die Produktion „2099“ wurden in Dortmund einige Vertreter der rechten Szene im Straßenraum gefilmt, woraufhin diese den Theatermachern drohten – allerdings folgenlos. „In diesem Fall hatten wir Kontakt zum Staatsschutz, auch wegen unserer Ausstellung eines Comics über die rechte Szene“, sagt Pressesprecherin Djamak Homayoun. Das Engagement geht weiter. Als städtische Gesellschaft unterliegen Theater zwar der „Neutralitätspflicht“, daher beteiligen sie sich mit Kunstaktionen an Anti-Nazi-Demos. Zur „künstlerisch-performativen Aktion“ erklärte auch das Staatstheater Stuttgart ein Regenbogenbanner mit der Aufschrift „Vielfalt“, das gerade an dem Tag an die Oper gehängt wurde, an dem auf dem Vorplatz Tausende Christlich-Konservative und Rechte gegen die Gleichbehandlung der Ehe für Homosexuelle protestierten. In Essen gab es den umgekehrten Fall: ein Problem mit links. Neben dem Grillo-Theater marschiert gern ein Pegida-Ableger auf, woraufhin Kritik laut wurde, man dürfe nicht einfach drinnen „ungerührt Brecht“ proben, „während direkt vor dem Theater der braune Mob“ skandiere. Das sehen die Verantwortlichen anders. Man habe die Proben extra später angesetzt, um den Beteiligten die Möglichkeit zu geben, privat an der Gegendemonstration teilnehmen zu können. Das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit müsse genauso gewahrt bleiben wie die Kunstfreiheit, sich nicht den Spiel- und Probeplan diktieren zu lassen. Sehr skurril fand man hingegen die Postkarte eines Ballettbesuchers, der fragte: „Gibt es mit den Theaterkarten kostenlose Taxigutscheine, da man wegen der vielen Ausländer in Essen nicht mehr in der Straßenbahn fahren kann?“ Das Theater entgegnete, das vom Fragesteller geschätzte Tanzensem­ble bestehe zu 98 Prozent aus Ausländern und nutze auch die Straßenbahn.

Unangenehm wurde es allerdings in Berlin. „Seit der Premiere am 25. Oktober 2015 erreichten die Schaubühne vermehrt Zuschriften und Anrufe, die die Produktion ,Fear‘ von Falk Richter angreifen: zum Teil in Form von Gewalt- und Morddrohungen. Auch Graffiti wurde vor den Eingang des Theaters geschmiert, und es kam zu Störungen von Vorstellungen.“ So die Pressemitteilung. Worum dreht sich die rechte Aufregung? Richters Inszenierung erzählt von wohlanständigen Bürgern, die sich in ihren Wohlfühloasen um ihre yoga-wohlige Urban-Gardening-Ruhe sorgen; sie spüren geradezu Ekel vor dem erwachenden Neonazitum – und müssen sich selbst Fremdangst diagnostizieren, was eigentlich verpönt ist. Und so wird ihr Hass gleich doppelt motiviert auf die rechten Zombies auf der Bühne: Sie tragen die Gesichter von Massenmördern wie Anders Breivik, aber auch Pegida-Hetzrednern und der NSU-Zschäpe. Dazwischen tauchen Porträts auf von Beatrix von Storch (AfD) und der erzreaktionären Familienpolitikerin Hedwig von Beverfoerde (CDU). In diesem Kontext platziert sahen beide ihre Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde verletzt. Sie klagten. Das Gericht aber bestätigte die Argumentation des Schaubühnen-Anwalts, eine politisch Stellung beziehende Kunst müsse auch politisch Verantwortliche nennen und zeigen dürfen. „Fear“ wird unzensiert weitergespielt. Ebenso wie in Potsdam das Dokutheaterstück „Illegale Helfer“, das die AfD gern abgesetzt hätte. Es handelt von Menschen, die aus moralischer Überzeugung auch gegen Gesetze verstoßen, damit Verfolgte ihre Flucht nach Europa überleben. „Hans Otto Theater feiert Gesetzesbrecher“, empörte sich die AfD-Stadtratsfraktion und erklärte, sie lehne „die Aufführung von Theaterstücken, in denen Gesetzesbrüche honoriert und für gut befunden werden, kategorisch ab“.

Womit viele der bei der AfD so beliebten Klassiker unaufführbar wären, denn in welchem Shakespeare- oder Schiller-Drama werden Gesetzesbrüche nicht auch honoriert? Theater ist ja ein Möglichkeitsraum, sich mit Fragen mal jenseits alltäglicher Denkschablonen auseinanderzusetzen. Was die rechtsextreme Identitäre Bewegung nicht so sieht. Gegen eine Aufführung der Jelinek’schen „Schutzbefohlenen“ kletterten fünf ihrer Vertreter aufs Dach des Wiener Burgtheaters, enthüllten ein Transparent mit der Aufschrift „Heuchler“ und ließen als weitere Umweltverschmutzungsaktion Flugblätter regnen. Zuvor war bereits eine Produktion des Stücks im Audimax der Uni Wien mit ebensolchen Transparenten gestürmt worden, woraufhin es laut Standard „zu tumultartigen Szenen (kam), als Besucher versuchten, die Eindringlinge von der Bühne zu drängen“.

Als einzig wirklicher Kriegsschauplatz galt bisher Dresden, vor allem die Semperoper, die Pegida als schmucke Kulisse für ihre montäglichen Aufmärsche diente. „Es gab Pöbeleien gegen Mitarbeiter“, bestätigt Susanne Springer, Leitung Kommunikation und Marketing, „und es gab eine große Verunsicherung, so haben wir an Tagen der Pegida-Versammlungen die Ballettproben bereits um 18 Uhr beendet, um den Mitgliedern unserer Company einen ungestörten Heimweg zu ermöglichen.“ Auch scheuten Besucher, durch die völkisch dumpfe Masse das Opernfoyer zu erreichen, um auch dort noch die Schlachtrufe von draußen hören zu müssen. „Massiv waren die Pro­bleme im Herbst und Winter 2015“, so Springer. Das war die Zeit, als es auch heftige Ausschreitungen bei den Demos gab. Die Semperoper wurde mit Parolen zur unantastbaren Menschenwürde und für ein weltoffenes Dresden geflaggt. Aus dem künstlerischen Team fanden sich viele, die per Videobotschaft vom Portal herab Stellung bezogen. Auch bat das Ensemble in einem Offenen Brief, den Ort des Pegida-Aufmarsches zu verlegen.

Seit Ende März ist das der Fall, Pegida ist nun auf dem Neu- oder Altmarkt anzutreffen. Zeichnet sich trotzdem ein Nachfragerückgang ab? Ein gefühlter, betont Springer. Vor Pegida hätte man die Repertoirehits gefühlt zweimal ausverkaufen können, jetzt entspreche die Nachfrage den 1309 verfügbaren Plätzen. Und ja, es habe auch Stornierungen aus Japan gegeben, weil dort eine Reisewarnung fürs terroristisch verseuchte Europa ausgesprochen wurde. Im Herbst sei eine „kleine Delle“ im Kartenverkauf festzustellen gewesen. Die Auslastung lag in den Monaten Oktober bis Dezember 2015 bei 93,01 Prozent (2014: 95,63 Prozent).

In der Saisonbilanz sei aber kein statistisch messbarer Besucherrückgang zu konstatieren, denn von Januar bis April 2016 stieg die Auslastung auf 93,91 Prozent (2015: 88,38 Prozent). Auch der überregionale und internationale Touristenzustrom nehme 2016 in Dresden wieder zu. Springer: „Die Situation hat sich sehr gut erholt, ist entspannt.“