Moritz Eggerts „Dr. Popels fiese Falle“, inszeniert von Michael Sturm, kam 2007 in der Reihe  „Opera piccola“ der Hamburger Staatsoper auf Kampnagel heraus

Moritz Eggerts „Dr. Popels fiese Falle“, inszeniert von Michael Sturm, kam 2007 in der Reihe „Opera piccola“ der Hamburger Staatsoper auf Kampnagel heraus

© Foto: Brinkhoff?/?Mögenburg, Hamburg
Leseprobe

Neue Musik für junge Ohren

Mehr zum Schwerpunkt “Neue Musik für junge Ohren” im Maiheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Beglückende Erfahrung: Die Sängerin Christina Sidak über ihre Arbeit für ein junges Publikum
  • Inszenierungsvergleich: Das Stück der Stunde im jungen Musiktheater: „Gold“ in Dortmund, Hagen und Stuttgart
  • Wie reagieren Kinder auf Musik? Elena Tzavara, Leiterin der Jungen Oper Stuttgart: Hören sollte eine Herausforderung sein
  • Musik und Szene: Die Regisseurin Jasmin Solfaghari über ihre Arbeit
  • Arbeitsgespräch: Die Oper „Geisterritter“: der Kompo­nist James Reynolds, der Regisseur Erik Petersen und der Bonner Operndirektor Andreas K. W. Meyer diskutieren
  • Collagen: Die Schüler der Hamburger Brecht-Schule kommentieren ihre Collagen zum Thema Oper

Seid bloß nicht langweilig! Ein Plädoyer für ein Musiktheater, das Kinder nicht zu etwas erziehen, sondern sie durch die Musik begeistern will

Viele Menschen werden sich in diesem Heft darüber Gedanken machen, wie Musiktheater für Kinder auszusehen hat. Dabei wird eines gerne vergessen: Kinder sind keine Versuchskaninchen. Sie sind Kinder.

Es geht nicht darum, neue ästhetische Positionen an Kindern auszuprobieren. Macht das lieber mit Theaterwissenschaftlern und Kritikern, Letztere können sich wenigstens wehren, wenn’s ein Scheiß ist.

Es geht auch nicht darum, Kinder für „neue Klänge“ zu konditionieren (eines der schlimmsten Dogmen der neuen Musik, dass es irgendwie gefährlich für Kinder sein könnte, tonale Lieder zu singen, deren Melodie man sich tatsächlich merken kann und die keinem „Konzept“ folgen). Es geht auch nicht darum, ihre große Offenheit und Unverbildetheit dafür zu verwenden, sie mit den aktuellen musikalischen Richtlinien zu indoktrinieren. Kinder von heute wachsen in einer Welt auf, in der unzählige Menschen ständig versuchen, ihnen zu erklären, wie sie ihr Leben zu leben haben, was sie gut und was sie schlecht finden sollen. Sie brauchen gegen diese ständige Bevormundung (die mit zunehmendem Alter zunimmt) den Freiraum der Phantasie und der eigenen Individualität. Und nichts ist schneller passé als die ästhetische Diskussion von heute.

Merkt euch dies, ihr Theaterpädagogen, Musikpädagogen, Dramaturgen: Wenn ein kleines Kind euer ambitioniertes Kinderstück mit auf dem Steg kratzenden Streichern, hechelnden Sängern und quietschenden Multiphonics langweilig findet und laut in die Vorstellung hineinredet, heißt dies nicht notwendigerweise, dass dieses Kind ungebildet oder von der modernen Mediengesellschaft verdorben ist, sondern es heißt, dass sich dieses Kind schlicht und einfach frei fühlt und dieser Freiheit durch Unaufmerksamkeit Ausdruck verleiht. Vielleicht hat es gemerkt, dass ihr es allzu gut meint mit euren pädagogischen Bemühungen, und es verspürt ein gewisses Bestreben, sich dem zu widersetzen. Vielleicht hat es sich – quelle horreur – schlicht und einfach?… ge­langweilt.

Mich erstaunt immer wieder, dass diejenigen, die heute Musiktheater für Kinder machen, sich nicht wesentlich öfter befragen, was sie selber als Kinder gut und nicht langweilig fanden. Das wäre nämlich sehr heilsam. Ich kann mich daran sehr gut erinnern. Im Grunde war ich das Versuchskaninchen par excellence, denn ich wuchs als Sohn einer Theaterfotografin als richtiges Theaterkind auf. Wahrscheinlich hat kaum ein Kind so viele Kinderstücke im Theater gesehen wie ich. Ich habe alles gesehen: Ambitioniertes, Misslungenes, Poetisches, Albernes, Ödes, Aufregendes. Und wisst ihr, was mir dabei als Kind das Wichtigste war, was mich am meisten beeindruckte? Das waren die Stücke, die mich als Kind ernst nahmen, die nicht zu mir herabschauten oder mich zu belehren versuchten.

Am schlimmsten fand ich damals die heruntergebrochenen Stücke für Erwachsene, Simpel-Versionen von „Zauberflöte“ und Ähnliches, da ja schon das Original im besten Sinne kindlich ist und von Kindern problemlos verstanden werden kann. Aber auch die Experimentierstücke nervten. Ich merkte sofort, wenn mich irgendjemand belehren wollte oder es allzu gut meinte.

Ich kann auch aus der Erinnerung sagen, welches Stück mir das liebste war, nämlich gar kein Kinderstück, sondern die „Dreigroschenoper“. Ich kann mich erinnern, wie ich schon als Fünfjähriger fasziniert vor dem Plattenspieler saß und Lotte Len­ya zuhörte, wie sie von Bordellen und Kriminellen sang. „Und dann sage ich: Kopf ab!“, war für mich das Allergrößte, denn eine solche Zeile entspricht genau der kindlichen und letztlich unschuldigen Anar­chie, die wir alle zu schnell vergessen, wenn wir später autoritätenhörig und kleingeistig vor uns hin wurschteln.

Zudem hat die „Dreigroschenoper“ drei ganz wichtige Aspekte, die auch zu meiner Liebe beitrugen:
a) Sie hat kurze, phantastisch komponierte Songs, die man gerne immer wieder hören wollte und die genau der kindlichen Aufmerksamkeitsspanne entsprachen (die immer von einer gewissen Ungeduld geprägt ist).
b) Sie war in der Handlung total verständlich (obwohl mir natürlich als Kind die ganzen sexuellen und politischen Nuancen komplett entgingen).
c) Sie war nicht langweilig.

Gerade letzterer Aspekt wird bei manchem bemühten „würdigen“ Musiktheater für Kinder immer gerne vergessen: Oft ist es einfach langweilig. Es ist keine schlechte Angewohnheit von Kindern, sich schnell zu langweilen und nicht stillzusitzen, nein, es sind GUTE Eigenschaften. Die Evolution hat Kindern eine ganz wichtige Eigenschaft mitgegeben: eine unersättliche Neugier. Das bedeutet einerseits, dass man Kinder für so ziemlich alles sehr schnell begeistern kann, aber auch, dass Kinder wahnsinnig schnell merken, wenn sie mit immer demselben Kram belehrt werden sollen. Sie suchen dann das Neue, denn Gott sei Dank sind sie unersättlich, wenn es um spielerische Erfahrungen geht.

Deswegen lieben Kinder Grand Guignol, sie lieben Jahrmärkte und Zirkusse, Verrücktheiten, Anarchie, Albernheit. Sie erleben all diese Dinge mit großem Zauber. Ja, natürlich wollen sie (wie Neue-Deutsche-Welle-Markus sang) Spaß, aber ist das das Schlechteste in einer Welt, die Spaß nur noch als Mittel kennt, um damit Geld zu machen? Kinder denken noch nicht in Wert und Gegenwert, in Investition und Rendite. Sie leben für den Moment, und sie lieben Freude, Spiel und Spaß. Das finde ich wunderbar.

Die kindliche Sehnsucht nach Spaß ist keineswegs so abgefuckt wie das, was Animateure in einem Ferienclub so treiben. Sie ist auch nicht so abgefuckt wie der ganze Kinderkommerz, dieser ganze Bi-bi-ga-ga-gu-gu-Scheiß, der unsere Kinderzimmer vermüllt und letztlich nichts als kapitalistische Indoktrination ist (und die ist noch viel schlimmer als die „gut gemeinte“ Indoktrination durch Neue-Musik-mit-großem-N-Fuzzis). Für Erwachsene ist „Spaß“ eine flüchtige, oft leider irgendwie traurige und fremdgesteuerte Unternehmung, wogegen er für Kinder ein Ausdruck reiner und Gott sei Dank ungebändigter Lebensfreude ist. Das müssen wir ernst nehmen, es ist ein Geschenk.
Wir sollten nicht vergessen, dass genau dieser Spaß an der Performance genau das sein wird, was Kinder später zu begeisterten Operngängern machen wird. Und ist es nicht das, was wir letztlich wollen? Ihnen den Zauber vermitteln, der uns selber diesen wilden Raum der Bühne und der Imagination mit Namen „Oper“ so lieben lässt, trotz seiner fortwährenden Unmöglichkeit?

Es gab auch Kinderstücke, die mir gefielen damals, aber das waren zu einer Zeit mit sehr wenig Musiktheater für Kinder (es waren die grauen 1980er-Jahre) vor allem die wunderbaren Stücke des großen und leider viel zu früh verstorbenen F. K. Waechter. In diesen Stücken fühlte ich mich als Kind nie belehrt, sondern stets ernst genommen. Stücke wie „Schule mit Clowns“ oder „Kiebich und Dutz“ waren voller Anar­chie, Witz, schräger Situationen und für Erwachsene wie Kinder gleichermaßen unterhaltsam. Diese Stücke liebte ich, weil F. K. Waechter nie sein eigenes Kind in sich vergessen hatte, deswegen waren sie wahrhaftig und authentisch.

Das ist vielleicht ohnehin das Geheimnis guten Musiktheaters für Kinder – es müssen nicht speziell Stücke für Kinder sein, die wir machen, sondern Stücke, die sowohl Erwachsenen als auch Kindern Spaß machen können.

All diese Gedanken leiten mich beim eigenen Komponieren für Kinder. Als ich meine erste Oper für Kinder schrieb, „Dr. Popels fiese Falle“, kamen alle möglichen Leute, die mir sagten, wie dieses Stück zu sein habe. Dem damaligen Intendanten war der Titel „zu unanständig“, er wollte ihn verbieten. Pädagogisch solle es sein, das Elitejugendorchester des Frankfurter Vorzeigegymnasiums möglichst gut zur Geltung bringen. All dies belastete mich – ich musste mich künstlerisch davon befreien.

Daher tauchen in dem Stück ich und die Librettistin Andrea Heuser selber als (böse) Figuren auf, die den Kindern vorschreiben wollen, wie die Oper zu klingen hat. Als fieser „Doktor Popel“ will ich im Stück die Kinder in willige Untertanen verwandeln, um mich von ihrem Popel zu ernähren. Die Handlung des Stückes ist zuerst die komplette Unterdrückung der Kinder durch Komponist und Librettistin, dann deren zunehmende Befreiung bis hin zur Revolution und Selbstbestimmung. All dies natürlich spielerisch und möglichst lustig und abwechslungsreich.

Da meine Furcht groß war, dass im Orchester alleine die bravsten Schüler im Sonntagskleidchen sitzen würden, schrieb ich zur Orchesterpartie noch eine Partie für „Geräuschorchester“, in dem auch die Kinder mitmachen konnten, die weder Noten lesen noch ein Instrument spielen konnten. Dieses Geräuschorchester – nie perfekt zusammen und oft unverhofft in die Szene rumpelnd – war eine meiner größten Freuden bei diesem Stück und machte auch dem (Kinder-)Publikum großen Spaß. Denn es wurde auf Töpfen und Müllei­merdeckeln musiziert, gehämmert, gebohrt und gequietscht. Die Erwachsenen dagegen hatten große Angst, dass sich die Kinder irgendwie verletzen könnten.

Das Stück war in der Inszenierung von Aurelia Eggers damals ein großer Erfolg, dennoch wurde es bisher leider nur ein einziges Mal nachgespielt (in Hamburg), vielleicht, weil zu viel Anarchie im Opernhaus bedrohlich wirkt. Aber nach wie vor entspricht dieses Stück dem, was ich gerne als Musiktheater für Kinder schreiben möchte.

Und daher mache ich einfach weiter, denn auch beim Komponieren leitet mich die kindliche Freude am Exzess, an der Übertreibung, an schrillen Klängen, an Ungehorsam und an Exzentrik. Ich bin wie ein Kind: Ich will Spaß. Denn Spaß zu haben, heißt: dem Leben zu­gewandt sein, das Leben an sich feiern. Spaß und tiefgründige Inhalte – das ist keineswegs ein Widerspruch, auch wenn wir Deutschen das gerne vergessen.

Und für diese Sehnsucht nach Spaß schäme ich mich nicht im Geringsten. Denn wenn es mir selber Spaß macht, steigt die Chance, dass es auch einem Publikum Spaß bereiten könnte.

Über den Autor

Moritz Eggert ist einer der vielseitigsten Künstler der neuen Musik. Als Komponist experimentiert er mit unterschiedlichen Musik­stilen. Außerdem ist er als Pianist, Sänger, Dirigent und Performer tätig und betreibt für die Neue Musikzeitung den Bad Blog of Musick.