Kritik in der Provinz

Kritik in der Provinz

© Foto: Almut Moritz (Collage), Tobias Kruse und Luisa Reisinger (Fotos)
Leseprobe

Kritik in der Provinz

von Detlef Brandenburg

Mehr zum Schwerpunkt “Kritik in der Provinz” im Oktoberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Schwester der Aufklärung: Der Schauspieler Udo Samel über Theater und Kritik
  • Interview: Krise und Rolle der Kritik am Schleswig-Holsteinischen Landestheater
  • Mit rheinischem Optimismus: Wie die freie Szene in Köln ins Feuilleton kam
  • Feuilleton fehlt: Ein Überblick über das Verhältnis von Kritik und Theater
  • Gemeinsam durch Dick & Dünn: Wie das Theater Krefeld und Mönchengladbach auf die abnehmende Berichterstattung reagiert
  • Mehr Respekt, Bitte! Der Wirtschaftsjournalist und Theaterkenner Ralph Bollmann über Theaterkritik in der Provinz

Die Landflucht der Aufmerksamkeit

Text_Detlef Brandenburg

Die Vorgeschichte zu diesem Schwerpunkt ist lang. Sie begann vielleicht schon 2007, bei einem Interview mit vier Künstlern des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, das damals in Schleswig noch eine richtige produzierende Spielstätte hatte. Die vier erzählten von ihrer Arbeit an so einem Überlandtheater, vom bodenständigen Lokalkolorit einiger „Abstecher-Orte“, vom Stress zwischen Probe und Fahrtzeit und Aufführung und wieder Fahrtzeit und wieder Probe… und von der Theaterkritik. Es fehle die Vielfalt unterschiedlicher Stimmen, und manche Kritiker, meinte damals die Schauspielerin Maria Steurich, seien nicht sehr fachkundig. „Man hat das Gefühl, dass da Praktikanten hergeschickt werden. Da wird dann der Inhalt des Stückes nacherzählt, wir werden alle brav genannt – und das war’s dann. Das bringt uns leider sehr wenig.“

Da könnte man natürlich leicht denken: Na ja, Rand der Republik, rechts ’ne Küste, links ’ne Küste, oben Dänemark und unten Elbe – kein Wunder, dass sich die kulturelle Fachkompetenz da rarmacht. Aber da ich vor vielen Jahren, bis 1996, selbst als Journalist in Kiel gearbeitet hatte, konnte ich meinen Gesprächspartnern davon erzählen, dass das mal anders war. Dass man bei Premieren des Landestheaters regelmäßig vier, fünf kompetente Kollegen traf, von den Kieler Nachrichten, der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung, vom NDR, manchmal kam auch jemand aus Hamburg vorbei?… Von denen waren ein oder zwei vielleicht nur interessehalber da, sicher zwei oder drei aber mit Schreibauftrag. Tempi passati. Wie es heute dort oben im Norden aussieht, steht auf Seite 48.

Seitdem war ich sensibilisiert für das Thema. 2008 hat die Redak­tion der DEUTSCHEN BÜHNE dann gemeinsam mit den Schauspielbühnen Stuttgart ein Symposium zu dem Thema veranstaltet. Und heute, 2015, haben wir den Eindruck, dass das Gefälle zwischen den immer noch viel beachteten Metropolenbühnen und den immer mehr im publizistischen Windschatten versinkenden Theatern abseits der Zentren rasant steiler wird: eine Art Landflucht der öffentlichen Aufmerksamkeit. Da meldete sich beispielsweise eine Pressesprecherin, die mich fragte, was sie denn machen solle: Gerade habe sie die wichtigste Zeitung im Theatergebiet vor die Wahl gestellt, ob sie zur Premiere einen Vorbericht wolle oder eine Kritik. Aber beides– mit dem größten Bedauern, aber beides gehe in Zukunft nicht mehr. Aus einer anderen Region erreichte die Redaktion ein Hilferuf per Mail: Bei der Zeitung habe es eine Erhebung zur Lesefrequenz gegeben, bei der die Rezensionen mies abgeschnitten hätten. Daraufhin sei beschlossen worden, zukünftig keine Kritiken mehr zu bringen. Ob nicht wenigstens wir mal kommen könnten?

Dass Konzentrations- und Fusionsprozesse wie die bei der von Essen bis nach Thüringen, Berlin oder Hamburg reichenden WAZ-Gruppe oder bei der von Hannover aus bis nach Dresden, Lübeck oder Rostock ausgreifenden Madsack Mediengruppe die Vielfalt des Feuilletons nicht unbedingt bereichern, liegt in der Struktur der Sache. Und sogar in der Großstadt Stuttgart muss man mit Bangen abwarten, wie es weitergeht, wenn Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung redaktionell zusammengelegt werden. Apropos Großstadt: In Hamburg gibt es nur noch eine große Tageszeitung. Auch von dortigen Theatern wurde uns bestätigt, dass die Abhängigkeit von einer dominanten Zeitung – was oft bedeutet: von einer dominanten Printstimme in der Stadt – die Sache nicht leicht mache, unabhängig davon, ob es nun eine kompetente Stimme ist oder nicht. Denn Kritik ist immer auch Meinung. Und eine einzige Meinung bringt keine Vielfalt. Die kann zwar in einer Großstadt auch durch auswärtige Medien hergestellt werden. Aber die haben in der Stadt selbst nur eine begrenzte Resonanz.

Und selbst mit der überregionalen Vielfalt ist es längst nicht mehr zum Besten bestellt – das wissen wir schon deshalb, weil wir von unseren festen freien Mitarbeitern immer wieder hören, dass ihnen ein gut zahlender Kunde nach dem anderen verloren geht, weil Zeitungen ihre überregionale Berichterstattung einschränken, weil sie ihre Selbstständigkeit verlieren und infolgedessen Überregionales aus einer Zentralredaktion bekommen oder weil schlicht der Platz fürs Feuilleton runtergefahren wird. Wir spüren das auch in unserer eigenen täglichen redaktionellen Arbeit. Früher konnten wir mit wenig Problemen Rezensionen aus praktisch jeder Region bekommen, weil unsere Leute da ohnehin unterwegs waren, im Auftrag anderer Zeitungen. Heute müssen wir jede Reise rechtzeitig beauftragen, und unser Reisespesen-Aufkommen ist exponentiell in die Höhe geschossen.

Stirbt also die Berichterstattung über die Theater „in der Fläche“ langsam aus? Sind die Zeiten vorbei, als man sich in Hamburg auch für Lüneburg oder Lübeck, in Hannover für Detmold oder Hildesheim, in Kassel für Göttingen oder Marburg interessierte? Aber wie steht es eigentlich mit den neuen Medien: Ist nicht, sozusagen in Gegenbewegung zum Verlust an Zeitungsvielfalt, eine reiche Vielfalt an Portalen und Formaten entstanden? Bieten nicht die sozialen Netzwerke dem Theater ganz neue Foren, wo Fans und Künstler einander begegnen können? Es gibt ja nicht nur nachtkritik.de, wo sich die Kollegen um die professionelle Beobachtung des Theaters (auch in der Provinz!) große Verdienste erworben haben. Es gibt jede Menge anderer Foren, von Profis, Semiprofis oder Liebhabern, lokal, regional und überregional.

Wenn man die Theater auf dieses Thema anspricht, sinkt die Begeisterung darüber allerdings oft mit abnehmender Größe des Hauses. Gerade von mittleren und kleineren Stadttheatern haben wir immer wieder gehört, dass sie diese Foren zwar schätzen. Aber für die öffentliche Wahrnehmung von Theater könnten sie nicht das erreichen, was eine gute Lokal- oder Regionalzeitung erreicht: eine Öffentlichkeit, die über das Interesse der Fachleute hinausgeht.

Das ist ja das Potenzial einer Tageszeitung: dass jedes Ressort prinzipiell für jeden lesbar ist, weil alle auf derselben „Plattform“ agieren. Meine Erfahrung aus den Jahren als Redakteur in der Provinz ist tatsächlich die, dass man in einer Tageszeitung sehr schnell eine breite Öffentlichkeit herstellen kann, wenn man das Thema nur heiß genug fährt. In Ansbach, meiner ersten Wirkungsstätte, hatte die Kulturredaktion mal angeprangert, dass sich das politische Establishment einem Theaterstück verweigerte, das sich mit der NS-Vergangenheit der Stadt auseinandersetzte. Prompt gab es eine Diskussion weit über die Insider-Kulturkreise hinaus. Später, in Kiel, haben wir eine nach unserer Meinung nicht tragfähige Theaterreform auf die Hörner genommen: Plötzlich waren unsere Kommentare Thema in der Stadt und im Stadtrat. Denn hier konnte jeder Zeitungsabonnent mitlesen, die Kultur lag jeden Morgen mit der Zeitung auf seinem Frühstückstisch. Statements bei Insiderportalen dagegen kann man viel besser totschweigen.

Und noch ein Thema muss in diesem Zusammenhang angesprochen werden: die Frage nach dem Qualitätsjournalismus. Die ist zwischen den Anhängern der alten und der neuen Medien heiß umstritten und in der Tat nicht nach Schema F zu beantworten. Nachtkritik.de steht ohne jeden Zweifel für anspruchsvollen Fachjournalismus, während sich einige Printmedien von diesen Maßstäben längst verabschiedet haben. Wir haben in der Redaktion rund 40 Tageszeitungen aus allen Teilen der Republik abonniert, die wir täglich auf ihre Theaterbericht­erstattung hin auswerten. Über das Theater in den großen Städten werden wir auf diesem Wege noch immer kompetent informiert, und es gibt in einer Reihe mittlerer oder kleinerer Städte – Bonn, Freiburg, Heidelberg, Köln, Mannheim oder Nürnberg – noch immer engagiert berichtende Tageszeitungen. Aber in anderen kleineren Städten versiegt unser Informationsfluss über das dortige Theaterleben. Und dieses sich schleichend ausbreitende Defizit können wir durch die Online-Portale nicht auffangen, obwohl wir uns auch dort regelmäßig umschauen.

Die Qualitätsmaßstäbe, die nachtkritik.de gesetzt hat, sind eben noch lange nicht Standard. Vor ein paar Jahren hat es an den Bühnen Köln große Aufregung über persönlich verletzende, teils sogar beleidigende Sängerkritiken gegeben. Auch am Theater Krefeld und Mönchengladbach war das Problem geschmäcklerischer Online-Kritiken bereits Thema (siehe Heft, Seite 60). Andere Theater haben solche Probleme ganz einfach deshalb nicht, weil ihre Aufführungen im Netz kaum Resonanz finden. Natürlich wird auf ­Facebook oder auf Twitter auch fleißig über Theater gepostet. Und natürlich schnappt man dort immer wieder bemerkenswerte Neuigkeiten oder lesenswerte Statements auf. Aber nach vielen Jahren der Theaterbeobachtung über verschiedene Kanäle haben wir in der Redaktion den Eindruck: Die neuen Medien könnten eine Bereicherung sein, wenn nicht auf der anderen Seite der professionelle Printjournalismus immer weiter zurückgefahren würde. Oft sind sie ein Forum für bemerkenswert kompetente und engagierte Liebhaber. Aber die Professionalität, Kontinuität und sachkundige Vertrautheit mit den strukturellen Gegebenheiten vor Ort, die guten Lokaljournalismus auszeichnet, können nur die wenigsten ersetzen.

Hinter den beschriebenen Prozessen stehen natürlich nicht nur im engeren Sinne mediale, sondern auch massive wirtschaftliche Faktoren. Die großen Fusionswellen sind ja nicht alle aus purer Gewinnsucht vom Zaun gebrochen worden. Sie wurden erzwungen durch massive Rückgänge im Anzeigen- und Abonnentengeschäft, diese wiederum sind begründet in einem Online-Angebot, das aufgrund der digitalen Immaterialität des Mediums preiswerter (wenn nicht gleich ganz umsonst), schneller und flexibler ist als jede Zeitung. Wenn man diese Prozesse auf ihre Grundtendenz hin anschaut, erkennt man leicht einen immer rasanteren Trend zur Konzentration: zu den großen Konzernen, den großen Reichweiten, den großen Themen. Dieser Trend steht der dezentralen Organisation der deutschen Theaterlandschaft diametral entgegen. Infolge der Zersplitterung des Deutschen Reiches nach dem Dreißigjährigen Krieg entstand bei uns ja eine reiche kulturelle Infrastruktur, die Antwort auf die zentralisierende Gleichschaltung durch die NS-Kulturpolitik war der Kulturföderalismus der Bundesrepublik. Durch diese – per se ja nicht durchweg erfreulichen – politisch-historischen Prozesse hat sich in Deutschland eine Tradition etabliert, die der Kategorie der „Provinz“ eine besondere Achtung und Pflege verschaffen sollte. Diese Tradition jedoch wird durch die beschriebenen medienwirtschaftlichen Konzentrations- (und teils sogar Globalisierungs-)tendenzen immer stärker konterkariert. Gut möglich, dass erst die Aufmerksamkeit für die kleineren Theater stirbt und in der Folge einige dieser Theater selbst. Erste Symptome dafür kann man in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder eben in Schleswig erkennen.

Oder sind das alles nur zufällige Beobachtungen? Bewerten wir sie zu pessimistisch? Hängen wir einer überkommenen Struktur von Öffentlichkeit an? Fürchten wir uns vor Neuerungen, ohne deren Potenzial zu sehen? Auf den folgenden Seiten wollen wir diesen Fragen nachgehen. Wir haben Fallbeispiele recherchiert und bei Theatern nachgefragt. Das Bild, das wir dabei bekommen haben, hat unterschiedliche Facetten. In vielen spiegelt sich der Abschied vom Feuilleton klassischer Prägung mit seiner Vielstimmigkeit und seinem Mut zur breiten, fundierten Argumentation auch bei geringer Reichweite. Stärker als früher entscheiden die Faktoren Resonanz („Klickzahlen“) und Kommerz darüber, was in den Medien vorkommt und was nicht. Zudem zeigt sich eine Tendenz zu einer sich aufsplitternden Öffentlichkeit in Insider-Diskurse, die den Anspruch gerade der per se „sozialen“ Theaterkunst auf gesellschaftliche Relevanz konterkariert. Das Ergebnis dieser Prozesse ist offen. Grund genug, sie kritisch zu beschreiben, gibt es allemal.