Victoria Behrs Kostüme machten aus Herbert Fritschs Inszenierung „Der eingebildete Kranke“ am Wiener Burgtheater 2015 einen Tanz der Vampire

Victoria Behrs Kostüme machten aus Herbert Fritschs Inszenierung „Der eingebildete Kranke“ am Wiener Burgtheater 2015 einen Tanz der Vampire

© Foto: Reinhard Werner/Burgtheater
Leseprobe

Kostüme – die neue Pracht

Kostüme – die neue Pracht

Mehr dazu im Novemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE

  • Die neue Pracht und der alte Platon: Sieben Thesen zur historischen Einordnung dieses Themenschwerpunkts
  • Kostüm und Haltung: Die Sopranistin Irina Simmes über Roben und ihre Vorliebe für präzisen Purismus
  • Abschied von den Klamotten: Unser Kritiker Michael Laages mit einem Kostüm-Rundblick zum Saisonstart
  • „Opera is Drag!”: Die Opernregisseurin Lydia Steier plädiert für Pracht – aber nicht zum Selbstzweck
  • Transparente Fassaden: Ein Porträt der Kostümbildnerin Teresa Vergho
  • Schlüpfrige Schleifen: Andrea Huss, Redakteurin von „Emotion“, über Mode und die Kostümbildnerin Annabelle Witt

Die Geräusche der Roben

Über den Trend zur neuen Pracht bei Kostümen
Ich finde es schwierig, zu beurteilen, ob es hier eine eindeutige Tendenz gibt. Die Arbeiten der Kolleginnen Joki Tewes und Jana Findeklee zum Beispiel und die von Adriana Braga Peretzki, Andrea Schraad oder Annabelle Witt sind seit jeher (eigentlich schon immer) opulent und aufwendig gewesen. Ich kann nicht erkennen, dass ein Regisseur oder eine Regisseurin, der oder die bislang mit weniger Kostümaufwand gearbeitet hat, plötzlich eine ganz neue Ästhetik für sich entwickelt hätte. Vielleicht ist es eher so, dass eine neue Generation Theaterschaffender an die Häuser kommt, die – aufgewachsen im digitalen Zeitalter und mit einer ständigen Internetpräsenz, ständigem Zugriff auf Bilder/Inspirationen – auch einen viel stärkeren Druck verspürt, sich abzusetzen, und deshalb nach einer neuen Bildsprache sucht. Vielleicht steckt dahinter auch eine gewisse Sehnsucht, zu fliehen, in phantasievollere Welten, etwas, das in unruhigeren Zeiten schon häufiger zu beobachten war… Andererseits gibt es viele Uraufführungen von Stücken, in denen eine aktuelle soziale Realität abgebildet wird. Und deren Ästhetik ist weit entfernt von Opulenz.

Zur Reaktion in den Werkstätten auf Victoria Behrs Entwürfe
Die Gewandmeister und -meisterinnen und Schneider und Schneiderinnen freuen sich über die Arbeit an opulenten, aufwendigen historisierenden Kostümen. In den Werkstätten arbeiten die eigentlichen Kostümkünstler. Ein historisches Kostüm ist eine große Herausforderung, die besondere Verarbeitung zum Beispiel von Rüschen, verschiedenen Ärmeln und historischen Schnitten ist das ureigene Handwerk der Gewandmeister und -meisterinnen, Schneider und Schneiderinnen. Ich finde es immer wieder unglaublich, wie viel Liebe zum Detail in große Kleider oder aufwendige Kostüme vom jeweiligen Schneider gesteckt wird. Dabei versuche ich den Gewerken möglichst viel Freiheit zu lassen, sie beherrschen das Handwerk schließlich viel besser als ich.

Sind opulente Kostüme in der Herstellung besonders teuer?
Durch die Arbeit der Werkstätten, die darin steckt, sind sie eigentlich unbezahlbar, aber andererseits komme ich gut mit meinen Budgets aus. Natürlich suche ich keine besonders teuren Stoffe aus. Wenn es doch mal unbedingt ein besonderer, zum Beispiel ein perlenbestickter Stoff sein soll, gleiche ich das durch günstigere Stoffe an anderer Stelle wieder aus. Ich arbeite auch sehr gern mit Kostümen aus dem Fundus, was aber leider nicht immer möglich ist, wenn Raum und Kostüme in einer bestimmten Ästhetik sein sollen.

Wie die Schauspieler auf Victoria Behrs Kostüme reagieren
Bei Schauspielern ist die Reaktion unterschiedlich. Die meisten freuen sich über aufwendige Kostüme und erkennen für sich darin einen ästhetischen Partner in der Bemühung um den Ausdruck der Figur. Ein Darsteller bei Herbert Fritsch weiß ja, dass mit viel Kostüm zu rechnen ist, und versteht das Kostüm als wichtigen Teil der Inszenierung. Für andere kann es erst mal eine große Herausforderung bedeuten. Und da der große Wunsch, immer sichtbar und erkennbar zu sein, für einige Kollegen maßgeblich ist, muss dann, wenn es aufwendige und verfremdende Masken oder Make-ups gibt, große Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Wie die Kostüme sich auf das Spiel der Darsteller auswirken
Das ist ja der Sinn eines Kostüms und der große Unterschied zur Mode. Mode beeinflusst uns natürlich auch, aber auf eine andere Art und Weise. Zum einen soll ein Kostüm den Darsteller unterstützen, eine Figur zu finden, zum Beispiel durch Schuhe, die einen bestimmten Gang entstehen lassen, oder durch die steife Haltung des Körpers in einem Korsett. Zum anderen können ein Kostüm und die Maske ein Schutz sein, eine Verkleidung, die dem Darsteller hilft, sich zu „entfesseln“, eigene Grenzen zu überschreiten und die Figur weiter von sich wegzubringen.

Die Persönlichkeit des jeweiligen Darstellers bei stark stilisierten Kostümen und Masken
Häufig höre ich, dass man die Schauspieler, wenn sie viel Maske tragen, nicht erkennt. Bei der Produktion „der die mann“ zum Beispiel tragen alle Schauspieler das gleiche Kostüm und die gleiche Perücke, man erkennt jedoch jeden einzelnen Schauspieler durch seine Körperlichkeit und Persönlichkeit. Wenn ich meine Kostüme entwerfe, habe ich auch immer den Schauspieler vor Augen und versuche, den Kostümentwurf auf die Eigenheiten der Person abzustimmen.

Zur Verbindung von Kostümen mit Maske und Frisur
Maske und Frisur sind genauso wichtig wie das Kleidungsstück, für mich ergibt beides zusammen erst ein vollkommenes Kostüm, eine vollständig erzählte Figur.

Das Verhältnis zur Bühnengestaltung
Bei meinen Arbeiten mit Herbert Fritsch bilden der Raum und die Kostüme meist eine Komposition. Durch die Vorgabe des Raumes orientiere ich mich dann, (häufig) zum Beispiel mit der Auswahl meiner Stoffe, an den Farben und Materialien, die ich vorfinde. Dazu bemühe ich mich, ein Spannungsverhältnis zu schaffen, in dem Sinne, dass die Kostüme entweder die erzählten Vorgänge noch überhöhen, sie kommentieren oder ironisieren. Eine bloße Illustration erschiene mir zu kraftlos.

Die Funktion der Kostüme im Gesamtkunstwerk Theater
Ich denke, die Kostüme bilden einen wesentlichen Teil des Bühnengeschehens; sie sollten oder können eine weitere Ebene des Erzählens schaffen. In der Komposition des Ganzen bilden sie auch einen nicht zu unterschätzenden Teil der Bewegung im Raum. Dabei kann über die Ästhetik hinaus zum Beispiel auch das Geräusch, das ein Kleidungsstück macht, wenn ein Schauspieler sich darin bewegt, beziehungsweise die Herausforderung, die das Tragen einer aufwendigen Robe stellt, eine weitere, zusätzliche Ebene schaffen.

Was ist ein gelungenes Kostüm?
Der Schauspieler sollte nicht gegen das Kostüm anspielen müssen, darin verloren gehen, sondern es soll Energie und Spielfreude in ihm freisetzen. Das Kostüm darf den Schauspieler in seiner Beweglichkeit nicht einschränken, es sei denn, es ist gewollt. Für mich persönlich spielen die Ironie und der Witz eine wichtige Rolle bei meinen Entwürfen, beide Aspekte sind für mich Formen der Reflexion einer Figur, einer Erzählung.

Victoria Behrs Lieblingskostüme
Ich liebe große Roben, alle historische Kleidung und verspielte Trachten, ich mag die Stoffmengen… Es kommt natürlich auf die Inszenierung an, ein elegantes einfaches Kleid und ein gut geschnittener klassischer Anzug können genauso wirkungsvoll sein.

Über das Verhältnis zu Modedesignern
Modedesigner sind neben der Malerei und Photographie natürlich die größte Inspirationsquelle für Kostümbildner. Umgekehrt hat auch das Kostümbild Einfluss auf Modedesign. Viele berühmte Modedesigner statten schon lange große Opern oder Tanz aus, Armani hat das bereits in den 1980er-Jahren für John Neumeier gemacht, Lacroix an der Oper. Ich würde behaupten, dass die Mode theatraler, opulenter geworden ist. Vivienne Westwood, Galliano, Gaultier, McQueen waren immer opulent, aber besonders beobachten kann man diese Entwicklung bei Gucci. Mit dem neuen Chefde­signer hat sich die Marke von einem etwas spießig gewordenen Label zu einer der hipsten, auffälligsten und meistkopierten Marken entwickelt. Viel Farbe, viele Rüschen, viel Opulenz.

Über die Ignoranz der Kritik gegenüber den Kostümen
Eigentlich ist es so, dass der wesentliche Austausch für mich in und durch die Arbeit mit der Regie und den Schauspielern stattfindet und ich deren Aufmerksamkeit als die für mich wichtigste empfinde. Dadurch bin ich ziemlich befriedigt. Und dennoch freue ich mich natürlich, wenn ein Kritiker oder eine Kritikerin mein Zutun zu einem Abend erkennt und bespricht. Für mich bedeutet Kritik im guten Sinne, in eine Unterhaltung zu gehen und in einem Austausch zu bleiben. Trotz allem sollte ein Kritiker, wenn er über eine Figur und deren Kleidung schreibt, auch den Namen des Kostümbildners oder der Kostümbildnerin nennen, beim Bühnenbild ist das selbstverständlich.

Über die Autorin

Victoria Behr ist eine der prägenden Kostümbildnerinnen der letzten Jahre.
» Geboren 1979 in Koblenz
» Studium Kostümbild bei Dirk von Bodisco an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg
» Seit 2008 Arbeit als freie Kostümbildnerin, regelmäßige Zusammenarbeit mit Regisseur Herbert Fritsch
» Mehrfach Kostümbildnerin des Jahres (2011, 2012, 2014 bei „Theater heute“, 2013 bei „Opernwelt“)