Klaus Florian Vogt am Flensburger Museumshafen.

Klaus Florian Vogt am Flensburger Museumshafen.

© Foto: Tobias Kruse
Leseprobe

Mit Klaus Florian Vogt in Flensburg

von Detlef Brandenburg

Mit dem Heldentenor Klaus Florian Vogt sind wir dorthin gereist, wo es begann mit seiner Sängerkarriere: zum Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg. Er hat uns von der Stadt und seiner Anfängerzeit erzählt. Und wir trafen die Mezzosopranistin Paulina Schulenburg, die in Flensburg, wie einst Vogt, im Erstengagement ist

Starsänger, das ist auch so ein Klischee. Und es ist fast ebenso ein Klischee zu sagen, dass ein Star diesem Klischee in Wirklichkeit aber so was von gar nicht entspreche… Trotzdem kommt man bei dem vor allem als Wagner-Tenor weltweit gefeierten Klaus Florian Vogt nicht umhin festzustellen: Bei ihm ist wirklich fast alles ein bisschen anders.

Sein Berufseinstieg zum Beispiel: Bevor er sein erstes Engagement am Opernhaus bekam, hatte er bereits 11 Jahre lang als Hornist im Orchester gesessen: Einstig in den Job im zarten Alter von 20 Jahren in Kiel noch während des Studiums; nach dem Diplom der Wechsel zum Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, wo er es zum stellvertretenden Solohornisten brachte. Immerhin. Aber das Spielen in der Gruppe, die begrenzte Freiheit im Kollektiv – einen ausgeprägten Individualisten wie Vogt konnte das auf Dauer nicht ausfüllen. Also begann er parallel zum Orchesterleben ein Gesangstudium an der Lübecker Musikhochschule und schloss auch das mit Diplom ab. Fünf Jahre später war aus dem lyrischen Tenor ein Held geworden, der als Lohengrin in Erfurt internationale Aufmerksamkeit auf sich zog. Wieder zwei Jahre später gab er als Walther von Stolzing sein triumphales Bayreuth-Debüt. Der weitere Karriereweg ist in den Feuilletons weltweit nachzulesen.

Und doch hat sich Vogt die Bodenhaftung in seiner Heimat Schleswig-Holstein nie nehmen lassen. In Heide in Dithmarschen wurde er 1970 geboren, heute lebt er mit seiner Familie in Brunsbüttel an der Elbe. Wenn er in Bayreuth oder Berlin arbeitet, dann logiert er nicht unbedingt im ersten Haus am Platze, sondern gern mal im eigenen Wohnmobil auf dem Parkplatz. Zur Auszeit auf dem Wasser startet er nicht mit einem Luxusliner, sondern mit dem eigenen Boot, das Steuer selbst in der Hand. Selbst der Begriff Jet Set hat bei ihm eine etwas andere Bedeutung: Er liebt es, mit seinem kleinen Propellerflugzeug zum Einsatz zu fliegen und in längeren Pausen zwischen den Auftritten oder Proben dann wieder zurück zur Familie nach Brunsbüttel. Jedenfalls wenn das Wetter mitspielt. Zwei Stunden dauert auf diese Weise der Flug von Bayreuth nach Brunsbüttel. Und auch da hat er das Steuer selbst in Hand, er hat neben dem Bootsführerschein auch den Pilotenschein. Motorrad fährt er übrigens auch, eine Harley Davidson. Und alte Autos haben es ihm angetan. Manchmal trägt ihn sein Flugzeug auch einfach nur raus aufs Meer. Und wenn dann die Möwe ans Haff fliegt und sich der Abendschein auf den feuchten Watten spiegelt, dann weiß auch Vogt, wie einst Theodor Storm, ein still verzücktes Lied auf dieses Farbspiel zu singen.

Im glamourösen Umfeld seines Berufes, in all der Aufregung um Stars, Premieren und Karrieren, hat sich Vogt seinen ureigenen Lebensstil bewahrt. Schon seinen Berufseinstieg suchte und fand er nicht an einem der renommierten und prominenten Opernstudios eines großen Hauses, sondern abseits der Zentren, in seiner Heimat, an deren nördlicher Peripherie: am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg. Mit ihm gemeinsam sind wir für einen Tag dorthin zurückgekehrt, haben uns über seine Anfängerzeit unterhalten und die Mezzosopranistin Paulina Schulenburg getroffen. Wie einst Vogt ist sie heute im Erst-Engagement dort oben an der Ostsee.

 

„Eine große Kommune
rund ums Theater“


Paulina Schulenburg und Klaus Florian Vogt im Gespräch
Paulina Schulenburg und Klaus Florian Vogt im Gespräch über ihre Anfänger-Erfahrungen am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg


Interview_Detlef Brandenburg

Paulina Schulenburg: Hier in Flensburg war mein erstes Vorsingen, und ich musste erst mal gucken: Flensburg? Wo ist das eigentlich genau? Es war kur vor Weihnachten, draußen ungemütlich, im Haus so eine verschlafene Stimmung, außer mir war nur noch ein anderer da – ja , aber dann war das wirklich ganz schön. Man ist hier natürlich ein bisschen weiter weg  vom Schuss. Aber ich erlebe die Stadt als aufgeschlossen, überhaupt nicht als verstaubt. Vorher war ich ein Jahr in Salzburg, das ist so konservativ! Malerisch, aber das ist Disneyland! Hier habe ich sofort das Gefühl gehabt: Es ist eine Kleinstadt, aber es ist immer was los, es ist eine gute Stimmung. Ich habe auch eine starke Verbundenheit zum Wasser. Und da die Stadt ja an der Ostsee liegt, an der Förde, empfinde ich das hier als so offen.
Klaus Florian Vogt: Ja, das ging mir ähnlich. Man sagt uns Norddeutschen ja immer nach, dass wir so verschlossen sind, aber das habe ich hier überhaupt nicht so empfunden. Mir hat es richtig Spaß gemacht, in Flensburg zu arbeiten, auch weil ich das Gefühl hatte, dass die Leute einen gerne aufnehmen und selbst auch gern hier leben.
Paulina Schulenburg: Genau, alles ist richtig familiär, wie eine große Kommune rund ums Theater.
Klaus Florian Vogt: Zur Weihnachtszeit, da hatte damals immer eine Kollegin oder ein Kollege gebacken. Wir haben dann unten an der Seite am Bühneneingang gestanden und gegessen – ich weiß gar nicht: Gibt es inzwischen eine Kantine hier?
Paulina Schulenburg: Nee, gibt es leider nicht…
Klaus Florian Vogt: …aber das haben wir damals immer gut kompensiert.
Paulina Schulenburg: Nach der Vorstellung gibt es noch einen Spanier, „La Tasca“, der dann aufhat. Am nächsten Tag haben wir dann immer den „Knoblauch-Kater“, so nennen wir das, weil das Essen wirklich heftig gewürzt ist.

Sängerin oder Sänger am Landestheater, das heißt: Sie müssen reisen. Wie kommen Sie damit klar?
Paulina Schulenburg: Ich mag das total gern. Das ist wie auf Klassenfahrt: Alle zusammen brechen irgendwohin auf, im Bus ist es immer so gemütlich…
Klaus Florian Vogt: Ja, das fand ich auch immer schön. Damals habe ich dieses wunderschöne Theater in Rendsburg wirklich lieb gewonnen.
Paulina Schulenburg: Ja, das Theater ist süß. Aber die Stadt ist schon sehr verschlafen. Wir waren da vor einer Vorstellung mal in der Fußgängerzone unterwegs, alles war menschenleer, und plötzlich poltert ein Skateboarder die Straße runter. Da haben wir uns echt Sorgen gemacht, ob der jetzt vielleicht gleich ‘ne Anzeige für Ruhestörung bekommt.
Klaus Florian Vogt: Ich habe aber auch schöne Erinnerungen an Rendsburg. Vor einiger Zeit habe ich in einer wunderbar renovierten Barockkirche, der Garnisonskirche, einen Liederabend gegeben, das fand ich ganz großartig. Ausverkauft, tolles Publikum. Und danach waren wir gleich in der Nachbarschaft italienisch essen, das hat richtig gut geschmeckt.
Paulina Schulenburg: Stimmt, der Italiener ist gut…

Als Sie ans Landestheater gekommen sind, Herr Vogt, da waren Sie schon ein gestandener Musiker: elf Jahre als Hornist im Orchester… Inwieweit waren Sie da noch Anfänger?
Klaus Florian Vogt: Dadurch, dass sich mit dem Wechsel vom Hornisten im Orchester zum Solosänger auf der Bühne die künstlerische Perspektive komplett ändert, war ich natürlich schon ein Anfänger. Ich erinnere mich noch, als gegen Ende meines Gesangsstudiums ein Mitarbeiter der Zentralen Bühnenvermittlung an die Hochschule in Lübeck kam, dem wir Studenten vorsingen konnten: Da wollte ich erst gar nicht hingehen, ich fand das noch nicht angebracht. Aber dann drängten mich alle, mein Lehrer, meine Frau, und da habe ich’s gemacht. Und der Agent hat gesagt: ,In drei Tagen gibt’s ein Vorsingen in Flensburg, fahren Sie doch da mal hin.“ Tatsächlich hat mir der damalige Intendant Horst Mesalla gleich einen Vertrag angeboten – aber danach hatte ich erst einmal mehrere schlaflose Nächte. Ich musste mich entscheiden, obwohl ich das eigentlich noch gar nicht wollte: Soll ich meine gesicherte Stelle als Hornist im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg aufgeben? Ich hatte damals schon drei Kinder, und ich hatte auch das Gefühl, dass ich noch weiter studieren sollte. Entscheidend war dann, dass der Vertrag kein klassischer Anfängervertrag war, sondern mir vier schöne Partien garantierte. Meine Diplom-Prüfung für die Hochschule in Lübeck habe ich dann in Neumünster als Tamino abgelegt, da ist die Kommission extra angereist. Unsere Abstecher führten uns ja nicht nur nach Rendsburg oder Schleswig, das ging auch nach Neumünster, nach Husum. Und in Leck – da sangen wir in einer Turnhalle, da wurde ein Bereich abgeteilt, der war dann das ‚Opernhaus‘. Da musste man eben mit den Gegebenheiten vor Ort irgendwie zurecht kommen. Aber die Stimmung war immer gut, jeder half jedem – das war einfach schön. Ich habe diese Abstecher immer gemocht.

Frau Schulenburg, Sie haben in Essen oder Dortmund sicher ein urbaneres Publikum kennengelernt als hier.
Paulina Schulenburg: Ja, das empfinde ich als Problem, ehrlich. Bei „Carmen“ zum Beispiel, wo ich die Mercédès singe: Ich sitze da zu Anfang immer zusammen mit Frasquita auf der Bühne, wir agieren so ein bisschen stumm und haben erst mal Zeit, ins Publikum zu schauen. Und jedes Mal, wenn der Vorhang aufgeht, dann sehe ich da so eine weiße Wiese. Und ich denke: Meine Güte, können denn nicht auch mal ein paar junge Leute ins Theater kommen? Interessieren sich junge Leute nicht mehr für Oper? Finden sie den Zugang nicht? Warum denn nicht? Ich bin doch auch jung, und mich fasziniert das total!
Klaus Florian Vogt: Ja, der Zugang fehlt, und das liegt vor allem an der Schule. Ich sehe das an meinen eigenen Kindern, die hatten teilweise im Gymnasium zwei Jahre lang keinen Musikunterricht. Das finde ich schlimm. Ich bin überzeugt: Wenn sie gut herangeführt werden, dann sind die jungen Leute auch empfänglich. Aber das ist eben nicht die Regel.
Paulina Schulenburg: Wir haben doch so ein junges Ensemble, umso mehr wünschen wir uns, dass uns auch aus dem Zuschauerraum eine junge Energie entgegenkommt, die mal andere Erwartungen hat, andere Gedanken mitbringt. Deswegen bin ich zum Beispiel froh, dass ich hier in einer Kinderproduktion drin bin. Diese Arbeit, diese Vorstellungen, dieses Publikum: Das macht mir total Spaß.

Sie haben, trotz Einschränkungen, offenbar beide hier an diesem Haus eine Aufgabe vorgefunden, die Ihnen am Herzen liegt.
Klaus Florian Vogt: Absolut, ja, das ist ein Dienst am Publikum. Und das macht einfach Spaß.
Paulina Schulenburg: Das gilt natürlich auch für die älteren Besucher, klar. Trotzdem ist die Zusammensetzung des Publikums etwas, das mich bei der Arbeit stört, weil sich hier die Breite der Gesellschaft nicht mehr wiederfindet. Das ist doch schade. Ich finde, den Kindern oder den jungen Menschen entgeht etwas, wenn die Oper sie nicht erreicht. Meine Schwestern haben ihre Kinder von Anfang an mit ins Theater, in die Oper genommen. Man unterstellt immer, das überfordert die Kinder und schreckt sie ab. Aber das stimmt nicht. Die haben die Konzentration, und die interessieren sich dafür. Theater ist immer vielschichtig. Da geht es nicht nur um die letzte Finesse einer neuen Interpretation, nein: Da ist für jeden was dabei.
Klaus Florian Vogt: Aber das Problem ist auch ein bisschen hausgemacht. Die ganze Theater- und Kunstszene ist sehr stark intellektualisiert worden, und dadurch steigt die Hemmschwelle, sich da überhaupt noch reinzutrauen. Es wird bei vielen Leuten Angst erzeugt, dass sie dem nicht gewachsen sind, dass sie das nicht verstehen. Und das ist Unsinn, das muss man überwinden. Es ist genau so, wie Du sagst: Theater, Oper, Kunst, da gibt es doch gar keine Norm, was „man“ verstehen „muss“. Gerade Musiktheater erreicht die Leute ganz direkt, das ist sinnlich. Aber das wissen viele Menschen nicht. Und da bin ich der Meinung, dass das auch die Opernhäuser selbst immer noch nicht genügend nach außen tragen.
Paulina Schulenburg: Das Tolle ist doch, dass Oper und Theater in Deutschland so günstig sind und ja überall erreichbar. Das kann sich doch jeder leisten, der auch ins Kino geht. Wenn man schon in so einer Theaterlandschaft lebt, muss man das doch ausnutzen. Das würde auch uns Darsteller noch viel mehr inspirieren.

Haben Sie beide hier in Flensburg die Herausforderungen gefunden, die man als Anfänger braucht, um sich weiter zu entwickeln?
Klaus Florian Vogt: Da hatte ich damals wirklich großes Glück. Ich hatte hier große Partien, ich konnte viele Vorstellungen machen, konnte mich als Opernsänger ausprobieren: Gefällt mir das überhaupt? Kann ich das? Auch diese Häufigkeit des Auftretens, dass man eine Partie in einer Produktion eben nicht nur dreimal singt, sondern 25-mal: Was macht meine Stimme, wenn sie unter Dauerbelastung steht? Das war genau das, was ich gebraucht habe und für mich unglaublich wertvoll.
Paulina Schulenburg: Für mich ist es mal mehr Herausforderung und mal weniger. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass mir die kommende Saison interessante Aufgaben stellen wird. Dieses immer wieder auf der Bühne stehen, das ist eine sehr, sehr wertvolle Erfahrung. Man achtet auf sich selbst, man achtete auf die Kollegen, man findet immer wieder was Neues, und man merkt, wie irgendwann die Aufregung sich legt und das einfach nur noch Spaß macht. Ich bin relativ angstbesetzt aus dem Studium rausgegangen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich erst mal frei werden muss.
Klaus Florian Vogt: Man spielt sich frei, ja. Man lernt damit umzugehen, dass auch beim selben Stück jeder Abend unterschiedlich ist. Und man lernt auch, mit sich selber umzugehen: Was mache ich, wenn es mir mal an einem Abend nicht so gut geht?

Hatten Sie nach ihren Jahren im Orchester auch noch mal mit Angst umzugehen?
Klaus Florian Vogt: Aber sicher. Es war aber eine ganz andere Angst. Vorher war man innerhalb der Gruppe verantwortlich und konnte sich in der Gruppe auch so ein bisschen verstecken. Das geht als solistischer Sänger eben nicht mehr, da musste ich Farbe bekennen. Schon an der Hochschule, unter den Studenten gab es jede Menge Konkurrenzdruck. Das würde man ja eigentlich erst im Beruf so erwarten. Aber da merkst du dann plötzlich: Das ist gar nicht so, da geht man auf einer kollegialen, respektvollen Ebene miteinander um. Jeder achtete auf den anderen; und jeder weiß, wie schwer das auch ist. Ich fand wirklich, dass es hier leichter war als auf der Hochschule.

Jetzt haben wir darüber gesprochen, wie Ihnen dieses Haus hier geholfen hat oder hilft, den Einstieg in den Beruf zu finden. Aber es kommt ja die Zeit, wo man sich Gedanken macht, wie man hier wieder weggehen kann, oder?
Paulina Schulenburg: Ich habe hier einen Superstart, ich fühle mich wohl und konzentriere mich auf diese Aufgabe. Aber klar macht man sich auch Gedanken, wie es weitergeht. Nur – es bringt nichts, sich darüber allzu sehr den Kopf zu zerbrechen. Wenn’s dann soweit ist und man sich reif fühlt, muss man eben versuchen, mal jemanden einzuladen, vorsingen zu gehen. Ich glaube, man braucht einfach ein bisschen Vertrauen, Vertrauen auch darauf, dass es selbst dann weitergeht, wenn es sich mal in eine ganz andere Richtung entwickelt. Wer diesen Job macht, muss wissen, dass es keine Garantie auf eine geradlinige Karriere gibt. Notfalls muss ich eben ‘ne Bäckerlehre machen oder noch mal studieren. Dazu muss man bereit sein, sonst funktioniert es einfach nicht. Natürlich beschäftigt einen das, und zwischendurch wird man auch mal verrückt; ich glaube, das kennt in diesem Beruf jeder, das gehört dazu. Aber das ist eben das Schöne hier, dass wir unter den Kollegen völlig offen auch mit diesen Krisen umgehen können. Man bekommt mit, welche Probleme andere Kollegen haben, und man bekommt Zuspruch bei den eigenen Problemen.
Klaus Florian Vogt: Diese Unsicherheit, die gehört zu diesem Beruf dazu, die muss man aushalten können, auch diese Zweifel an sich selbst. Und ich muss wirklich sagen, Paulina: Für Dein Berufsstadium finde ich Deine Einstellung erstaunlich reif, das ist super. So einen klaren Blick hatte ich damals nicht. Ich bekam dann zwar recht schnell die Möglichkeit zu einem Vorsingen an der Dresdner Semperoper. Und drei Tage später kam der Anruf vom Intendanten Christoph Albrecht, der mir einen Vertrag anbot. Aber die erste Zeit dort war wirklich schwer, weil ich nichts zu tun hatte. Das war ätzend. Hier habe ich Tamino gesungen, dort durfte ich den ersten Gefangenen in „Fidelio“ singen. Da habe ich mich ein bisschen nach Flensburg zurückgesehnt… Insofern hast Du völlig Recht: Man muss auch Sachen auf sich zukommen lassen und manchmal auch abwarten. Es geht darum, bei sich zu bleiben und daran zu glauben, dass es irgendwann weitergeht. Wenn das eine nicht klappt, dann klappt meist irgendwas anderes. Die Ruhe zu haben, sich darauf einzulassen, das ist auch etwas, was diesen Beruf ausmacht. Dabei ist man manchmal ganz schön alleine. Was man aber auch lernen muss, ist, bestimmte Gelegenheiten zu erkennen, wenn sie vorbeisegeln, und dann mitzusegeln. Und nicht im falschen Moment zu sagen: Ach, lieber nicht…, sondern den Mut zu haben, diese Gelegenheiten dann zu ergreifen.
Paulina Schulenburg: Was mich aber noch mal interessieren würde, als Frage an einen gestandenen Sänger: Wie schafft man es, in so einem Beruf sein Privatleben hinzubekommen? Unter uns Kollegen ist das ein heißes Thema, das sich auch für mich immer wieder stellt.
Klaus Florian Vogt: Ein wichtiges Thema, ja. Man braucht für diesen Beruf eine seelische Ausgeglichenheit. Je besser man sich fühlt, desto besser kommt man mit der Stimme klar, desto besser wird auch die Präsenz auf der Bühne. Deshalb sollte man – um es jetzt mal salopp zu sagen: seinen Privatkram gut geregelt haben. Wenn man Familie hat, so wie ich, dann ist die ganze Familie mit diesem Beruf verheiratet. Das betrifft nicht nur den Ehepartner, sondern auch die Kinder, die damit klarkommen müssen, dass Papa immer wieder weg ist, dass er heute vielleicht mal nicht bis zum Anschlag Fußball spielen kann, dass er beim Geburtstag nicht da ist… Meine Frau hat im Scherz einmal zu mir gesagt: „Du, ich habe eigentlich mal einen Hornisten geheiratet, und jetzt habe ich einen Sänger…“ Das war eine Riesenumstellung für meine ganze Familie. Mein jüngster Sohn, der jetzt neun ist, fragt schon oft nach mir. Und es ist ein komisches Gefühl, wenn ich nach Hause komme und seine erste Frage lautet: „Wie lange kannst Du bleiben?“ Meine älteren Söhne haben mir das auch manchmal vorgeworfen: „Du warst ja nie da.“ Inzwischen gehen sie beruflich selber in diese Richtung, und neulich kam der Älteste zu mir und sagte: „Du, jetzt kann ich das verstehen.“