Die Grenzen zwischen Schauspiel, Performance und Musik werden eingerissen, Altersgrenzen außer Kraft gesetzt: Szene aus „Der kleine hässliche Vogel“ der Grazer Theater­gruppe „Follow the Rabbit“

Die Grenzen zwischen Schauspiel, Performance und Musik werden eingerissen, Altersgrenzen außer Kraft gesetzt: Szene aus „Der kleine hässliche Vogel“ der Grazer Theater­gruppe „Follow the Rabbit“

© Foto: Clemens Nestroy
Leseprobe

Kinder- und Jugendtheater: Was soll das?

Mehr zum Schwerpunkt “Kinder- und Jugendtheater: Was soll das?” im Februarheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Von Zielgruppen und Sparten: Ein Essay von Anne Richter
  • Ein Porträt der Regisseurin Hannah Biedermann
  • Positives Theater: Eine Umfrage unter Kinder- und Jugendtheatermachern
  • Hausbesuch I: Das Grips Theater Berlin
  • Hausbesuch II: Die Schauburg München

An meine erste Begegnung mit dem Kinder- und Jugendtheater kann ich mich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr erinnern. Die Theaterbesuche als Kind zumindest vermischen sich zunehmend mit den ersten Bühnenerlebnissen als Jugendlicher im Schülerabonnement am lokalen Stadttheater – allerdings als Zuschauer im „erwachsenen“ Schauspielhaus.

Theaterkunst für junges Publikum

Vor knapp zehn Jahren begann dann schließlich für mich die Phase der Wiederentdeckung des Theaters für noch wachsende Zuschauer und somit die Reise in eine Theatersparte, der ich mich mittlerweile tief verbunden und durchaus auch verpflichtet fühle. Eine Theatersparte, die ich mit vielen bewegenden Vorstellungsmorgen und -abenden verbinde, die ich mit wachen Augen und auch mit Sorge beobachte. Denn gerade das Theater für Kinder und Jugendliche läuft in der Bundesrepublik beständig Gefahr, aufgerieben zu werden. Sich selbst aus dem Blick zu verlieren, zum Spielball für bildungspolitische Manöver zu werden und zum Stiefkind der Theaterkunst. Das ewige Anhängsel des Abendspielplans, das ewige Sprungbrett für Spieler und Regisseure, der ewige Bittsteller im Lehrerzimmer.

Und nein, dies ist kein Appell für höhere Fördersummen, die gleichberechtigte Berichterstattung in den Kulturmedien oder die gesellschaftliche Anerkennung als vollständige Sparte des Kunstbetriebs. Auch wenn man nicht aufhören kann, genau diesen gebetsartig zu wiederholen. Nein, dies ist die Forderung, sich damit auseinanderzusetzen, dass im Theater für junges Publikum nicht der Nachwuchs für das behagliche Abonnementsystem herangezogen wird. Dass im Theater für junges Publikum keine Weiterführung des Lehrplans angeboten wird. Dass im Theater für junges Publikum die Zielgruppe zwar dem Namen nach klar definiert ist, aber das Wort „Theater“ auf Augenhöhe mit dem Begriff „junges Publikum“ genannt und behauptet wird. Und diese Forderung richtet sich an alle. Rezipienten, Förderer und Macher dieser wunderbaren und eigenartigen Sparte.

„Also ich komme wirklich lieber hier her als ins Schauspiel. Das ist viel direkter und so nah am Leben dran.“ Dies erzählte mir erst vor kurzem eine Besucherin des in der Warteschlange vor dem Einlass zur Vorstellung. Anfang sechzig, ohne Enkel oder Nachbarskind unterwegs, seit mehreren Jahrzehnten schon Abonnentin. Und damit keinesfalls der Durchschnittsbesucher des Kinder- und Jugendtheaters. Leider? Ja. Denn der Blick auf Spielpläne und Festivals im Theater für junges Publikum der vergangenen Jahre zeigt erstaunlich viele Positionen und Inszenierungen, die nämlich radikal an der Aufhebung der Grenzen zwischen dem Kinder- und Jugendtheater und dem Abendspielplan zu arbeiten scheinen. Oder zumindest Grenzgänger in einem aufregenden und bisweilen auch verwirrenden Graubereich sind. Und viele freie Gruppen und eigenständige Theaterhäuser wie das Theater im Marienbad in Freiburg oder das Agora Theater in der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien können auf eine lange Tradition der künstlerischen Arbeit in oder zwischen den Bereichen der Darstellenden Künste zurückschauen.

Die Zielgruppe als Ballast für die Kunst

Dennoch bestimmen hier auch die Ausnahmen die Regel und diese besagt bei den meisten Akteuren des „Jungen Theaters“ eben immer noch, dass die eindeutige Zielgruppendefinition ganz klar Inhalte und Form bestimmt. Eine Einschränkung, die sich seltsam liest und oft auch genauso ansieht.

Da werden Schüler der Oberstufe „Fit fürs Abi“ gemacht, da stehen Jim Knopf und Ronja Räubertochter fürs Weihnachtsmärchen parat oder man bringt freundlicherweise gleich das Theater ins Klassenzimmer. Für sich selbst genommen sind das alles passable Ansätze, wenn es darum geht, die Publikumsstatistik zu füllen, sie geben allerdings nur in den wenigsten Fällen Künstlern die Möglichkeit, hierbei an ihrer Kunst zu arbeiten. Sind sie doch vielmehr Dienstleister für den Schulbetrieb (bis hin zum Unterrichtsersatz) oder eben saisonales Freizeitangebot. Das wäre wohl nicht einmal halb so schlimm, wenn diese merkwürdig ausgelegte Form der Niederschwelligkeit oder des „Abholens“ der Zuschauer nicht auch in viele andere Bereiche der Arbeit im Kinder- und Jugendtheater ausstrahlen würde – vom theaterpädagogischen Angebot über die kulturellen Bildungsprojekte bis hin zu den anderen Positionen auf dem Spielplan.

Wobei man ja an dieser Stelle nicht vergessen darf, dass nur wenige der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer alleine ins Theater kommen. Eine wichtige Tatsache, die ihrerseits zu den unterschiedlichsten Formen der Abhängigkeit führt. Im Grunde ist es also hierbei genau so wichtig, die Erziehungsberechtigten oder Aufsichtspersonen anzusprechen wie die jungen Zuschauer selbst. Wenn nicht sogar wichtiger. Eine schwierige Aufgabe, wie die meisten Macher des Theaters für junges Publikum bestätigen werden. Jedes noch so gut ausgebaute Netzwerk zu Schulen oder Kitas fußt letztendlich auf der Überzeugungskraft der Theater. Und dabei wiegen präzise pädagogische Argumente, konkrete Lehrplanbezüge oder eindeutige Verbindungen zu medial geführten Gesellschaftsdebatten immer noch mehr als die Kunst. Was unterm Strich bedeutet: Die Erwachsenen entscheiden nicht nur, was sie zeigen und spielen, sondern auch, wer es sehen darf. Ein banaler Fakt, vielleicht auch eine unumgänglich erscheinende Situation, jedoch eine notwendige Tatsachen-Erinnerung, wenn es um das heutige Theater für junges Publikum geht: Das Theater für Kinder und Jugendliche liegt eigentlich komplett in den Händen Erwachsener.

Theater für Babys als Erwachsenensache

Nirgendwo spürt man das derzeit vielleicht deutlicher als im Theater für ganz junges Publikum, für die Allerkleinsten. Ein zumindest in Deutschland noch recht junger Zweig des Kindertheaters, der sich bei seiner Arbeit zuvorderst an den wissenschaftlich belegbaren körperlichen und geistigen Entwicklungsstufen seiner Zuschauer orientiert und sich somit ein Handlungsgerüst und seinen Spielraum baut. Eine weiterhin streitbare Position der „jungen Theaterkunst“, die an dieser Stelle auch nicht zur allgemeinen Diskussion gestellt werden soll, aber ein gutes Beispiel für die überstarke Rolle der Erwachsenen im Theater für junges Publikum ist. Form und Spielweise werden hier klar an den Erfahrungen entlang gebaut, die wir Erwachsene mit den Allerkleinsten machen. Seien diese nun neurologisch untermauert oder durch persönliche Erlebnisse geformt. Inhalte und Geschichten scheinen vor allem die Erwartungen der Eltern an ein Theater für Kleinkinder und Babys widerzuspiegeln, die in vielen Vorstellungen entweder selbst mit großer Rührung in den Augen zum Zuschauer werden oder – was häufiger der Fall ist – aus den Reaktionen ihrer eigenen und der anderen Kinder ihre persönliche Parallelveranstaltung bauen.

Und genau an dieser Stelle wird es trotz aller Kritik auch wieder spannend. Wird doch hier ganz eindeutig der Erlebnis- und Erfahrungsraum der ganz jungen Zuschauer auf die Bühne gestellt. Wenn auch nicht immer beabsichtigt, so doch in einer ganz konkreten und ungeschminkten Form. Und war nicht genau das einer der wichtigsten Ansätze des frühen Kinder- und Jugendtheaters in seinen Anfangszeiten in den späten 1960er Jahren? Den pädagogischen Selbstermächtigungsüberbau einmal abgezogen, stand die Welt des Publikums damals ganz klar im Vordergrund der „Gründerjahre“. Nun kann sich niemand sozialromantische Klischees und pedantische Aufklärungsnummern zurückwünschen, aber die Wirklichkeit der jugendlichen Zuschauer, die Erfahrungen der kindlichen Besucher, die Welt der Heranwachsenden wären willkommene Gäste im Theater für junges Publikum. Nicht die Abbildung der Realität durch Sprache und Bilder von Erwachsenen, sondern die ehrliche Öffnung für das Leben seiner Zuschauer.

Theater als Ort der Freiheit

Dazu gehören jetzt nicht allein partizipative Projekte, gemeinsame Entwicklungen mit Kindern oder Jugendlichen, sondern vielmehr die klare Sicht auf unsere Gesellschaft und die ernst gemeinte Einladung, gemeinsam mit dem jungen Publikum aus dem Theater einen Ort zu machen, der sich die Freiheit nimmt, Kunst zu machen. Und zwar mit all dem, was uns dieses Leben gibt. Mit den kleinen Geschichten vom Frühstückstisch, den Unerträglichkeiten des Erwachsenwerdens, den Unmöglichkeiten unseres Strebens, die Welt zu retten, und den versponnenen Albernheiten der späten Abende. Kurzum mit der Welt in und um uns herum. Und das gerade nicht mit der Vorsicht des pädagogisch Geschulten, nicht mit dem vorauseilenden Gehorsam der Sachverwalter und der mathematischen Berechnung der Hochfinanz, sondern ganz im Sinne des Kunstauftrags, für den wir im Kinder- und Jugendtheater genauso verantwortlich zeichnen wie die Künstler in den „großen“ Häusern.

Einige Theatermacher tun dies bereits. Und das nicht erst seit gestern und mit beachtenswerten Ergebnissen. Freie Gruppen wie pulk fiktion (siehe auch das Porträt über Hannah Biedermann auf Seite 52) oder Follow The Rabbit, die mit Bühnenerzählungen wie „Der kleine hässliche Vogel“ die Grenzen zwischen Schauspiel, Performance und Musik mit großer Leichtigkeit einreißen und Altersgrenzen dabei bestimmt und freudvoll außer Kraft setzen. Eigenständige Häuser wie das Bonner Theater Marabu inklusive seines Jungen Ensembles, das zuletzt mit Gerhard Meisters „In meinem Hals steckt eine Weltkugel“ ebenfalls einen entschlossenen Schritt in Richtung Spartenöffnung vorgelegt hat und das mit einem jugendlichen Partizipationsprojekt, das gleichermaßen klug wie politisch Stellung zur aktuellen Weltlage bezieht. Und auch einige kommunale Spartenhäuser arbeiten, wenn auch etwas leiser, an dieser Neupositionierung des Jungen Theaters. An der bewussten Auflösung der alten Abmachungen und Grenzen, der mutigen Öffnung des Theaterraums. Und das im vollen Bewusstsein der Herausforderungen und Risiken, die es braucht, um das Theater für junges Publikum als gültigen und relevanten Kunstraum aufzustellen und zu behaupten.

Um sich selbst neu zu finden, so scheint es, ist es für das Kinder- und Jugendtheater heute wichtiger denn je, die Grenzen zu den anderen Sparten auszudehnen, zu beugen und immer weiter aufzulösen. Und das ist keine leichte Aufgabe im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Förderung, konkreter Publikumsakquise und künstlerischer Arbeit. Aber gerade der Blick auf die derzeitigen Ausnahmen von der Regel stimmt einen zuversichtlich. Oder zumindest hoffnungsvoll.

Über den Autor

Bernd Mand leitet seit September 2016 zusammen mit Inka Neubert das Mannheimer Theaterhaus G7.
- Geboren 1978, Sudium der Kunstgeschichte und Geschichte in Heidelberg
- Von 2012 bis 2015 Kurator beim Festival Augenblick mal!
- 2015 in der Jury für den Jungwild-Förderpreis für Junges Theater in Österreich und von 2010 bis 2012 Juror beim Jugendtheaterpreis Baden Württemberg
- 2013 gründete er das kulturjournalistische Nachwuchsprojekt GUSTAV, zudem zahlreiche Projekte im Rahmen der kulturellen Bildung und Kulturvermittlung
- freier Kulturjournalist, Autor und Theaterkritiker u. a. für nachtkritik.de, IXYPSILONZETT und den Mannheimer Morgen